Friedrich Pürner ist Facharzt und Epidemiologe. Er war bis November 2020 der Leiter des Gesundheitsamts in Aichach-Friedberg. Dann wurde er plötzlich versetzt – strafversetzt, wie er sagt. Zuvor hatte sich Pürner, der auch einen Master of Public Health abgeschlossen hat, kritisch zu den Maßnahmen der Regierung geäußert. Wochenblick sprach exklusiv mit Dr. Pürner über dessen Versetzung und seine Klage vor Gericht. 

Ein Interview geführt von Bernadette Conrads

Wochenblick: Sie waren der Leiter des Gesundheitsamts in Aichach-Friedberg und wurden aufgrund kritischer Tweets versetzt. Wie kam es dazu?

Dr. Pürner: Ich wurde nicht nur wegen kritischer Tweets versetzt. Und zur Erklärung: Rein faktisch wurde ich zunächst nur abgeordnet. Und zwar innerhalb von ein paar Tagen. Der Grund liegt vermutlich darin, dass ich wiederholt öffentlich einige Maßnahmen der Bundesregierung und die der Bayerischen Staatsregierung kritisiert habe. Allerdings formulierte ich meine Kritik immer sachlich und höflich. Interessanterweise sind aktuell einige meiner Kritikpunkte sehr im Gespräch und werden nun auch von anderen Fachexperten vorgebracht.

Als Beispiel möchte ich die Inzidenzwerte nennen. Diese Werte kritisierte ich bereits sehr früh im vergangenen Jahr und zeigte dabei auf, dass die Inzidenzwerte eine sehr geringe Aussagekraft haben. Vor allem auch deshalb, weil diese Werte nicht die Zahl der wirklich Erkrankten abbilden, sondern alle positiven Labormeldungen einbeziehen, unabhängig davon, ob nun jemand krank oder völlig beschwerdefrei ist.

Welche Rolle spielt dabei die Anzahl der durchgeführten Tests?

Die Anzahl aller Tests wird nicht erfasst, weil an den verschiedensten Stellen getestet wird. Ein bloßes Durchführen eines Tests, z.B. bei Asymptomatischen (also kein Verdachtsfall), ist nicht meldepflichtig. Es werden sowohl PCR-Tests als auch Schnelltests durchgeführt. Es gibt extra Schnelltest-Stationen für Bürger, aber auch andere Einrichtungen führen Schnelltests durch, bei Personal und Besuchern von Altenheimen zum Beispiel. Insofern gibt es keine exakten Zahlen über alle durchgeführten Tests.

Welche Aussagekraft hat ein positiver Corona-Test?

Ein positives Testergebnis sagt nur, dass Teile von SARS-CoV-2 oder spezielle Proteinbausteine – je nach Test eben – nachgewiesen wurden. Deshalb schlägt der Test positiv an. Die praktische Erfahrung zeigt ganz deutlich, dass nicht alle Positiven tatsächlich auch krank sind. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) räumt ein, dass nur ein Teil der Fälle symptomatisch ist. Trotzdem werden völlig gesunde Menschen mit einem positiven PCR-Testergebnis zu COVID-Patienten gemacht. Sie gehen in die Statistik ein und müssen auch die entsprechenden Isolationsmaßnahmen einhalten.

Im Akronym COVID wird durch das „D“ bereits das Wort „Disease“, also Erkrankung, erwähnt. Erkrankt ist also jemand, wenn er in seinem körperlichen oder geistigen Wohlbefinden gestört ist. Im Fall von Corona treten also typischerweise Symptome wie Husten, Schnupfen, Fieber und auch Geschmacksverlust auf.

Und die Inzidenzwerte haben deswegen zu wenig Aussagekraft?

Bereits im vergangenen Jahr kritisierte ich den Inzidenzwert als alleiniges Kriterium für die Maßnahmen. Dieser Wert ist politisch gewählt worden und bildet ein Pandemiegeschehen nur sehr unzureichend ab. Es werden lediglich die positiven Labormeldungen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen aufsummiert. Über die wirklich Erkrankten, die also ärztliche Hilfe benötigen oder eine stationäre Behandlung benötigen, wissen wir nichts, da diese gar nicht eigens erfasst und weiter ausgewertet werden.

Inzidenzen beschreiben Neuerkrankungen innerhalb eines gewissen Zeitraumes. Bei den vorliegenden Zahlen der derzeitigen Inzidenzgrenzen handelt es sich lediglich um Melde-Inzidenzen, d.h. jeder positive Laborbefund wird gemeldet – unabhängig davon, ob jemand krank ist oder gar keine Symptome hat. Und genau hier liegt der Fehler.

Wie sollte stattdessen vorgegangen werden?

Für die Beurteilung einer Pandemie ist eine realistische Einschätzung über Gefährlichkeit und Ausmaß der Erkrankung bei Auftreten eines neuen Erregers absolut notwendig. Nur so können auch geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Wir können deutlich eine Saisonalität von SARS-CoV-2 beobachten. Mittlerweile haben wir die Erkältungszeit hinter uns gelassen. Es ist also völlig normal, dass die Zahl der Infektionen sinkt, um dann im Herbst wieder zu steigen. Dieses Auf und Ab beobachten wir seit vielen Jahren in der Erkältungszeit mit anderen Erregern.

Corona-Kollateralschäden: Welche Auswirkungen der Lockdowns auf die Gesellschaft konnten Sie beobachten?

In meinem privaten Umfeld kann ich erkennen, wie belastend die gesamte Situation vor allem für Kinder ist. Sie werden völlig unnötig verängstigt und ihnen wird suggeriert, dass sie ein Teil des Problems der Pandemie sind. Seit über einem Jahr müssen sie Masken tragen, sich nun auch noch regelmäßig testen lassen, um in die Schule gehen zu dürfen, begleitet von der ständigen Sorge, etwas falsch zu machen, Abstand halten und auf soziale Kontakte und Sport verzichten. Das macht doch was mit den Kindern. Das verändert Kinder und hinterlässt Spuren. Das wahre Ausmaß und die Folgen dieser einschneidenden Zeit werden wir erst später erkennen.

Die schädliche Wirkung ist in ihrem vollen Umfang noch gar nicht absehbar. Und das alles, obwohl wir wissen, dass Kinder keinen überproportionalen Beitrag zum Infektionsgeschehen leisten, wie viele Untersuchungen nun zeigen, oder die Kinder nicht schwer erkranken. Kinder haben nur sehr selten schwere Symptome. Und mit diesen harten Maßnahmen und der ständigen Dramatisierung der Lage werden wir den Kindern mehr schaden als es sich einige überhaupt vorstellen können. Kindern ohne einen triftigen Grund inmitten ihrer geistigen Entwicklung solche Einschränkungen und eine so hohe Verantwortung aufzubürden, halte ich für höchst bedenklich.

Aber müssen wir nicht auch die älteren Menschen beschützen?

Nachdem es nun eine Impfung gibt und bereits viele alte Menschen geimpft werden konnten, sehe ich keinen Grund mehr, dass Kinder und Jugendliche weiter zum Wohl der Älteren auf alles, was eine glückliche Kindheit oder Jugend ausmacht, verzichten. Es geht um ihre Zukunft. Bereits jetzt haben sie vieles verpasst, was nie mehr nachgeholt werden kann, seien es Klassenfahrten, Abschlussfeiern, Geburtstagspartys, Zeltlager oder ein erstes Date.

Die durch den ausgefallenen Unterricht entstandenen Defizite in der Schule treffen alle, aber vor allem die sozial Schwachen. Es ist also genau das geschehen, wovor im Bildungssystem immer gewarnt wurde. Die entsprechenden Nachteile ziehen sich bis ins Erwachsenenalter, was sich auf den Beruf und folglich das Einkommen auswirken wird. Auch hier wird die Schere auseinanderklaffen.

Opfern wir also unsere Kinder zum Schutz der Älteren?

Die ältere Bevölkerung sollte natürlich ausreichend geschützt werden. Die Frage ist: inwiefern will sie das überhaupt? Oder wird es ihr aufgewzungen? Das hat aber nur im weitesten Sinne mit den Kindern und Jugendlichen zu tun. Warum sollten sie nicht mehr in die Schule gehen, keinen Sport treiben und auf soziale Kontakte verzichten? Das hat sich mir nie erschlossen. Wer keinen Kontakt zu älteren Menschen hat, was ohnehin bei den meisten Betroffenen der Fall war, weil viele Eltern den Kontakt zu Großeltern nicht zuließen, der hätte sich auch nicht so extrem einschränken müssen.

Ich habe mit vielen alten Menschen gesprochen, die regelrecht Schuldgefühle entwickelt hatten, weil ihre Enkelkinder wegen ihnen solche einschneidende Maßnahmen erdulden müssen. Gleichzeitig hatten wiederum Kinder Schuldgefühle, weil sie fürchteten, ihre Großeltern anzustecken. Ein schrecklicher Kreislauf. Hier hätte eine realistischere Gefahreneinschätzung sehr geholfen.

Das hat aber die Politik mit ihren Experten völlig versäumt. Andererseits ist Solidarität keine Einbahnstraße. Ich meine damit, dass jeder seinen Beitrag leisten sollte. Zu einer freien Lebensweise in einer Demokratie gehört aber auch, dass jeder auf sich selbst aufpasst. Der Staat kann und darf hier nicht alles reglementieren.

Wie stehen Sie zu den Impfungen?

Grundsätzlich bin ich Impfbefürworter und bei einigen Krankheiten können wir froh sein, dass es Impfungen gibt. Die neuartigen Impfungen gegen Covid-19 sehe ich mit gemischten Gefühlen. Ob diese Impfungen den erwünschten Effekt bringen, werden wir erst in der Zukunft sehen. Durchaus zu erkennen war, dass nach dem Impfstart in den Altenheimen die Todesfälle zurück gingen, ebenso die ganz schweren Verläufe. Aber mögliche, langfristige Nebenwirkungen werden wir erst in der Zukunft feststellen können.

Aktuell wird immer wieder von dramatischen Verläufen bis hin zu tödlichen Verläufen nach einer Covid-19-Impfung berichtet. Diese Berichte muss man sehr ernst nehmen und keinesfalls weiter Vertrauen verlieren. Als Arzt ist es mir ganz wichtig, dass vor der Impfung eine ordentliche und individuelle Nutzen-Risiko-Aufklärung erfolgt. Nicht bei jedem ist eine Impfung meiner Ansicht nach sinnvoll. Kinder, Jugendliche und fitte Erwachsene brauchen sie nicht. Ich würde eine Empfehlung für über 70-Jährige, allen Personen mit bestimmten Vorerkrankungen und medizinisches Personal aussprechen. Aber eben lediglich eine Empfehlung. Und es muss vor der Impfung unbedingt eine gute Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen sowie über das Risiko-Nutzen-Verhältnis erfolgen.

Ich bin absolut gegen einen Impfzwang, auch nicht für einen Impfzwang durch die Hintertür. Ich möchte nicht, dass man sich die Freiheit mit einer Impfung erkaufen muss. Ich bin dagegen, dass sich Kinder impfen lassen müssen. Zwang ist immer ein Zeichen für Schwäche und Ausweglosigkeit. Die Impfung muss eine individuelle Entscheidung der einzelnen Person bleiben. Ärzte haben ihre Patienten sorgfältig darüber zu beraten; ein Nein eines Patienten ist zu akzeptieren, ebenso wie ein Ja. Die Impfung darf nicht zur „Eintrittskarte“ oder einem „Ticket“ werden.

Was allen auch klar sein sollte: Ein Impfzyklus wird nicht reichen. Das Virus wird bleiben, wird sich verändern und es werden Folgeimpfungen nötig sein.

Sie haben gegen Ihre Versetzung geklagt. Wie geht es weiter?

Am 17. Juni hätte vor dem Verwaltungsgericht in Augsburg eine mündliche Verhandlung in meiner Angelegenheit stattfinden sollen. Damit wollte ich mich gegen meine Abordnung wehren und die dafür dienstlichen Gründe überprüfen lassen, denn ich kann keine erkennen. Für mich ist es nach wie vor eine „Strafversetzung“ weil ich öffentlich Kritik übte. Mein Anwalt und ich hatten zunächst eine Mediation vorgeschlagen, mit dem Ziel einer außergerichtlichen Einigung.

Doch nun soll ich erneut versetzt werden, diesmal nach München und die Verhandlung ist dadurch hinfällig. Ich gebe jedoch nicht auf und werde mir das nicht gefallen lassen. Denn ich weiß, dass ich nichts Unrechtes gesagt oder getan habe. Man muss gerade als leitender Beamter Kritik äußern dürfen und konkret sagen, wenn Dinge nicht richtig laufen und durch Handlungen des Staates Bürger eventuell zu Schaden kommen.