Indien wird derzeit von einer Corona-Welle regelrecht überrannt, so zumindest lassen uns Medienberichte glauben. Der Megastaat mit 1,3 Milliarden Einwohnern wurde bisher von Corona weitestgehend geschont und war ohnehin erst im Sommer 2020 betroffen.

Von Franziska Bernhard

Noch im März konnte Indien eine verhältnismäßig äußerst geringe Zahl an Covid-Fällen verzeichnen, in manchen südlichen Bundesstaaten sank die Sterberate sogar um bis zu elf Prozent. Und das, obgleich der Milliardenstaat eine enorme Schere zwischen Arm und Reich hat, hunderttausende Wanderarbeiter feststeckten, während die wachsende Mittelschicht vor allem im tropischen Süden kaum betroffen war und die lokalen Konzerne ihr großes Geschäft witterten. Tatsächlich ist Indien der größte Produzent medizinischer Produkte und Medikamente weltweit. Kein Wunder also, dass der Tigerstaat zur „Apotheke der Welt“ wurde. Die Chancen auf ein massives Wachstum der starken indischen Medizinkonzerne waren also immens.

Indiens „Corona-Hölle“ vergleichbar mit Österreich?

Doch Indien verzeichnet aus dem Nichts heraus, nachdem vor kurzem erst hinduistische Hochfeste mit Millionen Besuchern erfolgreich gefeiert wurden, einen plötzlichen Anstieg von Corona-Zahlen. Indien hat inzwischen 17,9 Millionen Corona-Fälle und über 360.000 Neuinfektionen insgesamt. Das entspricht bei einer Bevölkerungszahl von 1,3 Milliarden allerdings einer 7-Tages-Inzidenz von 172,5 und damit ziemlich genau der von Österreich mit 170,2. Plötzlich aber sieht sich Indien gezwungen, für den Export bestimmte Impfstoffe selbst verbrauchen zu müssen und sogar aus Russland und den USA Medikamente zu importieren.

China hilft dem Erzfeind – nur ein Vorwand?

Ausgerechnet China bietet sich nun an, großzügige Hilfslieferungen zu leisten. Analysten vermuten, China wittere hier seine Chance, einen Keil zwischen die traditionell enge Allianz Indiens mit den USA zu treiben: „Es gibt immer eine versteckte Agenda hinter Pekings Machenschaften“, so Indiens Außenminister Kanwal Sibal. „China möchte uns hiermit zeigen, dass die USA kein verlässlicher Partner seien.“

Auch Ashok Sajjanhar, ehemaliger Botschafter des Landes in Schweden und Lettland, sagte: „In einer Demokratie muss die Regierung die öffentliche Meinung berücksichtigen. Indien hätte China direkt in die Hände gespielt, wenn es sein Hilfsangebot angenommen hätte, da letzteres immer auf der Suche nach einer Vorherrschaft auf der geopolitischen Bühne ist.“

Hilfe aufgrund geopolitischen Machtstrebens

In der Tat kam es in jüngster Zeit immer wieder teils zu militärischen Spannungen zwischen Indien und China. Im vergangenen Jahr haben chinesische Truppen indisches Gebiet im Himalaya völkerrechtswidrig besetzt, danach kam es immer wieder zu Schusswechseln.

Da Indien als weltgrößter Medizinproduzent derzeit eine internationale Verantwortung wahrnimmt, aber auch eine große Chance nutzt, die eigene Wirtschaft zu kräftigen, ist der Subkontinent weiterhin ein Widersacher Chinas. Auch die Militärpräsenz an der Seite Japans und Australiens im Indischen Ozean behindert Chinas Vormachtsanspruch auf die wichtigen Handelsrouten. Kein Wunder also, dass ausgerechnet China sich nun als Retter inszeniert, ist es doch der einzige Profiteur an Indiens misslicher Lage.

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