Die überschießenden Maßnahmen in Tirol werden immer grotesker. Seit Wochen dürfen die Tiroler ihr Bundesland ohne negativen Test nicht mehr verlassen, was sogar die Militärpolizei kontrolliert. Dieses Regiment verfolgte man dann auch für Mayrhofen im Zillertal. Nun folgt die Ausreise-Testpflicht für Schwaz, aber es ist noch nicht alles: Denn für den Bezirk wurden 100.000 außertourliche Impf-Dosen geordert. 

Damit will man die Durchimpfung der Bevölkerung erreichen – auf Vorschlag von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, wie Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zugibt. Der Bezirk, in dem eigentlich nur 79.000 Menschen leben, wird hochoffiziell zur „EU-Forschungsregion“. Die schwarz-grüne Landesregierung trägt diese Pläne mit. Die Begründung für diesen Schritt ist einmal mehr die „südafrikanische Mutation“.

Kaum Gefahr durch Mutation: Trotzdem Durchimpfung

Zwar scheint sich diese bislang nicht besonders zu entfalten – die Verdachtsfälle auf diese Mutation gingen der „Tiroler Tageszeitung“ zufolge zuletzt um die Hälfte zurück, es sind in ganz Tirol 89 Personen im Verdacht, die Virusvariante aktiv in sich zu tragen. Auch, dass die Mutation irgendwie gefährlicher wäre, hat sich nicht bewahrheitet. 35 dieser Fälle, also fast die Hälfte, befinden sich in Mayrhofen, wo allerdings in 86 Prozent der Fälle der Ansteckungsweg völlig aufgeklärt ist.

Auch das Bundesland in seiner Gesamtheit hat mit 99 weiterhin nach Vorarlberg die geringste 7-Tages-Inzidenz. In ganz Tirol befanden sich am Mittwoch sage und schreibe 63 Personen wegen Corona im Krankenhaus, 24 davon auf einer Intensivstation. Das sind damit um eine respektive vier Personen mehr als vor einer Woche. Dennoch schießt man jetzt mit Panikmache um sich und will die Bevölkerung vollends durchimpfen.

Ganzer Bezirk als Versuchskaninchen für Impf-Wirkung

Dabei sollen Wissenschaftler national und international zuschauen, wie die Impfung gegen die Virusmutation B.1.351 wirkt. Schon ab der zweiten März-Woche wird damit ein ganzer Bezirk zu Europas größtem Versuchslabor für Impfungen mit einem mRNA-Vakzin, das weltweit für teils schwerste Nebenwirkungen sorgte. Wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) betonte, soll allen im Bezirk Schwaz ab dem 16. Lebensjahr der Impfstoff angeboten werden.

Um dies zu bewerkstelligen, arbeiteten Bund und Land mit der EU-Kommission und Biontech-Pfizer zusammen. Die beiden Pharmafirmen liefern ihren umstrittenen Impfstoff nun in einer Vorauslieferung nach Tirol. Dass man die Schwazer als Versuchskaninchen verwendet, daraus macht Kurz keinen Hehl: Es stelle sich heraus, dass „zumindest einer unserer Impfstoffe deutlich schlechter wirken dürfte“, was eine „große Gefahr für den Weg zurück in die Normalität“ sei. An den Tirolern will man die Hypothese nun testen.

Schwarze Bünde bejubeln evidenzbefreite Maßnahme

Nur 0,1 Prozent der Tiroler testeten in den vergangenen 7 Tagen positiv auf das Corona-Virus, wobei der Anteil der nun als Grund für die Einrichtung des menschlichen Testlabors genommene Variante gerade einmal 5,11 Prozent ausmacht. Zwar ist die Inzidenz in Schwaz mit 168,4 Fällen je 100.000 Einwohnern – in absoluten Zahlen 142 Testpositive – die höchst aller Tiroler Bezirke. Im bundesweiten Vergleich (160,1) bewegt man sich aber ziemlich genau im Durchschnitt.

Während die offiziellen Reaktionen der Oppositionsparteien am frühen Nachmittag noch auf sich warten ließen, legte die türkis-schwarze Jubelmaschinerie sofort los, die neuen Maßnahmen zu bejubeln. Sowohl AK-Tirol-Präsident Erwin Zangerl und Wirtschaftsbund-Chef Franz Hörl lobten die Maßnahmen in einer Aussendung. Beide sind ÖVP-Politiker, letzterer sitzt für die Kanzlerpartei sogar im Nationalrat.