Mehrere Pestepidemien löschten im Mittelalter knapp ein Drittel der europäischen Bevölkerung aus. Geschätzt fielen der Pestilenz etwa 20 Millionen Menschen zum Opfer – ganze Landstriche wurden entvölkert. Damals wurde u. a. auch die Quarantäne als Schutzmaßnahme eingeführt.

von Dr. Siegfried Pichl

Der Begriff der „Pandemie“ geisterte in den letzten Monaten hinreichend durch die Medien. Als geradezu harmlos muss Covid-19 aber im Vergleich zum gefürchteten „Schwarzen Tod“ des Mittelalters erscheinen.

Dieser Beiname wurde der Beulenpest gegeben, da sich an infizierten Personen schwarze Beulen bemerkbar machten.

Eingeschleppt aus Asien

Der Pesterreger wurde wahrscheinlich aus dem asiatischen Raum im Zuge wachsender Handelsbeziehungen nach Europa eingeschleppt. Da die sanitären Verhältnisse des Mittelalters noch sehr im Argen lagen, konnte der Bazillus dann ungehindert durch Ratten und Flöhe weitergegeben werden.

Die schwerste Pestepidemie wütete in den Jahren 1347 bis 1353 in Europa. Vermutlich durch Schiffe aus dem Vorderen Orient eingeschleppt, verbreitete sich der Erreger binnen weniger Jahre über ganz Mittel- und Nordeuropa. Deutschland, Frankreich, England, Polen und Skandinavien waren betroffen.

Genaue Opferzahlen sind nicht zu eruieren, man nimmt aber wenigstens 20 Millionen Opfer an – eine geradezu unfassbare Zahl. Manche Landstriche wurden regelrecht entvölkert.

Für die rasante Ausbreitung der Seuche waren zum einen die schlechten hygienischen Bedingungen verantwortlich, zum anderen trug natürlich die Unkenntnis über Ursachen und nötige Gegenmaßnahmen wesentlich dazu bei.

Patienten wurden geschröpft

Schädliche, durch ungünstige Winde verbreitete Dünste (sogenannte „Miasmen“), verseuchtes Wasser oder der Einfluss der Planeten wurden geltend gemacht. Als Behandlungsmethode wurde der Aderlass als medizinische Allzweckwaffe jener Zeit eingesetzt.

Man versuchte, damit die Krankheitserreger aus dem Körper zu spülen. Eine ähnliche Wirkung erhoffte man sich von Einläufen und dem Verabreichen von Brechmitteln – was freilich nur zur Schwächung des Patienten beitrug.

Auch das Verbrennen bestimmter Kräuter oder das Versprühen von Rosenwasser sollten eine heilsame Wirkung haben.

Ikonische Pestärzte

Bekannt sind die Pestmasken jener Zeit, mit denen sich behandelnde Ärzte vor der Ansteckung zu schützen hofften. In den schnabelartigen Masken befanden sich Kräuter und duftende Essenzen – eine natürlich denkbar ungeeignete Schutzmaßnahme gegen das Pestbakterium.

Vor allem in den schmutzigen und engen Städten hatte die Seuche leichtes Spiel. Krankenhäuser konnten die Infizierten nicht mehr aufnehmen, Ärzte verweigerten aus Furcht die Behandlung. Durch Menschen, die panik­artig die Flucht aus den Städten ins Umland antraten, wurde der Erreger immer weiter verbreitet.

Während die Mediziner im Dunkeln tappten, was die Ursache der Pandemie anging, war für die gottesfürchtige Bevölkerung des Mittelalters bald klar, es mit einem Strafgericht Gottes zu tun zu haben.

Allenthalben wurde zu Umkehr und Buße aufgerufen, vermehrt wurden Messen und Prozessionen abgehalten. Bekannt sind auch die Flagellantenumzüge jener Zeit, deren Teilnehmer durch grausige Selbstgeißelung Gnade vor den Augen Gottes zu finden hofften.

Juden als Sündenböcke

Auch die im christlichen Europa ohnehin stets beargwöhnten Juden wurden als angebliche Brunnenvergifter für die Seuche verantwortlich gemacht und boten somit ein Ventil für die hilflose Wut der Menschen. Es kam zu Verfolgungen und zum Niederbrennen jüdischer Stadtviertel.

Freilich konnte dies der Plage keinen Einhalt gebieten. Erst nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass strenge Isolation der Erkrankten hilfreich war. In Venedig wurde die Besatzung einlaufender Schiffe 40 Tage lang in Beobachtung gehalten; aus dem italienischen Wort „quaranta“ (vierzig) leitet sich dann auch unser Wort „Quarantäne“ ab.

Erst nach sechs langen Jahren fand das Wüten des Schwarzen Todes in Europa ein Ende. Auch wenn in den folgenden Jahrzehnten immer wieder ein regionales Aufflackern der Pest festzustellen war, kam es doch nie mehr zu einer solch verheerenden Epidemie, wie sie die Mitte des 14. Jahrhunderts gesehen hatte.