Nicht einmal die engsten Parteifreunde ahnten noch am Dienstagmorgen, dass Norbert Hofer im Laufe des Tages als FPÖ-Obmann zurücktreten würde. Nach jüngsten Debatten über die Ausrichtung der Partei entschied sich der Burgenländer, seine Ägide an der Parteispitze nach etwas mehr als zwei Jahren jäh enden zu lassen und Platz für einen Nachfolger zu schaffen. Zeit, diese Ära Revue passieren zu lassen. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Partei in größter Not und Turbulenzen übernommen

Die Mainstream-Medien würden gerne das Bild vom glücklosen Obmann zeichnen, der die eigene Hinterbank nicht im Zaum halten konnte und schließlich über die „Polterer“ in seiner Partei stolperte. Dabei geht es ihnen aber hauptsächlich darum, alle Beteiligten in einem ähnlich schlechten Licht dastehen zu lassen. Denn in Wirklichkeit könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein als eine derart verkürzte Darstellung, die der Mainstream noch im Abgesang mit allerlei Gehässigkeiten spickt.

Hofer mag es nicht leicht gehabt haben – aber er stellte sich stets mit vollem Elan in den Dienst von Partei und Land. Dabei ließ er sich auch nie von seinem körperlichen Handicap – ein Schicksal, das er stets mit Würde trug – bremsen. Staatsmännisch machte er sich an die schwere Aufgabe, den Scherbenhaufen nach Ibiza aufzusammeln, die Freiheitlichen wieder in sichere Gewässer zu führen, das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. In der schwersten Stunde erklärte er sich bereit, Verantwortung zu übernehmen: Das verdient Respekt.

Der „gute Vater“ scheute nicht den schwierigen Weg

Nicht alle freute sein auf Konsens ausgerichteter Kurs. Viele Stammwähler und Funktionäre an der Basis wünschten einen kernigen Oppositionskurs – und das ist verständlich: Damit fühlen sie sich am Wohlsten. Denn der mehrfache Aufstieg von einer Nischenpartei zu einer Bewegung mit inhaltlicher und personeller Breite und Wählerzuspruch jenseits der 20 Prozent ist untrennbar damit verbunden, dass es die FPÖ wie keine andere Fraktion vermag, den Regierenden auf die Finger zu schauen.

Das ist eine dankbare – und vom Gegner gefürchtete – Rolle, da man reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Aber es braucht auch solche, die bereit sind, Brücken zu bauen und die kommunikativen Kanäle zum Mitbewerber offen zu halten. Und eine erfolgreiche Partei wird naturgemäß mehrere Gedankenschulen in sich vereinen – sowohl inhaltlich als auch strategisch.

Hofer nahm dafür in Kauf, dass ihn nicht die gesamte Basis lieben wird. Er lieferte weiterhin solide Sachpolitik ab und agierte als „guter Vater“. Gerade nach all dem aufgebauschten Wirbel vor zwei Jahren eine wichtige Rolle. Das heißt nicht, dass er handzahm war – im Gegenteil: immer wieder kritisierte gerade auch er die türkis-grüne Regierung mit nicht minder scharfen Worten als seine Parteikollegen.

Vom „Präsident der Herzen“ zum Parteichef

Der „gute Vater“ – es ist eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist. So sah das im Jahr 2016 auch die Hälfte der Österreicher. Obwohl sich der ganze Klüngel der Etablierten hinter seinem Konkurrenten van der Bellen vereinte und Mainstream-Medien gegen Hofer hetzten, schaffte er in der ersten Stichwahl 49,7 Prozent. Nachdem in der Folge Manipulationsvorwürfe im Raum standen, wurde die Wahl ein halbes Jahr später wiederholt – mit demselben Ausgang: Die Hofburg als Krönung seiner politischen Karriere blieb ihm verwehrt. Trotzdem war er für viele Österreicher so etwas wie der „Präsident der Herzen“. Es bleibt ein phänomenales Ergebnis.

Er hatte ein aktives Amtsverständnis versprochen – und selten hätte dieses so gut getan wie in der aktuellen Krise. Denn der ehemalige Grünen-Chef van der Bellen  schweigt zu jeder totalitären Idee der türkis-grünen Regierung. Schon nach Ibiza war jener nicht gerade unparteiisch und schien für Kurz und Gefolge Partei zu ergreifen. Aber Hättiwari – und so war es auch nicht Hofers Schuld, dass er das Verkehrsressort im Mai 2019 aufgeben musste, sondern eine Folge der knallharten Machtspiele von Kurz samt Gefolgsleuten. Die ÖVP hatte zur Fortführung der Koalition bekanntlich den Kopf von Kickl gefordert – und Hofer hielt zu seinem Parteifreund.

Mainstream fürchtet sich vor vielfältigen Freiheitlichen

Es folgt die Zeit der Doppelspitze, mit dem Versuch, mit dem „angriffigen“ Klubchef Kickl und dem „sanften“ Parteichef Hofer ein breites Wählerspektrum abzudecken. Theoretisch ein Geniestreich – praktisch versuchten Medien und politische Gegner ganz offen, einen Keil hineinzutreiben. Jedes Wort wurde auf die Waagschale geworfen. Man ließ keine Gelegenheit aus, die beiden Alphatiere im blauen Rudel gegeneinander auszuspielen. Ich habe Verständnis dafür, dass auch Hofer dieser durchschaubaren Taktik der feindlichen Mainstream-Matrix irgendwann überdrüssig war.

Und nach seinem Abschied versuchen sie es sofort wieder. Auf Teufel komm raus versuchen sie eine Spaltung der Partei in Lager zu betreiben. Die üblichen Verdächtigen stellen das Schreckgespenst „Knittelfeld“ in den Raum – und verhehlen, dass sie sich genau so ein Szenario wünschen. Sie versuchen jetzt etwa, Haimbuchner und Kickl gegeneinander auszuspielen. Nicht, weil sie einen bestimmten Stil der FPÖ wollen – die halten sie egal mit welchem Kopf für grundböse. Sondern weil ihnen der Reis geht, dass Oberösterreich dank solider Regierung im Land und kantiger Opposition im Bund ein doppeltes „blaues Wunder“ an der Wahlurne erleben könnte.

Die Partei lebt von ihren Werten

Dabei eilt die Aufstellung eines neuen Chefs für die Bundespartei nicht. Freilich, die Weichen sollten so schnell wie möglich gestellt werden. Aber man sollte sich dabei so viel Zeit wie nötig lassen. Alle möglichen Nachfolge-Kandidaten, die derzeit in der medialen „Silly Season“ herumschwirren, haben ihre Vorzüge – und alle wären würdige Nachfolger für Hofer. Und der hinterlässt ein weniger schweres Erbe als sein eigener Vorgänger. Es gilt wie in stärksten Zeiten, das Einende vor das Trennende zu stellen. Samt- und Fehde-Handschuh haben auf dem politischen Parkett eine gleich wichtige Rolle.

Denn, wenn sich in den letzten Jahrzehnten eines gezeigt hat, dann dass die freiheitliche Partei in Österreich eine starke Marke ist. Es gibt nicht immer nur fette Jahre – aber sie schafft es seit Jahren ein verlässliches Sammelbecken für alle zu sein, für die Heimat und Freiheit nicht nur leere Worthülsen sind, sondern ein echtes Herzensanliegen. Dass es dabei auch verschiedene Ansätze gibt, ist keine Schande, sondern kann wieder zur Stärke werden. Die FPÖ lebt nicht von einzelnen Gesichtern, sondern von ihrer Botschaft. 

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