In der Pariser Banlieue sind just während der Coronakrise wieder einmal Unruhen unter migrantischen Jugendlichen ausgebrochen. 

Anlass für den Aufruhr ist laut Le Parisien ein Vorfall in Villeneuve-la-Garenne, einem dicht besiedelten und sozial schwachen Ort im Seinebogen innerhalb des nördlichen Pariser Speckgürtels. Dort war ein 30-Jähriger ohne Helm und Zulassung am Samstag mit erhöhter Geschwindigkeit auf einem Motorrad unterwegs und kollidierte mit einem Polizeiauto, das ihn verfolgte. Dabei wurde dem Mann, der Migrationshintergrund besitzen soll, ein Bein abgerissen.

Aufrufe zum Polizistenmord in sozialen Medien

Darauf entzündete sich das ständige Pulverfass der Banlieue. In sozialen Medien stachelte sich eine Meute gegenseitig zum Aufstand auf, der Hashtag #MortAuxPorcs („Tod den Schweinen“) trendete zeitweise in Frankreich. Auch andere Aufrufe lassen keine Zweifel übrig. „Es gibt nichts besseres als Molotow-Cocktails und Pflastersteine. Fragt die Älteren, sie werden es wissen“ und „diese Hurensöhne verdienen das Schlimmste“ sind nur zwei prominente Wortmeldungen, welche die ohnehin gespannte Lage noch weiter anheizten.

Nächte des Krawalls und ein „Allahu Akbar“-Ruf

Mittlerweile gab es vier Nächte des Krawalles – und das, obwohl die vollen Umstände des auslösenden Vorfalles noch unklar sind. Sie erstrecken sich dabei über die gesamte Region der nördlichen Vorstädte, berichtet werden auf Aufrufe zum zivilen Ungehorsam sogar in Orten wie Motigny-lès-Cormeilles oder Garges-lès-Gonesse, die sich am äußersten Rand der Agglomeration Paris befinden.

Derweilen machen virale Videos die Runde, die etwa brandschatzende Migranten zeigen, die dabei sogar „Allahu Akbar!“ rufen. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei solchen Szenen um alles andere als einen Einzelfall handelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass islamistische Anschauungen vor allem bei arabisch-stämmigen Jugendlichen in Frankreich viel Zulauf erfahren, verbirgt sich hier ein gefährlicher Mix.

Behörden könnten Gewaltpotenzial unterschätzt haben

Obwohl die Situation keine neue ist, kommt der neuerliche Aufstand für die französischen Behörden überraschend. Dennoch noch Anfang April attestierte der Inlandsgeheimdienst selbst Problemgegenden eine „allgemein ruhige Situation“. Nun sprechen sie hingegen von einem „Wiederaufleben städtischer Gewalt“, die zu „Hinterhalten gegen die Polizei“ führe.

Die Rede ist von einem breiten Arsenal: brennende Barrikaden und Mörserfeuer kommen zum Einsatz, es finden wilde Verfolgungsjagden statt. Oder wie es im Beamtenfranzösisch heißt: Es kommt zu einem „Nachlassen der Achtung vor den Ausgangssperren“. Und auch sonst ist die Reaktion eher halbbacken: Der Pariser Polizeipräfekt glaubt, dass ein bis zum 27. April dauerndes Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern zur Entspannung beiträgt…

Angst vor Nachahmern in anderen Städten

Noch beschränken sich die Revolte hauptsächlich auf die Region Île-de-France, dort betrifft es einundzwanzig Gemeinden, außerhalb kommen weitere fünf dazu. Sorgen bereitet der Polizei aber, dass „städtische Gewalt“ dabei auch in bisher eher unauffälligen Vororten wie dem kleinbürgerlichen Asnières-sur-Seine ausbrach.

Auch bei Aufständen etwa im Umkreis von Toulouse in Südfrankreich kann man nicht sicher sein, ob diese auch eine Reaktion auf den Vorfall vom Samstag sind.Denn gerade außerhalb der Großregion Paris könnten es genausogut Nachahmer sein, die ihre generelle Unzufriedenheit mit der gedrückten Stimmung der Corona-Lage zu einem toxischen Cocktail verbinden und Nachahmertaten setzen.

Erinnerungen an 2005 werden wieder wach

Die Behörden sind deshalb in Sorge, befürchten, dass der Rückgang sicherheitsrelevanter Spannungen in den vergangenen Wochen nur die Ruhe vor dem Sturm war. Denn zu lebendig ist für viele noch die Erinnerung an 2005, als der Tod zweier Migranten in Saint-Denis nördlich von Paris wochenlange, landesweite Unruhen in Vorstädten auslösten.

Erst die Verhängung eines Ausnahmezustandes nach einem jahrezehtealten Gesetz aus dem Algerienkrieg samt regionaler Ausgangssperren konnte damals die Lage etwas entspannen. Da ein solcher Notstand diesmal bereits vor den Unruhen bestand, entfällt diese Möglichkeit zur Beruhigung diesmal…