Ende 2017 erfüllte sich Anita Strasser mit Geschäftspartner Rainer Tuppinger einen Traum: Sie eröffneten das kleine, feine Geschäft „Kaufdahoam.at OG“ in Gmunden. Dann kam der Corona-Lockdown, der ihr fast den Boden wegzog. Soforthilfe-Geld gab es bisher keines.

Ein Interview geführt von Kornelia Kirchweger

Wochenblick: Sie sind sehr unzufrieden, warum?

Anita Strasser: Weil die versprochene Corona-Soforthilfe den Kleinen nichts nützt. Bei meinem ersten Antrag für die 1000 Euro fielen wir durch. Es wurde das Geschäftsjahr 2018 herangezogen. Da hatten wir keinen Gewinn, weil wir nach der Gründung viel investierten.

Probieren Sie es wieder?

Ja, die Bilanz 2019 liegt jetzt vor, 500 Euro pro Monat von April-Juni könnten wir vielleicht bekommen.

Was schlagen Sie vor?

Die Kleinen brauchen das Geld rasch und unbürokratisch. Kontrollen sind ja auch später möglich. Die Anträge, auch für einen zinsenlosen Kredit, bedeuten Papierkrieg und unzählige Telefonate mit Steuerberater und Hausbank – bei so kleinen Summen! Von der Wirtschaftskammer fühlen wir uns nicht wirklich vertreten, aber die Zwangsmitgliedschaft bleibt und man zahlt.

Sollen alle etwas bekommen?

Allen, denen es zusteht. Aber wir haben auch das Recht, zu wissen: Wer bekommt wie viel aus dem Staatsfonds, auch Konzerne wie Lutz, AUA, oder KTM. Denn ich habe mein Leben lang sehr viel Steuern bezahlt.

Das Geld gehört nicht den regierenden Politikern, es kommt von den Leuten, die arbeiten und Steuern zahlen. Die vielen, kleinen Betriebe zusammen zahlen die meisten Steuern und schaffen die meisten Arbeitsplätze! Wir könnten zusammen mehr Druck auf die Politik ausüben als ein einzelner großer Konzern!

Die Lebensmittelbehörde kam auch noch …

Ja, am Höhepunkt der Corona-Krise im Mai. Eine Dame. Sie machte auch nur ihren Job. Ihr Auftrag war die Kontrolle von EU-Vorschriften bezüglich Lebensmittel. Aber muss das mitten in Corona sein?

Sie reden von Corona-Hetze …

Ja, vor allem gegen die Alten. Es gab so viel Hass auf Facebook. Zu mir kamen betagte Leute, die sich nicht auskannten. Eine Frau am Rollator holte sich panisch Nudeln, sie hatte Angst, in den Supermarkt zu gehen. Doch gerade diese Alten haben unser Land aufgebaut.

Sind die Leute jetzt aggressiver?

Ja. Ich habe es selbst erlebt. Beim Telefonieren im Supermarkt ist mir die Maske verrutscht. Ein Kunde hat mich deswegen angeschnauzt. Seit Corona steigt die Aggression der Menschen.

Was hätten Sie besser gemacht?

Was in China geschah, wusste man bereits im Dezember. Im Jänner hätte es schon Maßnahmen gebraucht, das war planbar. Gezielt die Älteren schützen. Nicht Geschäfte, Gastronomie, Kultur und Schulen zusperren.

Jetzt haben wir eine Wirtschaftskrise, die vor allem die Kleineren umbringt. Warum müssen Diskonter Kaffeemaschinen, Blumen, Pflanzen usw. verkaufen? Das sollte man den kleineren Fachgeschäften überlassen. Dann haben die eine Chance, zu überleben.

Die Großen gegen die Kleinen …

Schauen Sie Amazon an. Gegen diesen Online-Händler kommt ein Kleiner nicht an. Solche Konzerne, die bei uns alles verkaufen, zahlen hier keine Steuern. Jeder, der in Österreich Geschäfte macht, sollte Steuern zahlen.

Nicht einfach den Firmensitz in ein Steuerparadies verlegen und sich die Hände reiben. Aber den Aktionären die nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, passt das gut in den Kram.

Was passiert nach Corona?

Das wird man erst nach Jahren sehen. Es erwischt die kleinen Bürger, und es wird viele arme Leute geben. Viel Leid, psychische Probleme, Selbstmorde wegen Schulden und Lebensangst. Eigentlich hätte jeder „Kleine“ gleich zu Beginn des Lockdowns 1000 Euro bekommen sollen. Dann erst die anderen.

Glauben Sie, dass die Leute  umdenken?

Nein, obwohl es so sein sollte. Bewusster einkaufen, gezielt regional einkaufen! Statt Konsumrausch – und dann alles wegwerfen.

Sie haben ja auch völlig umgedacht.

Ich hatte früher einen gut bezahlten, aber sehr stressigen Job. Das wollte ich ändern. Mehr Lebensqualität. Deshalb kam ich vor 5 Jahren nach Gmunden.

Jetzt fahre ich mit dem Rad zum Attersee, bewundere die gelben Rapsfelder, freue mich, wenn es anderen gut geht. Ich kenne keinen Neid. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, helfe, wo ich kann.

… und haben „Kaufdahoam“

Dieses Konzept ist voll aufgegangen. Ich kenne 90 Prozent meiner Lieferanten persönlich. Bei mir gibt es nur „Österreich“ in den Produkten – und viel Gesundheit. Wir leben Regionalität.

Wie würde Ihr Traumleben ausschauen?

Ich bin leidenschaftliche Österreicherin. Ich möchte jedes Fleckerl in Österreich erkunden. In einer Selbstversorger-Hütte leben, mit kaltem Wasser zum Waschen, die Natur genießen. Aber all das zerstören wir gerade.