Herbert Saurugg gilt als der renommierteste Krisenvorsorge-Experte unserer Zeit. Und er appelliert eindringlich, rasch die Selbsthilfefähigkeit innerhalb der Gemeinden und der Menschen zu stärken, um absehbare Folgekrisen bewältigbar zu machen. Im exklusiven Wochenblick-Interview mit Clubleiter Stefan Magnet, beantwortet er auch die Frage, ob zur aktuellen Corona-Krise jetzt auch noch ein Black-Out kommen könnte …

Ein Interview geführt von Stefan Magnet

Wochenblick: Sehr geehrter Herr Saurugg, im Interview mit mir vor exakt einem Monat warnten Sie vor einer möglichen Pandemie, die ganz Europa lahmlegen könnte. Hatten Sie Insider-Infos?
Herbert Saurugg: Nein, aber wenn man etwas aufmerksam durch die Welt geht, dann war schon seit Jahren klar, dass es irgendwann einmal kommen wird. Wir haben immer wieder Glück gehabt. Das wurde leider nicht gut kommuniziert. Daher haben die Menschen dann immer geglaubt, es war alles übertrieben (SARS, Vogelgrippe usw.). Das es jetzt so schnell gegangen ist, hat auch mich überrascht.

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Denken Sie, dass es striktere Ausgangssperren geben wird oder werden die bisher gesetzten Maßnahmen in Deutschland und Österreich genügen?
Das hängt von uns ab. Wenn wir alle versuchen, das einzuhalten, werden hoffentlich nicht schärfere Maßnahmen notwendig sein. Uns muss auch klar sein, dass wir diesen Status nicht lange durchhalten werden. Aber es ist ein wichtiger Versuch, das Ganze einzudämmen. Nachdem wir keine Erfahrung mit solchen Situationen haben und es in China anscheinend geholfen hat, können wir nur hoffen, dass es auch bei uns klappt. Wir werden nie erfahren, was passiert wäre, wenn anders entschieden worden wäre. Das ist halt Komplexität. Man kann nur probieren, weiß aber nicht, was rauskommt. Einmal klappt es und beim anderen Mal oder in einem anderen Land geht es in die Hose. Das passt halt nicht mit unserem einfachen linearem Denken zusammen.

Noch haben gewisse Geschäftslokale geöffnet, nach den schlimmsten Hamsterkäufen hat sich die Lage halbwegs entspannt. Was sollte man jetzt noch einkaufen?
Die Menschen haben aus ihrer Verunsicherung heraus richtig und nachvollziehbar gehandelt. Darum versuche ich seit Jahren die Vorsorge zu propagieren. Und das gilt auch weiterhin: Zumindest zwei Wochen Eigenversorgungsfähigkeit mit allem, was man für eine so lange Zeit braucht oder glaubt zu brauchen. Übertriebene Einkäufe machen wiederum kaum Sinn, da man möglicherweise dann auf den Sachen hocken bleibt und wenn wir es hoffentlich nicht brauchen, dann frustriert entsorgt und in Zukunft wieder keine vernünftige Vorsorge betreiben. Also, es hängt sehr viel von uns selbst, also von jedem Einzelnen von uns ab, wie wir damit umgehen und ob wir dann wieder auf Schuldigensuche gehen. Das bringt nichts.

Zumindest zwei Wochen Eigenversorgungsfähigkeit mit allem, was man für eine so lange Zeit braucht oder glaubt zu brauchen.

Erhöht die Corona-Krise zusätzlich die Blackout-Gefahr? Wenn ja, warum?
Aus meiner Sicht ja. Einerseits kann Personal in wichtigen Bereichen wie Leitwarten oder Kraftwerken erkranken und ausfallen. Wenn das zu viele betrifft, kann es gefährlich werden. Zusätzlich sinkt durch den Lockdown und die wirtschaftlichen Einbrüche die Stromnachfrage. Es kommt zu einem Stromüberangebot, was in Kombination mit der volatilen Erzeugung aus PV- und Windstrom die Instabilität erhöht. Das System wird anfälliger für Störungen. Das hängt jetzt natürlich auch von der Dauer der aktuellen Situation und den weiteren Eskalationen ab. Und das ist noch schwer absehbar. Klar ist aber, dass wir nicht davon ausgehen sollten, dass sich die Situation rasch entspannen wird.

Was passiert, wenn jetzt etwa ein 48 Stunden dauernder Blackout hinzukommt?
Keine Ahnung … Im Wesentlichen würde es wohl ähnlich ablaufen, wie bei einem reinen Blackout. Man müsste dann aber wohl die jetzt getroffenen Schutzmaßnahmen aufheben, um die Systeme wieder hochzufahren. Das Schlimmste wäre wohl der Schock für uns alle. Daher ist es besonders wichtig, dass wir uns jetzt psychisch nicht völlig runterziehen lassen, denn es könnte noch schlimmer kommen. Wir müssen uns einfach darauf einstellen, dass sich in den nächsten Monaten sehr viel ändern wird und, dass wir Situationen bewältigen werden müssen, die vor wenigen Wochen noch völlig unvorstellbar waren. Die Welt ändert sich gerade fundamental und wir müssen uns anpassen, um mittel- bis langfristig wieder wie bisher immer besser dazustehen. Jetzt gibt es aber eine Durststrecke.

Wichtig ist, dass wir uns jetzt psychisch nicht völlig runterziehen lassen, denn es könnte noch schlimmer kommen.

Wurde das Krisenmanagement für solche Szenarien in der Politik ernst genug genommen?
Dazu ist es wohl noch zu früh, um entsprechende Urteile abzugeben. Besser kann man es immer machen. Aber das beginnt auch bei uns selbst. Haben wir uns ausreichend mit solchen Möglichkeiten beschäftigt? Haben wir die empfohlene Vorsorge sichergestellt? Und wenn, wie zu erwarten ist, die Krise weiter eskaliert, dann wird es vor allem auf die Nachbarschaftshilfe und die Selbsthilfe in kleinen Strukturen ankommen. Wir müssen das selbst in die Hand nehmen, da niemand Millionen Menschen helfen kann.