Es wird Zeit, wieder zur Normalität zurückzukehren, wünschen sich viele Linzer, die zur Zeit noch wie begossene Pudel durch leere Straßen streifen und die beim Betreten von Einkaufsmärkten, die sie für einen potentiellen Seuchenherd halten, ein „mulmiges Gefühl“ verspüren.

Eine Reportage aus dem „Seuchengebiet“ von Kurt Guggenbichler

„Halt!“ – Forsch stoppt mich eine vermummte Security-Gestalt beim Betreten des Lidl-Einkaufsmarkts in Ansfelden. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, frage ich erschrocken. Vorschriftsmäßig hatte ich schon zu Hause nach gründlicher Desinfektion der Hände die Mund-Nasen-Schutz-Maske angelegt und Haushaltshandschuhe übergestreift.

Ohne Wagen geht es nicht

„Sie müssen einen Einkaufswagen nehmen“, sagt der Lidl-Zerberus. „Aber ich hole doch kein Klopapier, sondern nur ein Steak aus ihrem Tiefkühlfach“, erwiderte ich. „Das ist alles, was ich brauche.“

„Und Sie brauchen auch einen Wagen“, sagt die Security-Frau und fügt noch hinzu: „Um Abstand zu halten.“ Den Einwand, dass ich auch ohne Einkaufswagen in der Lage wäre, die vorgeschriebene Sicherheitsdistanz einzuhalten, erspare ich mir.

Drinnen ist die Abstandspolizei nicht wachsam

Als gelernter Österreicher weiß ich, dass „Vurschrift eben Vurschrift“ ist, die keinen Widerspruch duldet. Endlich drinnen im „Einkaufsparadies“ lande ich schnell neben zwei Kunden am Tiefkühlfach, die dort beide gefährlich nahe beieinanderstehen und das Angebot in der Truhe mustern.

Ihre Einkaufswagen haben sie derweil hinter sich geparkt und weit und breit ist keine Abstandspolizei zu sehen. Sie müssen einen Wagen nehmen, um Abstand halten zu können, höre ich im Geiste noch die Torwache sagen und ärgere mich über den nervigen Aktionismus, der in den letzten Tagen über uns gekommen ist.

Unter solchen Umständen vergeht mir schnell der Appetit. Nun brauche ich auch kein Steak mehr. Doch beim „Hofer“ gegenüber will ich mir das Tablett mit dem guten Kochschinken besorgen.

Übersicht ist alles

Ich hege die Hoffnung, dort nicht zum Schieben mit „Abstandshaltern“ gezwungen zu werden. Auch beim „Hofer“ kreuze ich brav mit bereits angelegtem Mund- und Handschutz auf und will eben durch die sich automatisch öffnende Schiebetür ins Innere verschwinden, als erneut ein forsches „Halt!“ meine Schritte stoppt.

Was ist denn jetzt schon wieder?, denke ich verärgert und schaue die junge Torwächterin fragend an. „Sie müssen sich einen Wagen nehmen“, befiehlt auch sie, wenn auch etwas freundlicher als beim Lidl. „Aha“, sage ich, „um Abstand zu halten. – Aber glauben Sie nicht, dass ich dies auch ohne Wagen könnte.“

„Dies ist nicht der Grund“, erklärte mir die junge Frau. „Dadurch haben wir eine bessere Kontrolle darüber, wie viele Leute im Geschäft sind.“

Sonderbare neue Rituale

Ich schaue verdutzt, will schon was sagen, lasse es dann aber sein. Auf mein Schinkentablett will ich nun aber nicht mehr verzichten. Ich hole es mir aus dem Kühlregal und lege es demonstrativ in den leeren Einkaufswagen.

Dann schiebe ich den Wagen mit dem einsamen Wursttablett zur Kasse und danach weiter zum Auto, wo ich meinen „Großeinkauf“ im Kofferraum deponiere. Die bereits während des Gehens abgestreiften Haushaltshandschuhe werfe ich hinterher. Zu Hause würde ich sie dann im Plastikmüll entsorgen.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Meine Gesichtsmaske drapiere ich vorsorglich am Rückspiegel meines Wagens. Könnte sein, dass ich noch an meiner Sparkasse vorbeikäme, wofür ich das Vermummungsteil dann erneut benötigte. Denn einige Tage nach dem Ersten wäre es wohl nicht zu früh, meine Kontoauszüge zu holen.

Der Sturm der Pensionisten auf die Geldautomaten dürfte bereits vorüber sein und sollte ich trotzdem noch jemanden in der Vorhalle begegnen, wo ich meine Kontoauszüge auszudrucken gedenke, dann bräuchte sich dieser Jemand vor meiner Person nicht zu fürchten.

Jeder schiebt für sich allein

Noch vor wenigen Tagen wäre es umgekehrt gewesen, wenn ich in einer Bank plötzlich mit verhülltem Gesicht aufgekreuzt wäre. Jeder hätte dann sofort einen Banküberfall vermutet und sich vermutlich erschreckt.

In diesen Tagen jedoch fürchten sich viele vor den Maskierten, die ihr Gesicht aus gesundheitlichen Erwägungen heraus verhüllten. In den Supermärkten sind das mittlerweile alle Menschen und diese gehen sich dort auch weitgehend aus dem Weg.

Ich halte natürlich auch den Mindestabstand ein, habe aber fast schon ein schlechtes Gewissen, weil ich mich vor diesem Virus überhaupt nicht fürchte und auch nicht wie im Büßergewand mit eingezogenen Schultern durch die Regalgassen schleiche.

In den Supermärkten drücken sich die meisten Leute in diesen Tagen herum, als würden sie zur Hoch-Risikogruppe gehören. Darunter viel jüngere Menschen als ich es bin. Die Stimmung beim Einkaufen gleicht dem eines Kirchenbesuchs.

Still, schnell und konzentriert wird von den Einkäufern erledigt, was sie wohl glauben, nicht aufschieben zu können und dann nichts wie raus aus diesem potentiellen Seuchenherd.

Gefühl wie in einer Geisterbahn

Dieses von mir beobachtete Verhalten deckt sich auch mit dem Ergebnis einer Befragung der Marktforscher von „Research Affairs“, derzufolge 41 Prozent der Menschen beim Besuch eines Supermarktes ein „mulmiges Gefühl“ verspüren.

Aus Angst, sich mit dem Corona-Virus infizieren zu können, weicht die überwiegende Mehrheit, nämlich 64 Prozent, jedem Einkaufswagen aus und vermeidet jeden möglichen Kontakt. Ein Viertel der Befragten vermeidet ganz bewusst Small-Talk mit Supermarktmitarbeitern und anderen Kunden.

„Die Konsumenten fühlen sich beim Einkaufen wie in einer Geisterbahn“, resümiert Sabine Beinschab von „Research Affairs“, „doch viele dieser Geisterbahnfahrer wünschten sich schon sehr die normalen Zeiten von früher herbei, wie sie mir gegenüber auf meine mit großem Sicherheitsabstand gestellte Frage unisono betonten.“

Mann trägt alte Masken auf

Bevor ich mich wieder in die Isolation begebe, schaue ich noch schnell beim „Merkur“ rein, wo man Gesichtsmasken mittlerweile nicht mehr gratis verteilt, sondern zum Stückpreis von drei Euro verkauft.

Das scheint einige Leute zu wurmen. „In diesem Fall“, sagt ein Mann der Verkäuferin, „trage ich lieber meine bereits gebrauchten Masken auf.“