Arte. Oder wie ich es schaffe, eine tränenreiche Story rund um arme Kinder in Moria abzuliefern, ohne dabei das Offensichtliche anzusprechen oder mich der unbequemen Wahrheit zu stellen: Dass Kinder und ihre Familien gewiss nicht die Mehrheit jener darstellen, die nach Europa und in unsere Sozialsysteme drängen.

Gastbeitrag von Hans Gruber

Mittlerweile dürfte der Name Moria den meisten von uns geläufig sein: Europas größtes Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos. Berichten zufolge befinden sich 15.000 Menschen in diesem Lager. Oder besser: Befanden sich dort. Anfang September hielten es einige der Bewohner nämlich für eine gute Idee, auf ihre Probleme dadurch aufmerksam zu machen, indem sie das Lager in Brand steckten. Wer kennt das nicht? Die gemäßigte, sachliche Form des Protestes durch Brandstiftung. Was den Linken bei einer G8-Demonstration recht ist, scheint in Moria nur billig zu sein.

Diese selbst herbeigeführte Katastrophe wirkt jetzt nun schon seit einigen Wochen wie ein ganz besonderes Schmieröl in den Motoren der Migrationsindustrie und linker Politiker. Auch Prominente oder solche die es gerne sein würden, setzen sich dafür ein, diese Menschen nun endlich in Europa zu verteilen. Man müsse ja schließlich helfen. Und wenn diese 15.000 verteilt sind – naja, dann warten wir wohl auf den nächsten Schwung. Und den Nächsten. Und den Übernächsten.

Wobei das allgemeine Narrativ hierbei zu lauten scheint: Das sind „alles Frauen, Kinder, Familien“. Auch ARTE unterfüttert diese Ansicht mit einer 30 Minuten langen Dokumentation. „Europas ungelöstes Flüchtlingsproblem“ wird es genannt. Obwohl es mir selbst nicht an Empathie fehlt und ich durchaus Mitgefühl für die Menschen in dieser Situation aufbringen kann, so stößt mir doch die Art der Berichterstattung sauer auf.

Diese „Familien in Not“ Geschichte wurde uns schon 2015 verkauft, als Kanzlerin Merkel quasi im Alleingang für Europa den Kurs festlegte und die ganze 3. Welt zu uns einlud. Was für „Familien“ das dann waren, konnten viele von uns mit eigenen Augen sehen. Ich habe mir damals einige dieser Unterbringungen in der Nähe genauer angesehen und konnte besagte Familien nicht oder nur im Ausnahmefall finden. Statt dessen eine Vielzahl junger Männer, welche man auch gerne „unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge“ nennt, die ihre umfassende Tagesfreizeit am Smartphone totschlugen. Oder sie machten ausreichend Gebrauch von dem Umstand, dass Alkohol bei uns – im Gegensatz zu ihren Heimatländern – nicht verboten ist. Man könnte also sagen: Ja, ich bin skeptisch, wenn ich die Worte „Das sind vor allem Familien und Kinder“ zu hören bekomme.

Ins gelobte Land: Deutschland

Und ich fühle mich ins Jahr 2015 zurückversetzt, wenn mir Arte genau das gleiche Narrativ erneut aufs Brot schmieren möchte. Im Fokus der Doku steht eine Familie mit drei Kindern, welche nach dem Verlust des Lagers Moria nun quasi am Straßenrand kampiert. Mit Tränen in den Augen erklärt mir die Mutter, dass diese Unterbringung Gift für sie und ihre Familie ist. Natürlich. Wer kampiert schon gerne am Straßenrand. Die Kinder wären alle sehr krank. Schweres Asthma, und ein Junge scheint mir noch dazu körperliche Missbildungen aufzuweisen. Im Hinterkopf formt sich ein Verdacht. Ich warte, ob ARTE den Mut hat, diesen zu bestätigen.

Überraschender Weise erfolgt auch kurz eine Beleuchtung des Hintergrundes der Familie. Die Frau wäre vor einer geplanten Zwangsheirat geflohen, was ich durchaus verstehen kann – und zwar mit ihrem Cousin in den sie verliebt ist. In den Iran, wo dann drei Söhne gezeugt wurden, der älteste bereits im Teenageralter. Das erklärt, warum die Kinder alle an schweren, angeborenen Erkrankungen leiden. Krankheiten die einen lebenslangen Bedarf für teils intensive medizinische Betreuung bedeuten. Das Traumziel der Familie: Natürlich Deutschland. Wer hätte das gedacht. Man träumt von großen Schiffen die sie abholen und ins gelobte Land bringen werden.

Wer brannte den Bauern die Scheunen ab?

Die griechische Regierung baute zu diesem Zeitpunkt ein neues Lager auf, aber in das will man nicht ziehen. Man wäre dort ja wieder für Wochen eingesperrt. Und irgendwie kann ich das auch verstehen. Man möchte schließlich eine Klärung. Wie soll es weitergehen? Was wird aus mir und meinen Kindern? Während der Zuseher vielleicht darüber nachdenkt, laufen im Hintergrund „junge Männer“ vorbei. Keiner von ihnen wirkt so, als ob sie ständig wehklagen müssten. Aber Kamera und Schnitt befördern diese schnell wieder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Zurück zur verstörten Mutter und dem ratlosen Vater. Dazu blendet man Handyvideos ein, auf denen griechische Polizisten zu sehen sind, die mit Tränengas in eine rein männliche Menschengruppe feuern. Die Vorgeschichte wird nicht erklärt. Wie kam es dazu, dass die Polizei zu diesen Maßnahmen greifen muss? 

Ergänzend – und das ist positiv zu erwähnen – ließ ARTE auch Bürger aus dem Dorf Moria, nach welchem das Lager benannt wurde und das ganz in der Nähe liegt, zu Wort kommen. Die geben an, dass sie am Anfang zwar sehr hilfsbereit waren und den Geflüchteten gerne unter die Arme griffen. Dann eskalierten Diebstähle und Brandstiftungen dermaßen, dass man sich hinter Stacheldraht mit Waffen verbarrikadieren müsse. Bauern, die seit Generationen florierende Höfe bewirtschaftet hatten, haben alles verloren, da man ihr Vieh gestohlen, geschlachtet und ihre Scheunen angezündet hat. Brandstiftungen sind in dieser Region ein tägliches Problem, aber auch hier lässt uns Arte nicht alleine zu Schlüssen kommen. Dies passiere nur, weil die Menschen so verzweifelt sind, weil so viele von ihnen hier sind und so weiter. Die Scheune jener Leute in Brand zu stecken, die mich noch vor Monaten mit offenen Armen aufnahmen und mir halfen, erscheint eine etwas „unpassende“ Art zu sein, seinen Unmut kund zu tun.

Erfolgreiche Gehirnwäsche

In der ganzen Berichterstattung legt man viel Wert darauf, dass der Seher versteht, was diese Familie gerade durchmacht. Dass diese Lager keine Lösung sind. Und es klappt. Denn auch ich bin ein menschliches Wesen und sehe andere Menschen nicht gerne leiden. Aber ich bin auch jemand der nicht alles unreflektiert schluckt was mir Arte und Co auf die Platte klatscht. Ich habe Fragen. Warum wird in einer 30-Minuten Doku nur quasi beiläufig auf den Umstand eingegangen dass es „vermutlich“ Insassen waren, welche das alte Lager angezündet haben? Warum wird so ein Verhalten ständig entschuldigt und relativiert? Warum ist die arme Familie nicht im Iran geblieben? Dort schien sie zumindest über genug Sicherheit und Ressourcen verfügt zu haben um drei Söhne zu zeugen und teilweise aufwachsen zu lassen?

Man erklärt, dass es im Iran „keine Bürgerrechte und Bildungsmöglichkeiten“ für die Kinder gegeben habe. Sind diese Leute jetzt auf der Flucht vor Verfolgung und Tod oder auf der Suche nach dem besten Deal für sich? Ich bin durchaus der Meinung, dass wir Menschen denen unmittelbar Verfolgung und Tod drohen, helfen sollten. Aber ich lehne es entschieden ab jeden zu importieren, der einfach nur auf unsere Seite des Gartens möchte, da das Gras hier grüner ist. So funktioniert das nicht auf Dauer. Wir können nicht jeden Menschen auf der Welt zu uns nehmen, nur weil wir hier einen höheren Lebensstandard haben. Es waren die Generationen vor uns, die den Kontinent Europa nach zwei Weltkriegen wieder aufgebaut und zum Funktionieren gebracht haben. Ja, mit Hilfe aus dem Ausland, aber diese Hilfe lassen wir anderen Ländern schon seit Jahrzehnten zukommen. Ohne sichtbaren Erfolg. Stattdessen machen sich immer mehr Menschen zu uns auf den Weg. Um direkt Ansprüche auf alles zu stellen, das hier mühevoll geschaffen wurde.

Sozialamt und Bildungsstätte für die ganze Welt?

Warum liegt es in unserer Verantwortung als Europäer, für die Unterkunft, medizinische Versorgung und Ausbildung der gesamten Welt zu sorgen? Was wird später aus Menschen werden, die wenig Ausbildung und dadurch genauso wenig Perspektive haben? Ich möchte helfen. Ich bin ein Mensch und als ein solcher ist mir Menschlichkeit nicht fremd. Ich frage mich aber ob es eine Lösung sein kann, einfach Menschenmassen in unsere Länder zu importieren und diese dann bis zu ihrem Tode zu versorgen. Während gleichzeitig in deren Herkunftsländern schon die nächste Generation reisewütiger Glücksritter heranwächst, welche von einem großartigen Leben in Europa träumt, wo Milch und Honig fließen, wo wir „Platz haben“ und man schon beim Überschreiten der Grenzlinien mit einem Blumenstrauß und einer Musikkapelle empfangen wird. Dokumentationen wie diese tragen ihren Teil dazu bei, den Bürgern diese Vorgänge schmackhaft zu machen und sie legitim erscheinen zu lassen.

ARTE: Albtraum Moria – Europas ungelöstes Flüchtlingsproblem