Mit der Hoffnung auf die Freiheit locken Politiker die Bürger in die Impfstraßen. Die Logik dahinter: Bis zum Sommer ist der Großteil der Bevölkerung geimpft, das Virus hat seinen Schrecken verloren. Auch gegenwärtig rührt der ÖVP-Klub mit dem Slogan „Die Herdenimmunität ist machbar“ die Werbetrommel für die Impf-Kampagne der Regierung. Mit der wissenschaftlichen und medizinischen – und wohl auch der politischen – Realität hat dies aber nur wenig zu tun.

Denn alleine der Umstand, dass das Coronavirus offenbar schneller mutiert als manchen lieb ist, bereitet einiges Kopfzerbrechen. So manche Impfstoff-Hersteller glauben zwar, dass sie ihr Vakzin anpassen können – so ganz klar ist das aber nicht. Gleichzeitig geht die Sorge vor sogenannten „Fluchtmutanten“ um. Dabei könnten impfresistente Varianten des Virus entkommen, erste Anzeichen dafür ließen sich bereits in Tirol feststellen. Es wird bereits befürchtet, dass eine Mutation eine scharfe vierte Welle im Herbst bringt. Auch neue Lockdowns sind dann nicht auszuschließen.

Forscher verabschieden sich von Herdenimmunität

Der Schwellenwert für diese „Herdenimmunität“ liegt bei etwa 60 bis 70 Prozent einer Bevölkerung. Dass dieser Schwellenwert bei COVID-19 erreicht wird, glauben inzwischen zahlreiche Wissenschaftler nicht mehr. Das Fachmagazin Spektrum publizierte nun „fünf Gründe, warum Herdenimmunität wahrscheinlich unmöglich ist“. Erstens sei unklar, ob die Vakzine die Übertragung verhindern. Zweitens sei dieser ohnehin ungleich verteilt, weiters halte die Immunität womöglich nicht ewig an, es könnte Auffrischungen brauchen.

Besonders interessant sind aber die anderen beiden Punkte. So könnten Geimpfte durch ein falsches Gefühl der Sicherheit Verhaltensweisen annehmen, die eher eine Verbreitung fördern. Und zu guter Letzt: Es tauchen immer wieder neue Varianten auf. Das klingt logisch – denn Herdenimmunität ist vor allem dann wahrscheinlich, wenn ein Virus wenig mutiert. So konnte eine erfolgreiche Impf-Kampagne etwa die Pocken ausrotten.

Neuansteckung mit von Impfung verursachter Mutante?

Bei der Grippe ist dies in all den Jahrzehnten noch nicht gelungen – sie suchte die Menschen, zumindest vor Corona, alljährlich heim. Zu mutationsfreudig ist das Virus – und die Forscher können nur den jeweiligen Strang erraten. Spätestens seit einer Feldstudie in Brasilien ist klar: Das könnte auch bei Corona drohen. In der Stadt Manaus hatten über 60 Prozent der Bevölkerung bereits Antikörper auf das Originalvirus. Mit der Variante P.1 steckten sie sich trotzdem an. Im Jänner machte sie 100 Prozent der Fälle aus.

Eine solche Problematik könnte sich sogar noch verschärfen, wenn einige Virologen wie Geert Vanden Bossche recht haben. Der belgische Ex-Gates-Insider befürchtete, dass die Impf-Aktionen durch die Immunflucht das Virus überhaupt erst aggressiv machen  – Wochenblick berichtete. Tatsächlich verlagert sich das Infektionsgeschehen in Ländern mit hoher Durchimpfungs-Rate wie Israel auf immer jüngere Patienten. Auch Chile wurde nach der Massen-Impfung zu einem neuen Corona-Krisenherd.

Fluchtmutanten vor allem in Impf-Testgebieten

Dass an dieser These etwas dran sein könnte, zeigt auch das Ursprungsgebiet der neuen Mutationen. Mit Brasilien, Großbritannien und Südafrika traf es ausgerechnet drei Länder, in denen große Feldstudien zur Entwicklung der Impfstoffe stattfanden. Und in Tirol, wo im Bezirk Schwarz die größte Massen-Impf-Aktion Europas stattfand, mutierte die „britische“ Variante zu einer mutmaßlichen „Fluchtmutante“ weiter.

Freilich: Es soll Zufälle geben – aber sie würden langsam zu zahlreich, um einen möglichen Zusammenhang nicht zumindest prüfen zu können. Und ein weiteres Indiz dafür, dass das mit der Herdenimmunität wohl nicht eintreten wird, zeigte sich darin, dass der Datenwissenschaftler Youyang Gu sein beliebtes Covid-Prognosemodells erst im Februar plötzlich von „Path to Herd Immunity“ in „Path to Normality“ umbenannte. Ist das ein klarer Fingerzeig, dass man sich vom Mythos verabschiedet?

Ist „grüner Pass“ zu allem Überdruss auf Sand gebaut?

Den herrschenden Politikern ist die Sorge der Wissenschaftler herzlich egal: Sie haben eine Impf-Kampagne zu bewältigen – und dafür locken sie die Bürger mit dem Versprechen der Freiheit. Nach dem Vorbild Israels möchte die türkis-grüne Regierung in den nächsten Wochen um jeden Preis die Idee eines „grünen Impfpasses“ durchdrücken. Kritiker und Datenschützer laufen Sturm dagegen, weil sie den gläsernen Bürger im Huckepack der neuen Zweiklassen-Gesellschaft befürchten.

Mit diesem Instrument könnten Geimpfte einige Grundrechte wiedererhalten, die man Ungeimpften dann noch weiter vorenthalten möchte. Gerade vor dem Hintergrund der möglicherweise unerreichbaren Herdenimmunität ist das besonders brisant. Denn die Menschen könnten in der Hoffnung auf Freiheit ihre Einwilligung zur totalen Überwachung geben – und die Aktion könnte für sie am Ende dennoch umsonst sein.