Das Adelshaus der deutschen Welfen ist besser als Prinz Ernst Augusts schlechter Ruf. Nach seinem jüngsten Ausraster in seinem Grünauer Domizil, das er unlängst kurz mit einer Gefängniszelle in der Justizanstalt Wels tauschen musste, fragen sich viele Oberösterreicher, wer diese Welfen sind und was sie einst in die Wälder des Almtals verschlug. Mit dem Bezirk Gmunden ist das Adelsgeschlecht seit mehr als 150 Jahren auf das Engste verbunden.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

„Da sitzen sie doch!“ – „Wo?“, fragte meine Begleiterin. – „Na da“, sagte ich und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Tisches auf der Terrasse des Grünbergwirts in Gmunden, wo in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre ein weltbekanntes Paar unbehelligt speiste: Caroline von Monaco und Prinz Ernst August von Hannover.

Unbehelligt in Gmunden

Sie taten das dort ohne Bodyguards, ohne Menschenandrang und ohne Fotografenauflauf.
Wir waren zufällig vorbeigekommen und nahmen in ihrer Nähe Platz. Vor Betreten des Gasthauses hatte mich ein Bekannter bereits auf die prominenten Besucher hingewiesen.

In Gmunden waren die beiden damals öfter zu sehen. Von ihrem Grünauer Jagdhaus aus, wo sich Ernst August und seine Frau Caroline gern aufhielten, wenn sie in Oberösterreich waren, ist es nicht weit in die Traunsee-Stadt. Dort haben sie das eine oder andere auch schon Mal in den örtlichen Geschäften eingekauft.

Eine starke Versuchung

Als Reporter juckte es mich natürlich, aus der Situation beim Grünbergwirt Kapital zu schlagen und die beiden zu interviewen und zu fotografieren. Doch Franz Pernkopf zuliebe, der das beliebte Ausflugslokal betreibt und bei dem auch ich in jener Zeit häufig verkehrte, unterließ ich es, das Paar in seiner Zweisamkeit zu stören.

Bei Ernst August, der damals schon den Ruf eines Prügel-Prinzen hatte, wäre dies vermutlich nicht ungefährlich gewesen. Da ich mir ausrechnen konnte, dass er sich auf ein schnelles, spontanes Gespräch an seinem Tisch kaum einlassen würde, verzichtete ich darauf, ihn zu fragen.

Journalisten, das war bekannt, mochte er nicht. So verlief diese Begegnung mit ihm in Gmunden, die eigentlich keine wirkliche Begegnung war, für alle auf der Terrasse versammelten Menschen friedlich und unfallfrei.

Die Polizisten, die vor einigen Wochen in Ernst Augusts Grünauer Refugium in seine Nähe gerieten, hatten weniger Glück. Was genau in der Nacht zum 15. Juli in seinem Jagdhaus geschah, wird wohl erst noch geklärt werden müssen. Denn über das, was dort passiert war, gibt es widersprüchliche Aussagen.

Grünauer halten zum Prinzen

Sicher jedoch ist, dass Ernst August in dieser Nacht ausrastete – aus welchem Grund auch immer. Auf den Fotos, die kurz danach veröffentlicht wurden, sieht er kaum noch aus wie eine Königliche Hoheit, die dem ältesten Adelsgeschlecht Deutschlands angehört, sondern eher wie ein Angehöriger des Prekariats nach übermäßigem Alkoholgenuss.

Nachdem er am 7. September erneut Anlass für einen Polizeieinsatz gegeben hatte, reichte es der Justiz: Das für seinen Wohnbereich zuständige Welser Gericht verfügte die seine Festnahme.

Für die meisten Menschen in Oberösterreich scheint der Urenkel des letzten deutschen Kaisers auf Grund seiner Eskapaden schlichtweg ein Verrückter zu sein.
Doch die meisten Grünauer dürften in Ernst August mehr einen Wohl- als einen Gewalttäter sehen.

Als Großgrundbesitzer ist er natürlich auch ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Er sei eine angesehene Person, lobte noch im Juli der Grünauer Bürgermeister Wolfgang Bammer den Prinzen, der für viele Anliegen stets ein offenes Ohr hätte.

Verschließen deshalb vielleicht so viele Bewohner im Ort vor Ernst Augusts Eskapaden die Augen? Doch „Haugust“, wie ihn die „Bild-Zeitung“ tituliert, könne auch sehr charmant und sogar witzig sein, attestieren ihm einige seiner Wegbegleiter.

Geachtete Vorfahren

Allerdings: Während sich einer seiner berühmtesten Vorfahren, nämlich Heinrich der Löwe, vornehmlich noch mit Feinden seines Herzogtums schlug, stürzt sich Ernst August heute oft in private Fehden mit normalen Bürgern.

Dabei schlägt er in der Nähe seiner Stammburg in Braunschweig auch schon mal mit dem Regenschirm auf einen Fernsehreporter ein, tritt die Journalistin einer Illustrierten während der Salzburger Festspiele mit dem Fuß oder ohrfeigt einen Discobesitzer in Kenia – freilich nur symbolisch, wie der Prinz dazu bemerkte.

Aber so kennt man die Welfen bei uns eigentlich nicht. Nachdem ihr Königreich Hannover 1866 im sogenannten Deutschen Krieg von den Preußen annektiert worden war, ging König Georg V. mit seiner Familie nach Oberösterreich ins Exil.

Auf Grund ihrer Verwandtschaft mit fast allen Adelshäusern Europas hätten sich Georg und die Seinen eigentlich überall niederlassen können. Doch sie erwählten sich Gmunden am Traunsee für ihr neues Leben, wohin man mit großem Hofstaat und dem Familienschatz übersiedelte.

König Georg nahm zunächst an, dass sein Exil nicht lang dauern würde, doch 1882 ließ sein Sohn Ernst August II. vorsorglich eine neue standesgemäße Familienresidenz bauen: Schloss Cumberland. Zuvor schon hatte man im Almtal ein riesiges Forstrevier erworben, um sich dort die Sonntagsbraten schießen zu können. In diesem Revier lebte heute König Georgs rabiater Ururenkel.

Rummel in Vöcklabruck

Gmunden hat vom Zuzug des Welfengeschlechts zweifellos profitiert. Nicht nur lokale Bauvorhaben und Straßenprojekte wurden von dem protestantischen Adelsgeschlecht finanziell unterstützt, auch eine evangelische Kirche samt Pfarrhaus ließ es errichten.

Als sich die Hannoveraner 1933 in Deutschland eine Teilrückgabe ihrer früheren Besitzungen gerichtlich erstritten hatten, beendeten sie ihr österreichisches Exil. Doch der Traunsee- und der Almtalregion sollten die Welfen auch weiterhin verbunden bleiben.

Im Krankenhaus von Vöcklabruck hat Caroline von Monaco 1999 das Kind von Ernst August, Töchterchen Charlotte, unter großer Anteilnahme der Medien zur Welt gebracht. Zu den vielen Journalisten, die damals das schwer bewachte Spital belagerten, um einen Blick auf das Neugeborene und die glückliche Mutter zu erhaschen (und diese zu fotografieren), gehörte auch ich. Und fast wäre es mir geglückt, zu Carolines Wochenbett vorzudringen.

Denn eine Kindergartengruppe mit ihren Betreuern sollte der Prinzessin zum Nachwuchs mit einem Lied gratulieren dürfen. Ich stand inmitten der Betreuergruppe und sollte eben mit ihr ins Zimmer vorgelassen werden, als mein Handy im Hosensack klingelte und so alle Aufmerksamkeit auf mich zog.

Daraufhin wurde ich von einem Body­guard verjagt. Meine Geschichte über das Geburtsspektakel samt Begleiterscheinungen habe ich trotzdem geschrieben. Veröffentlicht wurde meine Story damals in den „Oberösterreichischen Nachrichten“, die kaum erschienen waren, als beim damaligen Chefredakteur Hans Köppl auch schon das Telefon läute.

Er hob ab und am Apparat war Ernst August, der ihm statt eines „Guten Tag“ gleich das A-Wort an den Kopf warf, weil es einer seiner „Schreiberlinge“ gewagt hatte, die Kreise seiner Königlichen Hoheit zu stören. Darauf scheint der Prinz, wie die letzten Vorfälle zeigen, auch immer noch allergisch zu reagieren.