„Unsere Welt ist krank, weil auch das Geldsystem krank ist“ analysiert Gradido-Gründer Bernd Hückstädt. „Wir alle leiden daran, dabei gäbe es eine einfache Lösung: gesundes Geld für eine gesunde Welt.“ Das Gradido-Modell orientiert sich am Vorbild der Natur und will das Schuldgeldsystem abschaffen.

Von Christoph Uhlmann

„Unser Finanzsystem ist erkennbar im Zusammenbruch begriffen“, meint Gradido-Gründer Bernd Hückstädt im Gespräch mit Wochenblick. Durch die Corona-Krise würde das kaschiert werden. „Gradido ist ein Vorschlag für ein neues Geld- und Wirtschaftssystem, das sich am Menschen als schöpferischem Wesen sowie der Natur orientiert“, erklärt er. In der Technik, wie beispielsweise bei Flugzeugen, sei es heutzutage normal, sich ein Vorbild an der Natur zu nehmen, in der Wirtschaft sei das noch nicht etabliert. „Die Natur schöpft im Überfluss, doch das ist nur möglich, weil die Dinge auch wieder vergehen. Gradido überträgt dieses Naturprinzip, diesen Kreislauf des Lebens auf das Geldsystem“, erklärt er und fügt ein Beispiel an: Würden Äpfel nur entstehen, aber nicht vergehen, also wieder verfaulen, würde die Welt irgendwann vor lauter Äpfeln „ersticken“.

Keine grenzenlose Geldschöpfung

Unser Schuldgeldsystem funktioniere aber genau so. Der Crash sei dadurch bereits eingebaut. Der Name ‚Gradido‘ leitet sich ab aus den englischen Begriffen Gratitude (Dankbarkeit), Dignity (Würde) und Donation (Gabe). Vor rund 20 Jahren gründete Hückstädt mit Margret Baier die Gradido-Akademie, um herauszufinden, was die enormen Unterschiede zwischen Arm und Reich verursacht. Die ethische Grundlage ist ein dreifaches Wohl: das Wohl des Einzelnen, der Gemeinschaft und des großen Ganzen, also der Umwelt. Im Gradido-Geldsystem spiegelt sich das wider: In der derzeitigen Pilotprojekt-Stufe wird durch eine freiwillige Arbeitsleistung von 50 Stunden pro Monat ein „Aktives Grundeinkommen“ von 1.000 Gradido (entspricht 1.000 Euro) geschöpft. Hückstädts Vision ist allerdings eine viel größere: In der Vollausbaustufe, also wenn das Gradido-System beispielsweise in einem Staat etabliert werden sollte, würde die bloße Existenz eines Menschen für den Bezug des Grundeinkommens ausreichen. Die Teilhabe an diesem System wäre also völlig bedingungslos, wie Hückstädt betont. Gleichzeitig würden aber dem Staat für seine Tätigkeiten 1.000 Gradido (GDD) gutgeschrieben und 1.000 GDD kämen einem Fonds zugute, der eingerichtet wird, um bereits entstandene Umweltschäden zu mildern. Diese „dreifache Geldschöpfung“ soll durch einen „Negativzins“ stabilisiert werden. Dadurch ergebe sich ein Gleichgewicht wie in der Natur. „Verglichen mit der Steuer- und Abgabenquote, die wir haben, wäre das ganz wenig, da Steuern beim Gradido-System völlig wegfallen“, führt Hückstädt weiter aus. Nach einem Jahr wären die 1.000 GDD nur noch 500, nach einem weiteren nur noch 250. Der Vorteil dabei sei das „planbare, sanfte und kontinuierliche Vergehen“ des Geldes anstelle des unfreiwilligen Vergehens des Geldwertes durch Inflation, Finanzkrisen und Crash. Gradido wäre ein selbstregulierendes System, auf dem man problemlos auch ein Kreditsystem aufbauen könne, so der Gradido-Gründer.

Vermögen und Schulden

Unser derzeitiges Geldsystem werde durch Schulden geschaffen, erklärt Hückstädt. „Das heißt, dass die Guthaben der einen immer die Schulden der anderen sein müssen. Wenn es auf der einen Seite Wohlhabende gibt – und wir haben ja sogar Superreiche – dann muss sich der Rest der Welt die Schulden teilen. Das ist vom Prinzip her schon ein Kriegssystem. Solange wir dieses alte Geldsystem noch haben, wird es in der Welt Kriege geben müssen – schon aus mathematischen Gründen“, erklärt Hückstädt in einem Gradido-Podcast. Statt einem „Great Reset“, wie ihn sich die transhumanistische Elite wünscht, spricht sich Hückstädt für eine „Great Cooperation“ aus, also für eine große Zusammenarbeit. „Anstatt gegeneinander zu konkurrieren, kooperieren wir und initiieren einen positiven Domino-Effekt: Jede Lösung ermöglicht weitere Lösungen“, wird hierzu auf der Webseite erklärt.

Keine Spaltung der Gesellschaft

„Ich glaube, wir Menschen selber möchten zur Menschheitsfamilie gehören und woanders scheint es Interessen zu geben, die versuchen, uns zu spalten. Gerade in der jetzigen Zeit geht diese Spaltung ganz direkt durch die Familien, durch die Freundschaften, durch die Nachbarschaften hindurch“, führt er aus und weiter: „In dem Moment, wo ich einen Menschen als lebensbedrohlich empfinde, sehe ich ihn als Feind.“ Auch unser Geldsystem sei „auf Spaltung programmiert“ und habe einen weltweiten Konkurrenzkampf zur Folge. Es sei eine Spaltung, „die wir Menschen gar nicht wollen“, ist sich Hückstädt sicher.
Aufgrund der Corona-Maßnahmen sei es zu „einem Erwachen“ gekommen. Die Zeit sei gerade jetzt reif für eine friedliche Transformation des Systems. „Lasst uns zusammenarbeiten“, lautet der Appell des Visionärs. Durch die „große Kooperation“ würde jeder einen Puzzlestein dazu beitragen können, eine „enkeltaugliche“ Zukunft zu schaffen. Abschließend ruft Hückstädt ein Zitat von Martin Luther King in Erinnerung: „Diejenigen, die den Frieden lieben, müssen sich ebenso effektiv organisieren wie diejenigen, die Krieg lieben.“

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