Vor einigen Wochen galt Österreich aufgrund der rigorosen Lockdown-Maßnahmen noch als das Musterbeispiel für die Corona-Bekämpfung in Europa. Während aber nun die Kritik am Lockdown-Modell immer lauter wird, lobt die WHO den schwedischen Sonderweg. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, heißt es. Werden das die Schweden sein? Eine Analyse.

Ein Bericht von Bernadette Conrads und Elsa Mittmannsgruber

Anders Tegnell gilt als der Mann hinter dem schwedischen Corona-Management. Den Begriff Herdenimmunität lehnt er ab. Dabei sollen im Großraum Stockholm bereit 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung immun sein. Mittlerweile bedauert er die hohe Todesrate Schwedens. Begründet sieht er sie fast ausschließlich in der Schwierigkeit, Pflegeheime ausreichend vor dem Virus abzuschotten. Trotzdem hält er an seinem Kurs fest.

Ebola-Erfahrungen als Gedankenanstoß

Tegnell hat in Afrika beobachtet, wie aufgrund von Ebola-Infektionen während medizinischer Eingriffe sämtliche Operationen verboten wurden. Seiner Meinung nach wurde die Todesrate durch den Einbruch im Gesundheitssystem höher als durch den Ausbruch der Epidemie selbst.

Seine Erfahrung mit Ebola habe ihn gelehrt, die menschliche Gesundheit umfassender zu betrachten. Anders als in Österreich hielt sich die schwedische Regierung weitgehend aus dem Umgang mit der Corona-Problematik heraus.

Freiwillige Disziplin und Vernunft

Stattdessen sollte das Gesundheitsministerium gemeinsam mit Experten eine Strategie erarbeiten und der Bevölkerung Empfehlungen erteilen. Dabei setzt Schweden auf die Vernunft seiner Einwohner und vor allem auf freiwillige Disziplin.

Die Bevölkerung zeigt sich in Umfragen überzeugt von dem Sonderweg, der international in einem Wechselspiel von Sorge und auch Neid beobachtet wird.

Regeln nehmen Augenmaß

Auch in Schweden werden die Bürger angehalten, Abstand zu halten. Das fällt im zersiedelten Schweden, das über eine sehr geringe Bevölkerungsdichte verfügt, vergleichsweise leichter.

Die Maßnahmen der Regierung beschränken sich auf die Schließung höherer Schulen sowie Universitäten, die Beschränkung von Veranstaltungen auf maximal 50 Personen und die Abschottung der Risikogruppen.

Teils erfinderische Maßnahmen

Alles andere findet auf freiwilliger Basis statt. Wer sich krank fühlt, zuhause bleiben, wer sich gefährdet fühlt, soll von zuhause aus arbeiten. Um die bei der Jugend begehrten Walpurgisnachtfeiern in den Parks der südschwedischen Studentenstadt Lund zu unterbinden, griff man dennoch zu einer drastischen Maßnahme.

So wurde den Studenten die Feierlaune verdorben, indem die Behörden anlässlich des Feiertags das Düngen der Parkwiesen mit Hühnerkot anordneten. Schweden setzt auf Vernunft statt Verbote, und selbst im Zweifel wird eine anti-autoritäre Lösung gefunden.

Im Kern aber verfolgt Schweden dieselbe Strategie wie andere europäische Staaten auch. Die Anzahl der Neu-Infektionen soll niedrig gehalten werden,  um das Spitalssystem nicht mit Massen an Erkrankten zu überlasten.

Stabiles System als Trumpf

Schweden verfügt über einer der besten Gesundheitssystem weltweit. Das Corona-Problem scheint sich in Schweden auf die Ballungszentren zu beschränken. Mehr als die Hälfte aller Toten stammt aus Stockholm.

Dort steht das Gesundheitssystem unter großem Druck. Über 500 Patienten müssen in der schwedischen Hauptstadt auf der Intensivstation behandelt werden. Von einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems kann dennoch keine Rede sein.

Das Problem des Todesfälle beruht überwiegend auf einem nicht ausreichendem Schutz der Alten- und Pflegeheime, wie die Experten mittlerweile einräumen. Erst mit 1. April ist der Besuch der Heime verboten worden und bis dahin soll das Virus bereits eingeschleppt worden sein. Vor allem, die im Zusammenhang mit Covid-19 in Schweden verstorben sind, waren 90% über 70 Jahre alt. Mehr als die Hälfte von ihnen war pflegebedürftig.

Wirtschaft leidet trotzdem

Im eng verwobenen Netz weltweiter Abhängigkeiten macht der wirtschaftliche Einbruch auch vor Schweden nicht Halt. Der schwedische Aktienkurs ist genauso eingebrochen wie der österreichische. Schweden ist sehr stark vom Export abhängig. Durch die Shutdowns der anderen Staaten fielen einige Handelspartner vorerst weg.

Wichtige Lieferketten sind zusammengebrochen und durch den Shutdown Chinas fehlen Bauteile in schwedischen Fabriken. Folglich wurden auch Schweden in die Kurzarbeit geschickt oder haben gar ihren Arbeitsplatz verloren.

Auch in Schweden: Viele Schließungen und Heimarbeit

Die Schweden nehmen die Empfehlungen ihrer Gesundheitsexperten ernst, üben sich im Abstandhalten und verzichten auf nicht notwendigen Konsum. Firmen sind freiwillig nach Möglichkeit auf Heimarbeit umgestiegen.

Auch ohne staatliche Anordnung halten viele Gastronomen ihre Restaurants und Lokale auf freiwilliger Basis geschlossen. Die Hotellerie ist um 95% eingebrochen. Der Immobilienwert befindet sich im Fall. Wirtschaftsexperten damit, dass Schweden – ebenso wie Österreich – im Laufe des Jahres einen Konsumrückgang von rund 3 % zu verzeichnen haben wird.

Langfristig könnten die Schweden dennoch besser aussteigen: Schweden hat 20 Milliarden Euro an Unternehmensförderungen bereitgestellt, um bestehende Arbeitsplätze für die Zeit nach der Krise zu erhalten. Die Staatsverschuldung Schwedens ist nicht einmal halb so groß wie jene Österreichs.

Zuversicht trotz Sterbezahl

Die schwedische Todeszahlen sind auf den ersten Blick bemerkenswert. Bei einer Bevölkerung von 10,2 Millionen Einwohnern hat Schweden bereits über 3000 Corona-Tote zu verzeichnen. Das sind etwa fünf Mal so viele wie in Österreich.

Die schwedischen Experten lassen sich von der – im internationalen Vergleich – hohe Sterblichkeit aber nicht beirren. Sie argumentieren, dass die Sterblichkeit Schwedens am Ende des Jahres keine höhere sein wird als in jenen Ländern, die sich einem strengen Lockdown unterzogen haben.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist Teil des Wochenthemas der Print-Ausgabe 19/20 vom 14. Mai 2020. Die Stand der Zahlen und Fakten reflektiert daher die Lage zum damaligen Zeitpunkt.