Als gebürtiger Tiroler weiß ich nicht, wie ich mich an diesem Freitag fühlen soll. Es ist eine sonderbare Mischung zwischen Erleichterung und abgrundtiefem Zorn. Erleichterung auf der persönlichen Ebene, dass mich als „Exilant“ die scharfen Abriegelungsmaßnahmen nicht betreffen. Und Zorn im Wissen, dass die „alte Heimat“ aus Nichtigkeiten wieder einmal zum Sündenbock für alles wurde und meine Familie und viele Freunde eingesperrt sind. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

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Zum zweiten Mal nach der „Causa Ischgl“ ist das Land im Gebirge der Prügelknabe der Nation. Man unterstellt den kernigen Tirolern, quasi wie in Mitterers „Piefke-Saga“ den Mund nicht voll genug kriegen zu können. Ein böses Killervirus, dass nun mutiert ist, soll die Runde machen. Also müsse man alles zu machen, sperrt die Tiroler ein als wären sie eine Pestkolonie, vor der man den Rest der Welt schützen müsse.

Mit Quarantäne-Kanonen auf Spatzen schießen

Freilich: Der wiederholte behäbige Auftritt der schwarz-grünen Landesregierung und der offenkundig werdende Klüngel – um nicht zu sagen, Politsumpf – macht Tirol zu einem einfachen Opfer, wenn es darum geht, den schwarzen Peter so lange weiterzuschieben, bis er an irgendeinem Bergkamm hängen bleibt. Und trotzdem basiert die Aktion auf keiner nachvollziehbaren Evidenz, sondern letzten Endes auf dem Zuruf einer Virologin in Innsbruck mit ihren absurden Forderungen, Tirol ein ganzes Monat lang zu isolieren.

Denn als die Entscheidung zu Quarantäne und Ausgangssperren am Mittwoch fiel, gab es in Tirol gerade einmal 139 Fälle der „südafrikanischen“ Corona-Mutation – bei 757.634 Einwohnern also 0,018 Prozent der Leute. Am Montag, als die Zahlen zum ersten Mal kamen, waren es noch 163 gewesen. Zumindest in der Tatsache, denn die emotionale Debatte erfolgte auf der Basis von 293 vermeintlichen Fällen. Aber die AGES hatte sich offenbar verrechnet. Geht ja nur darum, jeden zwölfte Österreicher einzusperren…

Militärpolizei macht Pestkolonie-‚Containment‘

Das aus epidemiologischer Sicht besonders absurde an der Sache ist, dass Tirol am heutigen Freitag, als die strengen Maßnahmen in Kraft traten, eine 7-Tages-Inzidenz von 76,6 hatte. Damit hat man unter allen neun Bundesländern mit Abstand den niedrigsten Wert. Während der Rest des Landes sich zum Friseur reintesten „darf“, muss der Tiroler sich aber aus dem eigenen Bundesland raustesten. Einem Virologen in Wien geht das alles nicht weit genug: Er will die Tiroler möglichst schnell durchimpfen.

So weit kommt es noch nicht, aber nun fahren ganze Konvois von Militärpolizei-Fahrzeugen an den Grenzgemeinden auf, um bloß sicherzustellen, dass niemand das Landl unbefugt verlässt. Ein echtes „kommst du nicht raus“: Total absurd – oder auch „verblödet“, wie Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger nicht unrichtig feststellt.

Auf die Tiroler kann man ja draufhauen…

Dabei ist Tirol als Tourismus-Hochburg ohnehin schon neben Salzburg besonders schwer betroffen davon, dass die Bundesregierung mit ihren Maßnahmen die Wirtschaft an die Wand fährt. Die Arbeitslosenzahlen schnellten im dritten Lockdown einmal mehr in die Höhe, erreichten ein rekordverdächtiges Niveau. Die zuständige ÖVP-Ministerin stammt eigentlich aus Tirol, muss sich aber momentan mit dem Fiasko ihres Amazon-Abklatsches „Kaufhaus Österreich“ herumschlagen und hat keine Zeit, Partei für ihre zu Unrecht geprügelten Landsleute zu ergreifen. Auch der Tiroler an der Hofburg ist verdächtig schweigsam, wenn seine Heimat abgeriegelt wird.

Auch die Leitmedien haben keine Zeit, aus ihren Fehlern der Ischgl-Berichterstattung zu lernen. Überheblich wähnt man die Tiroler infolge ihres legitimen Ärgers „in der Opferrolle“. Ein Journalist schlug sogar unlängst im Scherz vor, bei Kufstein eine Staumauer zu errichten. Eine dreiviertel Millionen Menschen wegen ein paar Corona-Fällen absaufen lassen: Wie lustig, haha. Am besten hinfort mit diesem „hinterlistigen Bergvolk in Lederhosen, das sich jodelnd verständigt“, wie ein Lexikon um 1900 die heutige Geisteshaltung gegenüber meinen engeren Landsleuten fast treffend vorgreift.

Auch der Chef-„Isarfranke“ hetzt gegen Tirol

Auch in Bayern – allen voran seitens Söder – wird weiter scharfgemacht. Fast schon überflüssigerweise erwägt man dort nun eine vollständige Schließung der Grenze. Sein Vorgänger Seehofer, heute deutscher Bundesinnenminister, spuckt ähnliche Töne. Die beiden versuchen sich im Schatten von Kurz und Merkel zu profilieren – wozu eigentlich? Als ob die CSU nicht fast alle Wahlkreise bei der Bundestagswahl im Herbst absahnen würde, wenn sie einmal ihren Mund halten würden…

Würde mich nicht der Blick ins hübsche Antlitz meiner Herzallerliebsten, selbst aus dem Freistaate, täglich erinnern, dass nicht alle Bayern so denken, würde ich mich beinahe in der Erinnerung ergehen, dass sich die Tiroler schon 1706 und 1809 mehrfach gegen arrogantes Auftreten der nördlichen Nachbarn zünftig erhoben. Und wenn es manch jetzt ein „Mander ’s isch Zeit“ in den Herrgottswinkel brüllt, liegt’s sicher nicht dran, dass sie uns den gestrigen Ski-Vizeweltmeister einst abspenstig machten.

Tiroler, bleibt einfach widerständig!

Apropos Freistaat: Es ist fast einer Ironie des Schicksals zu verdanken, dass einige der widerständigsten Töne ausgerechnet von einem gebürtigen Vorarlberger kommen. FPÖ-Landesobmann Abwerzger rief nach dem fast schon europaweiten neuerlichen „Tirol-Bashing“ scherzhaft die Notwendigkeit zu einem „Freistaat Tirol“ im heiligen Land am oberen Inn aus.

Wenn man bedenkt, mit welchem Eifer manche Scharfmacher tatsächlich einen Sündenbock aus den Tirolern machen wollen, verstehe ich das Sentiment. Oder wie es Hermann Gilm im Bezug auf die Tiroler Schützenfahne einst sagte: „Denn du kannst zerrissen werden, doch beschmutzt kannst du nicht sein“.

Vom Rest der Republik lossagen muss man sich vielleicht nicht gleich. Aber vielleicht erinnern sie sich beim nächsten Urnengang, dass ihnen Vertreter jene Partei, die seit 1945 ohne Unterbrechung in ihrem Bundesland fuhrwerkt, diese absurde Situation eingebracht haben. Und zwar völlig unabhängig, ob man dabei auf Platters „alles-richtig-gemacht“-Fraktion oder auf Kurz‘ autoritärem „Dauerlockdown“-System zeigt, es ist für jeden etwas dabei. 

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