Im Winter 1978/79 meldeten sich in DDR-Kliniken plötzlich immer mehr junge Mütter, die über Juckanfälle, Bauchschmerzen und hohes Fieber klagten. Es war der Beginn eines Impfskandals, verursacht durch Sozialismus und Vertuschung. Schwangere Frauen wurden in der DDR im Jahr 1978 mit einer Anti-D-Prophylaxe geimpft. Diese Impfung soll bei einer weiteren Schwangerschaft dafür sorgen, dass das Immunsystem der Mutter diese nicht verhindert. Es war nur ein kleiner Pieks, doch diese eine Spritze veränderte das Leben von zahlreichen Frauen, die bis heute an den Folgen leiden oder gar daran starben.

Aufgrund der Häufung von jungen Frauen mit ähnlichen Symptomen wurde in der DDR das Ministerium für Gesundheit in Berlin informiert. Dort wurden die Fälle erst einmal gesammelt, ehe die Suche nach der Ursache begann. Dr. Barbara Kirsch von der Bezirkshygiene-Inspektion Leipzig fiel auf, dass bei den an Gelbsucht Erkrankten häufiger Frauen dabei waren, die gerade entbunden hatten. Schnell kam der Verdacht auf, dass die Erkrankungen etwas mit der Anti-D-Prophylaxe-Impfung zu tun haben könnten.

Ihre Recherchen führten sie nach Halle, wo Dr. Wolfgang Schubert das Bezirksinstitut für Blutspende- und Transfusionswesen (BIBT) leitete. Dr. Schubert entwickelte mit der Chemikerin Dr. Viktoria Tesar den Impfstoff zur Anti-D-Prophylaxe. Er informierte sie darüber, dass der Impfstoff seit 1971 genutzt wurde und er war sich sicher, dass Babys dadurch seltener im Mutterleib sterben würden. Für seine Forschungen und Entwicklung der Impfung hatte Schubert bereits 1976 in der DDR den Nationalpreis erhalten.

Die DDR wollte Impf-Vorbild werden

Nirgends wurde der Anti-D-Impfstoff so flächendeckend injiziert wie in der DDR, da der verhängnisvolle Pieks in der DDR per Gesety zur Pflicht gemacht wurde.

Verseuchte Blut-Spende

Ausgangsstoff für den Impfstoff war Blutplasma mit D-Antikörpern, was allerdings selten vorkommt. Da Ende 1978 ein Engpass an geeignetem Blutplasma eintrat, geriet die Impfstoffproduktion in Schuberts Laboren ins Stocken. Die DDR Regierung setzte daraufhin sämtliche Hebel in Bewegung, um das begehrte Blus-Plasma zu erhalten und rief das Volk auf, für das Allgemeinwohl Blut zu spenden. Eine dieser Spenden war dann mit Hepatitis-Viren verseucht. Laut Anordnungen des Transfusionsdienstes der DDR hätte diese nicht verwendet werden dürfen. Da trotz der Blutspenden nicht genug Plasma mit D-Antikörpern zusammenkam, entschied sich Schubert, das verseuchte Plasma doch zu nutzen. Er verdünnte es mit anderen Plasmen und gab später an, er ging davon aus, dass so die Hepatitis-Viren abgetötet worden wären.

Folgenschwere Fehlentscheidungen

Schubert ignorierte sämtliche Warnungen und produzierte mit dem gemischten Plasma Impfstoff. Die Kontrolleure in den Blutspende-Einrichtungen vertrauten Schubert blind und gaben die Impfstoffe frei. Tausende verseuchte Anti-D-Ampullen wurden an die DDR-Krankenhäuser geliefert.

Nach einem kleinen Pieks gab es Anfang 1979 in der DDR-Hauptstadt zehn Krankheitsfälle, in Rostock sechs, in Leipzig und Sangerhausen jeweils vier. Einige Frauen waren da schon in Lebensgefahr. Bis dahin waren fast 2.000 der ungeprüften Impfdosen verabreicht worden.

Planerfüllung um jeden Preis

Erst dann fanden Kontrolleure in Schuberts Labor Hinweise darauf, dass er das verseuchte Plasma verwendet statt zerstört hatte. Der Skandal erreichte jetzt auch das Zentralkomitee der SED. Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger rief eine Experten-Kommission ein, um die Verantwortlichen zu ermitteln. Im Verhör rechtfertigte sich Schubert mit dem Engpass an Blutplasma, worauf er hingewiesen wurde, dass so etwas in der Deutschen Demokratischen Republik doch nie der Fall sein könnte, dass irgendwo eine Mangelsitutation auftrete. Die DDR wollte den Schein des perfekten Regimes unbedingt aufrecht erhalten. Der Impfskandal sollte vertuscht werden. Über Ursache und Wirkung wurde öffentlich nicht gesprochen.

Bis Februar 1979, also etwa sieben Wochen nach Beginn der Impfungen waren bereits 475 Frauen erkrankt, im Frühjahr 1979 waren es 1.400 Frauen und auch etwa 30 Säuglinge, die an Gelbsucht litten. Der Skandal zog sich weiter, da auch noch im April 1979 vermutlich 1.000 weitere Frauen mit dem Hepatitis-Virus infizierten, da sie verseuchte Impfstoffe erhielten.

Opfer erst im Jahr 2000 entschädigt

Erst dann erstattete Gesundheitsminister Mecklinger beim Generalstaatsanwalt der DDR Anzeige gegen Dr. Schubert. Ganze zehn Monate nach dem ersten Auftreten der ersten Hepatitis-Infektion begann im November 1979 der Prozess gegen Dr. Wolfgang Schubert. Das Urteil fiel spärlich aus: Zwei Jahre Haft und der Entzug der ärztlichen Approbation. Schubert erhielt keine Haftstrafe, verfiel dem Alkohol und starb wenige Jahre später an Leberversagen.

Die Opfer, die bis heute an den Folgen der Impfung leiden, wurden erst im Jahr 2000 entschädigt, wobei viele die knapp gehaltene Antragsfrist nicht nutzen konnten und bis heute unentschädigt bleiben.

Das Impfdesaster war der größte Medizinskandal der DDR

Wissentlich behandelten die Ärzte in der sozialistischen DDR mehr als 4.000 schwangere Frauen mit einem verseuchten Medikament. Die Frauen erlitten folglich Leberschäden. Die DDR-Regierung, die einst weltweites Impfvorbild werden wollte, spielte den Skandal herunter.

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(AA)

Weiterführende Links

https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=24373

https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Der-Hepatitis-Skandal-in-der-DDR-272975.html