Weihnachtsgeschenke – Die vergessene Gottesgabe

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Brauchtum im Winter

Weihnachtsgeschenke – Die vergessene Gottesgabe

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Schenken ist Stress. Das wissen gerade die Frauen, denen es ja meistens zufällt, die Geschenke zu besorgen. Kann man je das Richtige finden, die rechte Balance zwischen zu viel oder zu wenig? Die Kinder haben überbordende Wunschlisten und sind womöglich enttäuscht, während die Alten alles abblocken mit einem kategorischen: „Ich brauche nichts!“

Von Renate Reuther

Wie schön war es doch ehedem, als das Schenken noch so bequem war, weil es nach überkommenen Regeln ablief.

Kinderbescherung

Weihnachten dreht sich für die meisten um die Bescherung unter dem Baum. Allerdings wurde die Kinderbescherung 1490 in Konstanz noch verboten. Christoph Wagenseil beschrieb in seiner Nürnberger Chronik 1697 das Beschenken der Kinder als einen neuen, lobenswerten Brauch, der gut für den Familienzusammenhalt sei. Er ermutigte sogar dazu, die älteren Kinder und Dienstboten zu beschenken. Früher war es durchaus üblich, dass mit dem Ende der Schulzeit und dem Eintritt in das Erwachsenenalter keine Weihnachtsgeschenke mehr zu erwarten waren.

Überhaupt nahm das Weihnachtsfest in der uns heute bekannten Form durch die Reformation und die daraus entwickelte Häuslichkeit einen enormen Aufschwung. Erst im Zuge einer neuen Sicht auf das Kind war die heute so zentral erscheinende Kinderbescherung in den Mittelpunkt des weihnachtlichen Segensreigens gerückt.

Beschenken und Bestrafen

Gleichzeitig hielt das Element von Lohn und Strafe Einzug, denn jedes Kind sollte nur so viel erhalten, wie es verdient hatte. Ganz strenge Eltern überreichten schlimmstenfalls eine Rute ohne Behang. Das Beschenken und Strafen der Kinder zu Weihnachten ist der letzte Überrest eines sehr ernsten Paktes mit den Schicksalsmächten, die Wohlverhalten belohnen und Widersetzen bestrafen. Bei der Entwicklung zur Familienweihnacht wurde daraus ein pädagogisches Ritual.
Die Kinder stellten abends leere Schüsseln auf den Tisch und fanden sie morgens gefüllt vor. In den angelsächsischen Ländern hat sich die morgendliche Bescherung erhalten, während sie bei uns auf den Heiligabend vorgezogen wurde.

Gleich ist die Überzeugung, dass ein unsichtbarer nächtlicher Gast die Gaben liefert. Ursprünglich gab es mehrere Termine, an denen die Kinder kleine Geschenke erhielten. Neben dem heute noch üblichen Nikolaus brachten auch Andreas, Martin oder Perchtengestalten Geschenke vorbei. Sie waren durchaus angsteinflößend, wenn sie vor der Tür polterten oder an die Fensterläden klopften. Nur sehr selten kamen sie ins Haus oder ließen sich sehen. Das Hereinwerfen der Gabe in die Stube war schon häufiger und sollte zeigen, dass die Gabenbringer durch die Luft sausten und dabei wie der Wind, das himmlische Kind, ihre Segensgaben verteilten.

Standard-Geschenke

Jungen erhielten traditionell einen gebackenen Reiter und Mädchen eine gebackene Dame. Der Reiter, der später oft als St. Martin interpretiert wurde, dürfte ursprünglich Wotan gewesen sein, zumindest stand er für das männliche Prinzip, während die Dame die verklärte weibliche Fruchtbarkeit in der Gestalt von Perchta/Holle darstellte. Heute wird diese weibliche Figur als Weihnachtsengel gedeutet, ohne dass man noch von der früheren göttlichen und spirituellen Bedeutung wüsste.

In der europäischen Urzeit richtete sich der Jahreswechsel nach der Wintersonnenwende und den Raunächten. Sie wurden allmählich durch kalendarisch gesetzte Termine überlagert, wie den 6. oder den 1. Januar. Dann wurden Geschenke und Glückwünsche unter Erwachsenen ausgetauscht. Dieser Brauch hielt sich sehr lange. So ist bekannt, dass am Hofe Ludwigs XIV. zu Neujahr Geschenke verteilt wurden. Noch im 18. Jahrhundert sprach man deshalb etwas umständlich von Weihnachts-Neujahrs-Geschenken, bis sich die Bescherung im Zusammenhang mit Christi Geburt endgültig durchsetzte.

Äpfel, Nüsse und Gebäck

Im gesamten deutschsprachigen Raum waren über Jahrhunderte die Geschenke durch Brauch und Übereinkommen festgelegt. Niemand brauchte sich den Kopf zerbrechen, was er schenken sollte, wie er es beschaffen könnte oder ob überhaupt das Geld dafür vorhanden war. Man teilte nämlich jedes Jahr zuverlässig Äpfel, Nüsse und Gebäck aus. Es waren die Gaben der Natur, die uns die mütterliche Holle/Percht jedes Jahr aufs Neue schenkte und die wir ihr dankbar nach der Ernte wieder darboten.

Das Schenken hat nämlich seinen Hintergrund und spirituelle Überhöhung durch den Gabentausch mit den Göttern. Dann spricht man traditionell von „Opfern“. Diese heilige Handlung hatte großes Gewicht, bestimmte sie doch, ob das Schicksal freundlich gestimmt werden konnte oder nicht. Die erfahrene Großzügigkeit und Güte gab man an die Nachbarn und Dienstboten, später den Kindern, weiter und verband so die Haus- und Dorfgemeinschaft mit göttlichem Segen.

Einfach und gut

Denn die Äpfel und Nüsse waren faktisch und symbolisch aufgeladen mit Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Die Kerne und Körner enthalten den Keim des Lebens. Äpfel, Nüsse und Gebäck waren damit sowohl einfach zu beschaffen, aber zugleich göttlich und unendlich wertvoll. Selbst die ärmste Mutter konnte ihrer Familie Äpfel und Nüsse schenken, die sie notfalls am Waldrand einsammelte und einen Teig zusammenrühren. Die Mütter schenkten in Vertretung der göttlichen Mutter und verwiesen mit Bild- und Symbolgebäck auf sie zurück. Äpfel und Nüsse erhielten sich bei uns als Baumschmuck, wenn auch später vergoldet oder aus Glas geblasen. Im Zuge der Industrialisierung wurden Reiter und Dame zu Militärspielzeug und Puppen.

Dr. Renate Reuther ist promovierte Historikerin und Sachbuchautorin. Mit dem Buch „Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind“ stellt sie mit Forschungen zur Urweihnacht in Europa die gängige Weihnachtserzählung infrage.

Informationen zum Buch: „Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind“
(Engelsdorfer Verlag, 258 Seiten, Gebunden, 18 Euro, ISBN-13: 978-3960089315)

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