Gutmenschen-Presse witterte Wochenblick-Affäre
ORF-Foto: Flickr, Gerhard W. Loub (CC BY-NC 2.0)

Ein Kommentar von Chefredakteur Kurt Guggenbichler:

Hat der ehemalige Landeshauptmann Josef Pühringer der oberösterreichischen Zeitung „Wochenblick“ tatsächlich zum einjährigen Jubiläum gratuliert? Die Antwort auf diese für die Zukunft unseres Landes offenbar essentielle Frage dürfte bis vor kurzem noch einige österreichische Journalisten schwer beschäftigt haben.

Darunter auch das Team der selbsternannten heimischen Enthüllungsplattform „Dossier“, eines Vereins für investigativen Journalismus, der in Linz nachgefragt hat, ob die Gratulationswünsche des Landesvaters echt oder ein Fake seien, wie mir Landespressechef  Gerhard Hasenöhrl am Rande der Pressekonferenz für die Landesgartenschau im Kloster Kremsmünster erzählte. Ob Pühringer wirklich gratuliert hätte, begehrte die Aufdecker-Crew von ihm konkret zu wissen, und wenn ja warum?

„Und was hast Du gesagt?“, frage ich Hasenöhrl,  während wir im Sternwartegarten gemeinsam die Blütenpracht bewundern. Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Ja, es stimme und warum nicht? Ich musste grinsen und dabei an den Satz denken, den ich im Internet über die Enthüllungsplattform gelesen habe: „Dossier greift Themen von öffentlichem Interesse auf, recherchiert diese umfassend und stellt sie unabhängig und übersichtlich dar.“

Nichts gegen die Arbeit dieser jungen Leute! Schließlich betreiben wir selbst investigativen Journalismus. Die Überprüfung von Glückwunschadressen zählt zu unserer Arbeit freilich nicht. Auch Hanna Herbst, die stellvertretende Chefredakteurin beim „Vice“ Magazin, erregte sich per Twitter über die unbestreitbare Tatsache der Landeshauptmann-Glückwünsche an den „Wochenblick“ und beschimpfte Pühringer mit unflätigen Worten, die ich hier nicht reportiere.

Aber anstatt Hanna Herbst wegen des Pühringer-Bashings zu tadeln, wurde sie vom zurückwitternden ORF-Journalist Stefan Kappacher nur dahingehend aufgeklärt, dass besagte Glückwünsche kein Fake seien, wie ihm das LH-Büro bestätigt habe. Offenbar hatte sich auch der Polit-Journalist Kappacher bemüßigt gefühlt, in dieser hochbrisanten Angelegenheit, die unser Land wohl in schwere Turbulenzen hätte bringen können, nachzuforschen.

Meine Mitarbeiter fragten daraufhin bei Kappacher an, ob denn der ORF keine Aufdecker-Geschichten mehr hätte? Seine Antwort: „Das nennt sich Recherchieren. So macht das die Lügenpresse.“ Nun war ich erstaunt. Denn dass Kappacher seinen eigenen Laden als Lügenpresse bezeichnet, hätte ich nicht vermutet.

PS: Mittlerweile hat, verspätet, auch der neu angelobte Landeshauptmann Thomas Stelzer dem „Wochenblick“ zu seinem 1. Geburtstag gratuliert. Steilvorlage für die gutmenschlichen „Aufdecker-Journalisten“? 1, 2, 3 … Empört euch!

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