Für alle Kinder, die sich in Österreich dauernd aufhalten, bestehe allgemeine Schulpflicht, so heißt es seitens der Gesetzgebung. Die Schulpflicht beträgt 9 Schuljahre und beginnt mit dem auf die Vollendung des sechsten Lebensjahres folgenden 1. September. Und die Schullaufbahn, wie man sie kennt, beginnt mit der Volksschule, die sich nach dem Wohnort, dem sogenannten Sprengel, orientiert. Dann beginnt die große Wahl zwischen Mittelschule oder Gymnasium und den einzelnen Besonderheiten. Und so weiter. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine „Schulpflicht“?

Kommentar von Christina Sperr

Die allgemeine Schulpflicht ist in Österreich in der Bundesverfassung festgeschrieben und im Schulpflichtgesetz von 1985 genauer erläutert. Sie wird als fest vorgegeben und unumstößlich angenommen, denn so ist es bekannt. Das Schulpflichtgesetz jedoch genauer durchgesehen, beinhaltet § 11 Absatz 2 eine ganz andere Ansicht: „Die allgemeine Schulpflicht kann ferner durch die Teilnahme an häuslichem Unterricht erfüllt werden, sofern der Unterricht jenem an einer im § 5 genannten Schule – ausgenommen die Polytechnische Schule – mindestens gleichwertig ist.“ Dies bedeutet somit, dass es sich in Österreich nicht um eine Schulpflicht handelt, sondern um eine Unterrichtspflicht oder auch Ausbildungspflicht.

Jährliche Prüfung

Die Unterrichtspflicht sieht hierbei vor, dass dem Kind Formen von Unterricht, Wissen und Erziehung mitgegeben werden. Ob dies nun im häuslichen Unterricht stattfindet oder in Bildungseinrichtungen, bleibt den Eltern überlassen. Um dies von staatlicher Seite jedoch als erfolgreich deklarieren zu können, dass diese Bildung auch im häuslichen Unterricht stattfinde, werden Externistenprüfungen von den Kindern gefordert. Diese finden jeweils am Ende des Schuljahres statt, teilen sich in die verschiedenen Fächer ein und prüfen den Stoff, der in diesem Schuljahr in den Schulen thematisiert und behandelt worden wären, wenn das Kind die Schule besuchen würde. Aus vielen Erfahrungsberichten sind diese Prüfungen für die Kinder im häuslichen Unterricht befindend keine großen Herausforderungen und werden meist bravourös gemeistert.

Herausforderung: Zeit

Die Unterrichtsmaterialien sowie die Schulbücher werden den Eltern ausgehändigt, wie auch der Prüfungsstoff, der bei den Externisten abgefragt wird. Eine weitere finanzielle Unterstützung für häuslichen Unterricht gibt es nicht, was von manchen Seiten angeprangert wird. Eine große Herausforderung bildet vorrangig das zeitliche Ermessen der Eltern. Da viele berufstätig sind, die Kinder im Schulpflichtalter obsorgepflichtig sind und sich viele die Vermittlung der Inhalte nicht zutrauen, wählen die meisten Eltern die normalen Schulen, um der Ausbildungspflicht nachzukommen. Alles zum Wohle des Kindes.

Abmeldefrist zu beachten

Gerade das Wohl des Kindes ist für viele in anderer Form besser gewährleistet und es haben sich Vereine und Initiativen geformt, die Eltern bei dem Schritt in den häuslichen Unterricht unterstützen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die überfüllten Klassen, die Überlastung der Lehrkräfte – nicht mehr auf jedes Kind einzeln und dessen Bedürfnisse adäquat eingehen zu können – und der mittlerweile schon antiquierte Lehrplan lassen Eltern zum Schritt der Abmeldung der Schule entscheiden. Die Abmeldung wiederum funktioniert äußerst unkompliziert, so wird es von den Bildungsdirektionen zumindest versichert. Es gibt ein online abrufbares Formular, bei dem die Eltern ihre Kinder zum häuslichen Unterricht anmelden. Die Frist, bis wann die Abmeldung erfolgen solle, ist auch gesetzlich geregelt. Die Bildungsdirektion Oberösterreich gibt hierbei Folgendes an Anfragen von Erziehungsberechtigten weiter: „Die Erziehungsberechtigten haben die Teilnahme am häuslichen Unterricht jeweils vor Schulbeginn bei der für den Wohnort örtlich zuständigen Bildungsregion anzuzeigen, für das Schuljahr 2021/22 muss daher die Anzeige bis spätestens 12.9.2021 bei der Bildungsregion eingelangt sein.“ Die Bildungsdirektion Salzburg wiederum datiert die Frist mit der gleichen gesetzlichen Grundlage auf den 10.09.2021, obwohl die Schule in diesen beiden Bundesländern nach den Sommerferien gleichzeitig beginnen würde. Erziehungsberechtigte sollten sich die Frist der zuständigen Bildungsdirektion am besten schriftlich mitteilen lassen, um keine Überraschung – im Sinne von nicht fristgerechter Übermittlung des Antrags – erleiden zu müssen.

Anmeldung jederzeit

Wenn sich nach einigen Monaten herausstellen sollte, dass die Umsetzung und die Durchführung des häuslichen Unterrichts für das Kind doch nicht lohnen würde oder aus irgendwelchen Gründen der Schulbesuch wieder angestrebt werden würde, so reicht dafür ein formloses Schreiben, eine kleine Anmeldung an einer öffentlichen Schule und das Kind kann während des laufenden Schuljahres sofort wieder einsteigen. Dies hängt wohl mit der Finanzierung der Schulen zusammen, denn für jedes Kind, das die Schule besucht, erhält diese Schule staatliche Gelder an der Schüleranzahl orientiert. Eine Ummeldung zum häuslichen Unterricht während des Schuljahres würde demnach finanzielle Einbußen und eine Verkomplizierung des Schulbudgets mit sich ziehen, was jedoch von keiner öffentlichen Stelle schriftlich bestätigt wird. Demnach gilt, dass eine Anmeldung zur Schule jederzeit möglich ist, wohingegen eine Anmeldung zum häuslichen Unterricht nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgen darf und kann.

Recht auf Hausunterricht

Wie es mit den Zugangsrichtlinien an Schulen unter den gesundheitlichen Maßnahmen weiterhin aussehen wird, kann bisweilen nur erahnt oder vermutet werden. Fakt ist jedoch, dass alle Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kinder für den häuslichen Unterricht von der Schule abzumelden und selbst für ihre Bildung verantwortlich zu sein.

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