Seit Jahren stöhnt die Wirtschaft über den Mangel von Fachkräften. Es werden Listen mit Mangelberufen geführt, die bevorzugt Visa und Arbeitserlaubnisse erhalten sollen. Doch zum Guten verändert hat sich bisher nicht viel. Auch der Jubel der Politik und Wirtschaft über den „Zustrom von gutausgebildeten Fachkräften“ zu Hunderttausenden im Jahr 2015 konnte diese Probleme nicht beheben – entsprachen die Fachkräfte wohl doch nicht den Erwartungen …

Von Matthias Hellner

Mindestens 400.000 Zuwanderer pro Jahr würde man in Deutschland brauchen, so vor einigen Wochen der Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele, um den Fachkräftemangel zu beheben. Gesucht würde Personal in fast allen Bereichen, von der Pflege über Klimatechniker bis zu Logistikern und Akademikerinnen. Dabei sollte in Deutschland der Fachkräftemangel für die nächsten Jahrzehnte eigentlich kein Problem darstellen. Allein 2015 durch den Zuzug von 2,137.000 Personen ergab sich ein Puffer für die nächsten fünf Jahre. Auch 2016 kamen 1,865.122 und 2017 bis 2019 jeweils rund 1,5 Millionen Menschen ins Land. Daimler-Chef Dieter Zetsche zeigte sich 2015 über die hoch motivierten Flüchtlinge erfreut und prophezeite ein neues deutsches Wirtschaftswunder. Auch Politik und Medien erklärten, dass gutausgebildete Fachkräfte, also Ärzte und Ingenieure über die Grenzen kämen. Raimund Becker, von 2004 bis 2019 Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit relativierte etwas später, man dürfe nicht zu viel erwarten: „Diese Menschen, die heute zu uns kommen, sind nicht die Fachkräfte von morgen. Sie sind die Fachkräfte von übermorgen.“

Probleme schon lange bekannt

Nun, im über-übermorgen ist es offenbar immer noch nicht so weit und das Problem bleibt weiter aktuell. Denn die Flüchtlinge scheinen die von Medien und Politik kolportierten Fähigkeiten offenbar nur in geringem Maße zu erfüllen und können die wirklichen Fachkräfte keineswegs ersetzen. Scheele erklärt daher auch zu seiner Forderung der 400.000 Fachkräfte: „Aber mir geht es hier nicht um Asyl, sondern um gezielte Zuwanderung für die Lücken am Arbeitsmarkt.“ Ähnliche Probleme gibt es auch in Österreich. Seit Jahren werden vom Augenoptiker über Fräser, Dreher und Techniker bis zu Gesundheits- und Krankenpflegern Besetzungen für freie Stellen gesucht, ebenso in Gastronomie und Tourismus. Und dies auch schon lange vor Corona, wie etwa der Liste für Mangelberufe des Sozialministeriums aus dem Jahr 2019 zu entnehmen war. Dazu kommen auch noch Probleme bei der Stellenbesetzung von Lehrern und in Kindergärten sowie verstärkt im Handel. Durch Corona wurden diese Probleme höchstens noch verschärft.
Schon Anfang Jänner 2019 klagten die Mitarbeiter des Linzer Kepler-Klinikums über Personalmangel und Überbelastung. Patienten hingegen beschwerten sich über stundenlange Wartezeiten, die dem Personalmangel geschuldet waren. ÖVP-Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander wolle das Gespräch mit den Mitarbeitern im Kepler-Klinikum suchen. Doch dann passierte erst einmal nichts. Im Sommer sickerten wieder Informationen über die prekäre Situation an die Öffentlichkeit. Es sei schwierig, genügend neue Mitarbeiter zu finden. Daher müsse man noch effizienter werden, um die hohe Belastung zu reduzieren, hieß es vonseiten des Klinikums. Dies ist aber kein spezifisches Problem in Linz oder Oberösterreich. In ganz Österreich ist seit Jahren von Ärztemangel und auch Knappheit des Pflegepersonals die Rede. Auswirkungen haben die Probleme im Gesundheitsbereich auch auf Hebammen. Bereits 2018 zeigten Berichte, dass wegen offener Stellen in Spitälern die Anforderungen an Hebammen steigen. Und obwohl 2018 in Linz doppelt so viele mit der Ausbildung begannen wie 2005, waren es dennoch zu wenig.

Überwiegend ausländische Pflegekräfte

Eine 2019 vom Sozialministerium verfasste Bedarfsprognose für Pflegepersonal kam zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der Pflegekräfte von 127.000 auf rund 158.000 im Jahr 2030 gesteigert werden müsse, bei Ausbau der mobilen Dienste auf 161.000. Ähnlich sieht die Lage auch in der Schweiz aus. Der Bedarf an Pflegepersonal steigt, die Steigerung der Ausbildungszahlen wird forciert, aber Berufsaustritte und auch „Verluste beim Übergang von der Ausbildung zum Eintritt in den Arbeitsmarkt“ lassen keine wirkliche Entspannung der Lage zu, ebenso Rückgriffe auf ausländische Pflegekräfte – 2019 lag der Anteil von Pflegekräften mit ausländischem Diplom in Schweizer Spitälern und Pflegeheimen bei 30 Prozent.
Als Gründe für den Ausstieg aus dem Beruf gelten die hohen Belastungen, die unregelmäßigen Dienstzeiten und Dienstpläne, die sich teilweise schwer mit Kinderbetreuung und Familie vereinbaren lassen. Also eigentlich wie in Österreich. Außer dass hier noch die geringen Gehälter dazukommen. Bereits 2010 berichtete der ORF, dass es einen Nachwuchsmangel bei Pflegekräften gebe und dass die Lücken mit ausländischem Pflegepersonal gefüllt werden, die als Leiharbeitskräfte mit Überstunden auf rund 1.400 Euro im Monat kommen. In Wien waren damals schon 60 Prozent des Pflegepersonals nicht in Österreich geboren.

Bevorstehende Pensionswellen

Diese Bedingungen sind auch ein Grund, wieso Gastronomie und Tourismus zunehmend über Mangel an Personal klagen. Es gibt zwar Arbeitgeber, die über Kollektivvertrag zahlen und mit zusätzlichen Boni bisher kaum Probleme mit Personalmangel hatten, aber selbst ihnen wurde es durch das letzte Corona-Jahr schwer gemacht. Wer nicht weiß, wann er wieder arbeiten kann, sucht sich etwas Neues.
Und selbst der momentan durch die Medien geisternde Mangel an Lehrern und Kindergartenpersonal ist nicht erst seit Corona entstanden. Die Überalterung und die damit einhergehende Pensionswelle war schon lange absehbar. Dazu kommt das zunehmend schwindende Ansehen des Lehrerberufs. Denn zunehmend sollen sie – neben der eigentlichen Lehrtätigkeit – die gesellschaftlichen Verwerfungen, die durch unkontrollierte Masseneinwanderung etc. entstanden, korrigieren.

Die Arbeit wird nicht wertgeschätzt

Neu ist hingegen der akute Personalmangel im Bereich des Handels. Im April dieses Jahres erklärte die Vertreterin der Gewerkschaft GPA Anita Palkovich: „Aggressive Kunden, Überlastung, Personalmangel und mangelnde Wertschätzung, sowie fehlender Respekt der Kunden gegenüber unseren Kolleginnen und Kollegen sind die größten Probleme“. Verschärft wurde der Mangel auch durch Quarantänebestimmungen für K1-Personen usw. Während Gewerkschaften und Arbeiterkammer bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne sowie steuerliche Entlastungen fordern, sieht die Handelskammer die Lösung des Problems eher in „Beschäftigungsanreizen“ und degressiven Arbeitslosengeld, um Beschäftigungslose, die unwillig zum Arbeiten seien, zur Annahme von Stellen zu bewegen. Dass sich Arbeit jedoch lohnen muss und Arbeitnehmer auch steuerlich entlastet werden sollten, sieht er ebenfalls als Teil einer Lösungsstrategie. Trotz aller systemimmanenten Probleme und Versäumnisse ist der Personalmangel durch Corona verschärft worden. Und es deutet bereits viel darauf hin, dass die geplanten Maßnahmen der Regierung, wie 2G-Regel – was faktisch einer Impfpflicht gleichkommt – sowie weitere Auflagen wie Testpflicht oder Maskenpflicht zu einer weiteren Verschärfung der Probleme beitragen werden. Erste Anzeichen sind bereits spürbar…

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