Bekommt die EU bald einen Heiligenschein? Papst Franziskus leitete nun den ersten Schritt ein, der zur Heiligsprechung von Robert Schuman, einem der Gründerväter der heutigen Europäischen Union, führen könnte. In einem zugehörigen Dekret werden die „heroischen Tugenden des Dieners Gottes, Robert Schuman“ hervorgehoben. Vorerst wurde er in die Reihe der „Ehrwürdigen“ aufgenommen. Schon 1956 erhielt Schuman den Pius-Orden – der dritthöchste Orden für Verdienste um die römisch-katholische Kirche, der vom Papst verliehen wird. 

Von Kornelia Kirchweger

  • Robert Schuman gilt als einer der Gründerväter der EU
  • Seine Idee vom vereinten Europa fand in Frankreich wenig Zustimmung
  • Schuman musste sogar sein Amt niederlegen
  • Papst Franziskus ermächtigte Kardinal, Dekret zu verkünden
  • Jetzt fehlt nur noch ein „Wunder“: Dann könnte Schuman heilig gesprochen werden

Versteckte sich vor Gestapo in Klöstern

Anlässlich einer Audienz für den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal Marcello Semeraro, ermächtigte Papst Franziskus diesen, das Dekret zu verkünden. Zusammen mit den Anliegen von vier anderen Ehrwürdigen und elf zukünftigen Seligen, darunter zehn polnische Märtyrerinnen, die 1945 bei der Invasion sowjetischer Truppen in Odium Fidei (aus Hass gegen den Glauben) in Polen getötet wurden. In einer Aussendung des Vatikans heißt es, Robert Schuman (1886-1963) sei ein politisch engagierter, französischer Katholik gewesen, der seine Mission und seine Dienste als Akt des Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes ausführte und im Gebet lebte. Er wurde von der Gestapo zwischen 1940 und 1941 eingesperrt, konnte entkommen und versteckte sich, bis zum Ende des Krieges, in Klöstern und Konventen. Gemeinsam mit Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi, gilt er als einer der Gründerväter eines vereinten Europas. Laut einem Bericht von Reuters ist das in Frankreich ansässige Institut Saint Benoit seit mehreren Jahrzehnten bestrebt, Schuman zum Heiligen zu machen.

Es fehlt noch ein Wunder

Für eine Heiligsprechung braucht es die Erklärung des Papstes, ein bestimmter Verstorbener befinde sich in der „seligmachenden Gottesschau“. Voraussetzung ist entweder das Erleiden des Martyriums oder der Nachweis eines heroischen Tugendgrades. Ist ein Kandidat kein Märtyrer, wird zudem der Nachweis eines Wunders gefordert. Als „Wunder“ gilt in der Kirche ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, das Verwunderung und Erstaunen auslöst. In der Tat ist das Zustandekommen und Weiterbestehen der heutigen Europäischen Union ein Wunder: kaum jemand kann sich erklären, wie sich ein Regime verfestigen konnte, das demokratisch nicht legitimiert ist und dessen nie gewählte „Regenten“ trotzdem den Alltag der Europäer bestimmen können.  

Ungeliebte Europäische Gemeinschaft 

Schuman war nach dem Zweiten Weltkrieg französischer Premier, Finanz- und Außenminister. In einer Rede von 1950, die später als „Schuman-Erklärung“ bekannt wurde, schlug er eine Neukonstruktion Europas, beginnend mit einer supranationalen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (Montanunion) vor. Seine Idee einer Europäischen Gemeinschaft fand im damaligen Frankreich wenig Zustimmung, sodass Schuman 1952 sein Amt niederlegen musste. 1957 wurden die Römischen Verträge angenommen, die schließlich in eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und 1993 in eine politische Union mündete – der heutigen Europäischen Union. Schuman verstarb 1963.

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