Man kann das politische Erdbeben bis zum kleinsten Detail und der genauesten Wählerstromanalyse unter die Lupe nehmen. Der Wochenblick hat das im Folgenden auch für Sie gemacht. An einer Erkenntnis kommt man aber kaum vorbei. Jene 235.000 Ex-FPÖ-Wähler, die letzten Sonntag gar nicht mehr zur Wahlurne gegangen sind, werden vor allem von einem Sittenbild enttäuscht gewesen sein.

Eine Analyse von René Rabeder

Der erste Schock saß tief, als Sonntagnachmittag klar wurde, welches Ausmaß das Wahldebakel für die Freiheitlichen tatsächlich annehmen würde. Zehn Prozent der Wähler hat man, verglichen zur letzten Nationalratswahl, verloren.

Viele davon – 258.000 um genau zu sein – haben sich entschlossen, ihren Weg nun ein Stück mit Sebastian Kurz und seiner ÖVP zu gehen. Betrachtet man die Wählerstromanalysen noch genauer, stößt man auf eine Gruppe „Ex-Blauer“, deren Verlust besonders schwer zu verdauen sein wird.

Teil des Systems geworden?

235.000 Wähler haben sich diesmal nicht nur entschieden, ihre Stimme nicht mehr der FPÖ zu geben, sondern gleich ganz darauf verzichtet, ihr Kreuz in der Wahlkabine zu machen.

Es wird vor allem diese große Gruppe sein, die im Wahlkampf-Finale von den ständig auf sie einprasselnden negativ Schlagzeilen rund um Strache-Spesen-Affäre und Co. so sehr enttäuscht waren, dass sie den Freiheitlichen den Rücken gekehrt haben.

„Wer gegen das System ankämpfen will, darf nicht selbst Teil des Systems werden“, könnte man den unausgesprochenen Frust dieser Nichtwähler in Worte fassen. Oder, „weil sich die FPÖ am Weg selbst verloren hat, hat sie auch die Wahl verloren“.

Wie auch immer man es formulieren mag, in der Wahlschlappe,
die den Freiheitlichen 20 von 50 Nationalratsmandaten gekostet hat, liegt eine wichtige Erkenntnis. Bilder von Luxus-Taschen und Designer-Kostümen wirken bei den Bürgern viel stärker als andere Skandale.

Denn es geht bei der Spesen-Affäre rund um die Straches ja nicht nur um die vermeintlich strafrechtlich relevante Seite, sondern vor allem um die moralische.

2.500 Euro Mietzuschuss

Für den „kleinen Mann“ ist es einfach nicht mehr nachvollziehbar, dass der Vizekanzler der Republik zu seiner Gage auch noch 2.500 Euro monatlich „Mietzuschuss“ für seine Villa bezogen haben soll.

Auch nicht, dass dessen Gattin für ein quasi „Ehrenamt“, dem Tierschutz, bis zu 11.000 Euro im Monat kassiert haben könnte. „Ich habe niemals auf Kosten der Partei Kleidung, Handtaschen oder Sonstiges gekauft.

Ich habe keine Parteikreditkarte, keinen Chauffeur, kein Spesenkonto oder sonstige Dinge, die da wild und rein manipulativ in den Raum gestellt werden“, so Philippa Strache, die auch dem „Wochenblick“ gegenüber weitere Antworten auf Fragen bis zum Redaktionsschluss schuldig blieb.

Oberösterreich ist Vorbild

Wenn man dann aber jedenfalls „mit der feinsten Kalbsleder-Handtasche Hunde streicheln geht“, wie es ein enttäuschter Nutzer in einem sozialen Netzwerk ausdrückte, während der Ehemann monatlich auch noch kolportierte 10.000 Euro von der Wiener FPÖ kassiert haben soll, wendet sich früher oder später auch der treueste Fan ab.

HC Straches vollständiger Rückzug aus der Politik und ein möglicher Verzicht auf das Nationalratsmandat seiner Frau Philippa sind ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Vielleicht hätte man sich bei der FPÖ dazu entschließen müssen, bis zur Klärung von allen Anschuldigungen Konsequenzen zu ziehen.

Viel besser wäre es aber natürlich jedenfalls gewesen, man hätte sich gleich gar nicht in den Verdacht gebracht, nun auch ein Teil des so lange bekämpften Systems zu sein.

Für einen ganz anderen und vor allem sehr sauberen Stil gibt es in eigenen Reihen ja genügend gute Beispiele. Allen voran in Oberösterreich, wo Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner sich selbst mit den Worten „Bodenständigkeit ist besser als High Life in der Welt“ nicht hätte besser beschreiben können.

Haimbuchner verkörpert jene Art von Politikern, an die eine „uneinnehmbare Festung“ der blauen Wähler noch immer glauben kann und will. Fernab von Partys der Hautevolee und trotzdem – oder wahrscheinlich gerade deshalb – bürgernah und ehrlich.

Es sind Politiker wie Manfred Haimbucher, der Welser Bürgermeister Andreas Rabl oder auch der Linzer Vize-Bürgermeister Markus Hein, die jetzt all das ausbaden müssen, was das „System-Strache“ den Boulevardmedien des Mainstreams an Flanken geöffnet hat.