Mit den Siegesmeldungen über die Terrororganisation IS in Syrien glaubte man die Gefahr von Anschlägen teilweise gebannt. Doch wie sich zeigt, sind die Attentäter mitten unter uns und aktiv. Denn der Terror war nie weg. Statt großer spektakulärer Anschläge waren es kleinere Attentate mit Messern und einer geringen Anzahl von Opfern, die sich leicht übersehen oder auch verschweigen lassen.

Von Matthias Hellner

Dresden, Paris, Nizza und Wien – innerhalb weniger Wochen ist die verdrängte Gefahr des islamistischen Terrors wieder allgegenwärtig.

In Dresden stach am 4. Oktober ein syrischer Flüchtling, der einschlägig vorbestraft war, ein homosexuelles Pärchen nieder. In Paris enthauptete ein 18-jähriger Tschetschene am 16. Oktober einen Lehrer, weil dieser Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte.

Am 29. Oktober stach ein gerade über das Mittelmeer nach Europa gelangter Tunesier drei Personen in einer Kirche in Nizza nieder. Und in Wien kam es am 2. November zu einem islamistischen Anschlag im ersten Bezirk.

Die Betroffenheitsphrasen und die Beteuerungen, die Gesellschaft durch diese Terrorakte nicht spalten zu lassen, waren nichts Neues und gehören zum üblichen Repertoire, das in solchen Momenten abgespult wird.

Kampf dem Islamismus

Neu ist allerdings, dass auf einmal auch teilweise klarere Worte von Politikern zu vernehmen waren. So von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Nach dem brutalen Mord an dem Lehrer erklärte er: „Nicht eine Minute Aufschub für die Feinde der Republik“.

Und noch am Sonntag, dem 18. Oktober, wurde der Verteidigungsrat einberufen. Nach Angaben des Élysée-Palastes soll er dort erklärt haben: „Die Angst wird die Seiten wechseln. Islamisten dürfen in unserem Land nicht ruhig schlafen können.“ Im Anschluss kündigte er einen Aktionsplan „gegen Strukturen, Vereinigungen oder Menschen, die radikalisierten Kreisen nahe stehen“ an.

Dieser Aktionsplan wurde von Innenminister Gérald Darmanin präzisiert. Darmanin erklärte, mehr als 50 Verbände würden „die ganze Woche über Besuch von staatlichen Stellen bekommen“. Mehreren drohe die Auflösung.

Dabei fasste Darmanin insbesondere das Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) ins Auge. Es gebe mehrere Hinweise darauf, dass es sich dabei um „einen Feind der Republik handelt“. 

Inwieweit die Ankündigungen halten, bleibt offen. Zwar haben die Franzosen in ihrer Geschichte bewiesen, dass sie für „La Terreur“ keine Hilfe benötigen, aber für Macron geht es auch um mehr. Denn 2022 stehen die nächsten Präsidentschaftswahlen an, und bei einer Umfrage von Anfang Oktober, die alle denkbaren Kandidatenkonstellationen erforscht, lag Marine Le Pen, die Chefin des Rassem­blement National, sechsmal vorn, Macron nur dreimal.

Zudem liegt es nicht in der Natur Frankreichs, das sich als strikt säkularer Staat versteht, sich religiösen Befindlichkeiten über Gebühr zu beugen.

Daher dürfte auch die „Trotzreaktion“ einer kleinen Satirezeitung, „jetzt erst recht Karikaturen des Propheten“ zu veröffentlichen, die Anschläge in Nizza und Wien befeuert haben.

Demographisches Problem?

Dabei kann die Reaktion auf derartige Verstöße gegen die Gebote Allahs oder seines Propheten schneller erfolgen als erwartet. Dazu bedarf es auch keiner Flugzeuge oder langen Planung. Ein Küchenmesser, ein PKW oder ein LKW genügen vollauf. Auch potentielle Gottes­krieger müssen nicht erst heimlich einsickern – entweder kommen sie im stetigen Strom von Migranten oder sind als „Schläfer“ bereits vor Ort.

Das ist auch bedingt durch eine neue, bisher noch wenig beachtete Entwicklung. Waren es bei dem Anschlag auf das World Trade-Center in den USA 2001 oder 2004 bei dem Zuganschlag in Madrid oder bei anderen islamistisch motivierten Anschlägen häufig Ausländer, die erst als Migranten oder gar normal per Visum in die jeweiligen Länder einreisten, änderte sich in den letzten Jahren das Bild. 

Denn zunehmend verstärkt sich eine demografische Komponente. Finden sich doch unter den Tätern vermehrt Personen, die in dem Land geboren wurden und aufgewachsen sind – auch wenn ihre Familien in den meisten Fällen Migrationshintergrund haben.

So etwa beim Terroranschlag in London am 22. März 2017, als der 52-jährige Attentäter Khalid Masood (vor seiner Konversion zum Islam Adrian Russell Ajao) zuerst auf der Westminster Bridge in eine Menschenmenge fuhr und danach einen Polizisten erstach – insgesamt gab es fünf Tote und rund 40 Verletzte.

Auch der Täter des Anschlags von Manchester am 22. Mai 2017, Alman Abedi, wurde als Sohn libyscher Eltern in London geboren. Bei dem Selbstmordattentat wurden durch die Sprengsätze 23 Personen – inklusive des Attentäters –  getötet und rund 800 verletzt.

Dies war der schwerste islamistische Anschlag im Vereinigten Königreich und das erste Selbstmordattentat seit den Londoner Terroranschlägen vom 7. Juli 2005. Bei letzterem, als durch Explosionen in drei U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus 56 Menschen (inklusive der vier Selbstmordattentäter) getötet und über 700 verletzt wurden, kamen auch drei der vier Attentäter aus England und einer aus Jamaika.

Weit verbreitete Sympathien

Ähnlich ist es in Frankreich. Bei den Anschlägen von Paris am 13. November 2015, bei dem die Täter auch mit Sturmgewehren um sich schossen und im Bataclan-Theater Geiseln nahmen, war ein Teil von ihnen in Frankreich geboren worden. Auch der Täter des Anschlags in Straßburg 2018 hatte zwar algerische Wurzeln, war jedoch in Straßburg geboren.

Macron sprach daher auch von einem „islamischen Separatismus“, dem die Republik den Kampf ansagen müsse. Lehnen sie doch die „westlichen“ Staaten ab und stellen Koran und Scharia über die geltende Ordnung, von der sie zwar profitieren – sei es mit Religionsfreiheit, Bildungsmöglichkeiten oder Sozialleistungen – aber sich nicht integrieren wollen und diese als nicht bindend betrachten.

Für sie ist eben – und das ist für Europa nach der Aufklärung und mit der Trennung von Staat und Religion nicht sofort begreifbar – der Islam teilweise mehr als eine Religion und zugleich Ideologie und Rechtsordnung. Wie tief dies schon in Parallelgesellschaften verankert ist, zeigen auch immer wieder Berichte aus Schulen oder Einträge in sozialen Medien, wo die Täter gefeiert werden.

Lehrer aus Berliner Schulen berichten, dass Schüler die Gedenkminute an den französischen Lehrer stören und argumentieren, er hätte bekommen, was er verdient, weil er gegen die religiösen Gebote verstoßen und den Islam beleidigt hat.

Das zeigt, dass Sympathien für Salafisten und Dschihadisten weiter verbreitet sind, als viele wahrhaben wollen. Auch wenn diese Schüler nicht zwingend Attentate verüben werden, sind sie doch geistige Dschihadisten.

Diejenigen, die vor derartigen Entwicklungen schon immer warnten, wurden bisher als rechte Hetzer der Islamophobie geziehen. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät für ein Umdenken.