Rechte Aktivisten säuberten das Lueger-Denkmal noch am selben Tag von der linksgerichteten "Kunst-Intervention".

Seit Monaten gehört es im Establishment wieder einmal zum guten Ton, die Beseitigung oder Umgestaltung von Denkmälern zu fordern, die dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen. Das ist so salonfähig, dass sogar Sportler weltweit zum Bildersturm aufrufen können, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. In Wien entzündet sich diese Debatte am altehrwürdigen Denkmal für einen der größten Bauherren der Stadt, Dr. Karl Lueger. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Seit fast hundert Jahren steht das Denkmal für den christlich-sozialen Politiker nun schon. In seiner 13 Jahre dauernden Amtszeit prägte er das moderne Wien mit, fast die gesamte heutige Daseinsvorsorge hat ihre Wurzeln in seiner Ägide. Linke Akteure stoßen sich allerdings schon seit Jahren daran, dass dieser sich auch in politischen Reden auf eine Art und Weise äußerte, die heute unvorstellbar wäre, damals aber (leider) durchaus salonfähig war. Insbesondere seine Tiraden gegen die Wiener Juden dienten schon vor zehn Jahren als Katapult, um den einst nach ihm benannten Teil der Ringstraße zu tilgen.

Steter Schmierfink höhlt den Stein

Seit dem Juni tobt nun ein Kampf um sein Denkmal, in dessen Zuge linksextreme Akteure bereits mehrfache Farbattacken auf den Sockel der Statue verübten. Weit links stehende Studentengruppen forderten sogar seinen Abriss. Und die Debatte ist weißgott nicht neu, denn schon 2009 schrieb die Universität für angewandte Kunst in Wien einen Wettbewerb aus, bei dem man Vorschläge für eine Umgestaltung zu einem Mahnmal gegen Rassismus und Antisemitismus einbringen konnte.

Und tatsächlich standen den ganzen Sommer das Wort „Schande“ mehrfach unbereinigt auf dem Sockel. Weil das offizielle Wien wohl vor der Wahl am Sonntag den Eindruck einer ordentlichen Stadt machen will, sollte am Freitag die Reinigung erfolgen. Wäre da nicht eine „Künstlergruppe“, welche sich gegen die Entfernung des „Graffiti“ stark macht. Sie goss den Wortlaut der Sachbeschädigung in goldene Betonletter, klebte diese auf den Sockel und entschied sich, eine „Schandwache“ zu veranstalten.

Der mediale Apparat verdreht die Tatsachen

Nicht mit sich machen lassen wollten dies einige rechtsgerichtete Aktivisten, die nur wenige Stunden danach mit Hammer und Meißel zu Werke schritten und diese fragwürdige Installation wieder entfernten. Es steht mir nicht zu, diesen „Re-Aktionismus“ inhaltlich zu bewerten – aber was folgte, zeigte auf, wie vergiftet tatsächlich die öffentliche Debatte mittlerweile ist. Denn der ganze linke Apparat brachte sich in Stellung, um darin eine Art Anschlag auf die Kunstfreiheit zu sehen. 

Die Kritik des linksliberalen „Standard“ richtete sich nämlich nicht etwa gegen den Umstand, dass ein Uni-Lektor sich an mutmaßlicher schwerer Sachbeschädigung gegen ein städtisches Denkmal beteiligt und sein Arbeitgeber sich voll und ganz hinter die Aktion stellt. Denselben, auch Kopf der Künstlergruppe, durfte sich vielmehr schon Monaten im selbem Medium über die Statue ereifern. Zur Aktion titelte das lachsrosa Blatt ernsthaft: „Rechtsextreme zerstören Kunst-Intervention am Lueger-Denkmal“. Die Berichterstattung ist so dreist, dass sie beinahe schon wieder einen Originalitätspreis verdient. 

Linksextreme Mordfantasien hallen durch die Nacht

Besonders kurios wurde es dann aber in der Nacht darauf. Dort hielt nämlich eine rechte Bürgergruppe ihrerseits eine Mahnwache am Denkmal ab, um neue Verschandelungen zu verhindern. Ein linksextremer Mob an Gegendemonstranten, den die Polizei auf Abstand halten musste, formierte sich dennoch dagegen. Was die „Guten“ skandierten, passteauf keine Kuhhaut und darf durchaus als Mordfantasie gelten: „Ein Baum, ein Strick, ein Nazi-Genick!“

Der medienwirksame Teil passierte dann allerdings, als die patriotischen Aktivisten ihre Stellung gegen ein Uhr morgens aufgaben. Etwa dreißig Vermummte attackierten das Auto eines Teilnehmers, traten gegen die Spiegel, eine Person warf sich sogar auf die Motorhaube. Dass die anwesende Polizei diesen Hergang bestätigte, hinderte einen linken Fotografen-Blog aber nicht, es so darzustellen, als wäre der rechte Autofahrer einfach ohne Grund in eine Menschenmenge gefahren. Unter anderem die „Heute“ übernahm diese Deutung bei der Berichterstattung als Küchenzuruf.

Blaue Politiker verteidigen das Lueger-Denkmal

Mitten in diesen Schwall an Täter-Opfer-Umkehr schafften es zwei freiheitliche Politiker, eine Stimme der Vernunft zu sein. Leo Kohlbauer und Ursula Stenzel forderten für die „linksextremen Fanatiker“ strafrechtliche Konsequenzen. Die Stadträtin verurteilte die Sachbeschädigung durch die Betonbuchstaben-Aktion „auf das Schärfste“ und forderte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) zum Handeln auf. Gerade weil Stenzel selbst aus einer jüdischen Familie kommt und trotzdem das Andenken an den großen Bürgermeister höher bewertet als dessen rhetorische Verfehlungen vor über 100 Jahren, ist es ein erfrischender Zwischenruf. 

Ihr Kollege Kohlbauer thematisierte dabei die verquere mediale Aufnahme. Er schrieb in einer Aussendung: „Wenn Linksextreme Denkmäler beschmieren ist das keine Kunst, sondern Sachbeschädigung. Wer derartige Aktionen als ‚Kunst‘ bezeichnet, betreibt keinen Journalismus, sondern linksextreme Propaganda.“ Chapeau – das trifft den Nagel auf den Kopf. Dass beide blauen Politiker die sofortige Reinigung forderten sowie eine Überwachung durch Polizei und Verfassungsschutz ist ebenfalls konsequent und eigentlich die Reaktion von Politikern, die man sich bei einem beispiellosen Bildersturm erwartet.

Rot-grüner Umgang mit Gedenkkultur macht Sorgen

Es steht trotzdem zu befürchten, dass sich diese Stimmen am Ende nicht durchsetzen werden – denn der Umgang der Stadt Wien mit seiner Erinnerungskultur ist seit Jahren problematisch. Während man zur Enthüllung der Büste für einen kommunistischen Massenmörder seinerzeit den Bürgermeister schickte, steht etwa am Kahlenberg seit sieben Jahren ein leerer Sockel. Auch, weil die rot-grüne Stadtregierung sich gegen die Statue für den beim Entsatz 1683 zentralen Polenkönig Jan III. Sobieski sperrt – aus Angst, die zahlreichen türkischstämmigen Einwohner ihrer Stadt zu beunruhigen. 

Wie es mit dem Lueger-Denkmal enden wird, steht in den Sternen. Aber, dass der Aufruf zu einer Debatte zur Umgestaltung nichts gutes heißen kann, zeigte bereits der Siegfriedskopf, ein Gefallenendenkmal, das früher in der Aula der Uni Wien stand. Nach Jahren erhitzter Debatte wurde er von einem „Künstlerkollektiv“ in drei Teile zerschnitten und fast unsichtbar im Arkadenhof der Uni versteckt. Kleine Parallele: Erst vor Kurzem bekannte sich ein linker Uni-Lektor dazu, gemeinsam mit einem Freund bei einem Anschlag auf den Kopf des Denkmals Hand angelegt zu haben – Wochenblick berichtete. Dienstrechtliche Sanktionen gab es übrigens keine. Wenn es dem Zeitgeist gefällt, ist offenbar jede Schweinerei billig – und das ist die eigentliche Schande.