“Wir müssen schnell wach werden, um zu deeskalieren”

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Friedensforscher Daniele Ganser will Brücken bauen

“Wir müssen schnell wach werden, um zu deeskalieren”

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Mit Daniele Ganser war am vergangenen Wochenende ein Superstar der Gegenaufklärung in Oberösterreich zu Gast. Durch seine Analysen zu NATO-Geheimarmeen in Europa und zum 11. September erreichte der Schweizer Historiker und Friedensforscher internationale Bekanntheit. Seine Vorträge unter dem Motto “Menschheitsfamilie” lockten hunderte Besucher auf Einladung des Unternehmenszusammenschlusses “Wir EMUs” nach Sipbachzell. Sein Appell: Brücken bauen. Wochenblick sprach exklusiv mit Daniele Ganser vor Ort.

Seit mehr als zwei Jahren wird die Menschheit in Angst gehalten. Zuerst war es Corona, jetzt ist es der Ukraine-Krieg. Was bezwecken die Herrschenden mit dieser Vorgehensweise?
Was den Leuten auffallen müsste, ist, dass die Ängste immer wieder in ein neues Kleid gehüllt werden und das geht viel weiter zurück. Angst ist immer ein Instrument, um Massen zu lenken. Mit Sachargumenten jeden Einzelnen zu überzeugen ist sehr aufwendig. Aber eine große Angst zu erzeugen und dann sagen: Das ist die Lösung – das funktioniert eigentlich immer. 2003 waren es die ABC-Waffen im Irakkrieg. 2001 Nine-Eleven für den Afghanistankrieg. Jetzt mit Corona ist das überdeutlich geworden, aber das Phänomen ist nicht neu. Die Angst vor dem Atomkrieg 1962 – die Kubakrise – war real und groß. Es gibt sehr intensive Ängste, seien es die Angst vor dem Atomkrieg oder die Angst vor Terroristen. Oder in der DDR die Angst vor Kapitalismus bzw. in der BRD die Angst vor Kommunismus. Und auch die Angst vor Viren ist sehr intensiv, so wie auch jetzt die Angst vor den Russen.

Als die USA den Irak bombardierten, schwiegen alle

Wie begründet ist diese Angst?
Ich finde, dass der Westen, also wir, den Bogen überspannt haben. China, Indien, Afrika und Südamerika sind nicht der Westen. 1990 hat der Westen, haben also vor allem die USA und die NATO, den Kalten Krieg gewonnen. Dann gab es dieses unipolare Moment, das ich erwähnt habe, diese 30 Jahre. Was haben die USA gemacht? Sie haben Syrien, Libyen, Serbien und Afghanistan bombardiert. Das waren aber alles relativ schwache Länder, sie konnten sich nicht wehren und es gab auch keine große Reflexion. Russland aber ist eine Atommacht und es passiert alles so schnell, dass wir sehr schnell wach werden müssen, um zu deeskalieren. Das ist jetzt sehr wichtig. Es kann nicht das Ziel sein, dass wir sagen: Komm, wir machen noch mal einen Zweiten Weltkrieg, aber jetzt mit Atomwaffen. Unser Ziel muss sein, einzuschätzen: Was sind die Bestrebungen von Russland, was die Bestrebungen der USA und was kann Österreich oder die Schweiz oder Deutschland in diesem System überhaupt machen? Doch wir tragen die Sanktionen mit und haben damit die Neutralität sowohl in Österreich als auch in der Schweiz aufgegeben. Das finde ich falsch. Wir haben niemals Sanktionen gegen die USA ergriffen, als sie den Irak bombardiert haben.

Bild: Alois Endl

Die Konfrontation verläuft nach Drehbuch

Warum geht der Putsch von 2014 in der heutigen Wahrnehmung derart unter?
Obamas Putsch in Kiew von 2014 ist wichtig und wird in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt nicht erkannt. Es wird so erzählt, als hätte das Volk demonstriert und einen korrupten Politiker gestürzt. Diese Erzählung stimmt aber mit den Fakten nicht überein. Natürlich haben wir auf der einen Seite das Volk, das sich auch zu Recht gegen Korruption wehrt. Doch früh wurde der ganze Ablauf von gewalttätigen Einheiten gekapert. Und diese gehen in der amerikanischen Botschaft ein und aus und holen sich dort ihre Befehle. Parallel kommt es in der amerikanischen Botschaft dazu, dass der Botschafter Geoffrey Pyatt mit Victoria Nuland aus dem US-Außenministerium das entscheidende “Fuck the EU”-Telefongespräch vor dem Putsch führte. Darin sagt Nuland: “Wir sollten Klitschko nicht zum Präsidenten oder Premierminister machen”. Er wird dann tatsächlich nur Bürgermeister. Und sie sagt: “Wir sollten Jazenjuk zum Premierminister machen”- und Jazenjuk wird Premierminister. Ich habe 2015 in Berlin einen Vortrag gehalten, wo ich gesagt habe: Dieser Putsch ist gefährlich. Das kann zu einem Krieg mit Russland führen. Russland wird nicht zulassen, dass die Ukraine in die NATO geht.
Nach dem Putsch hat die neue Regierung die russische Sprache verboten. Ich komme ja aus der Schweiz und wir haben Französisch, Deutsch und Italienisch. Für mich ist offensichtlich, dass ein Land so destabilisiert werden kann, wenn man eine weitverbreitete Sprache verbietet.
Die Folgen waren also alles andere als unvorhersehbar. Diese ganze konfrontative Entwicklung verläuft nach Drehbuch. Die acht Jahre Bürgerkrieg mit 14.000 Toten werden aber einfach ausgeblendet im westlichen Narrativ. Erst mit dem 24. Februar 2022 beginnt da wieder eine Wahrnehmung.

Statt gesteuerter Putsch eine “spontane Volkserhebung”

Welche Rolle kommt dabei aus Ihrer Sicht den Mainstream-Medien in der Eskalation zu?
Ich finde, die Leitmedien ARD, ORF oder SRF übernehmen einfach ein Narrativ, das eben bewusst nicht Obama kritisiert. Obama ist Friedensnobelpreisträger, also wird er ganz sicher keinen Putsch gemacht haben. Stattdessen wurde das Ganze als eine spontane Volksbewegung in der Ukraine dargestellt. Es ist ein Narrativ, das man erzählen kann, weil es solche Motivationen ja durchaus gibt. Aber wenn man wirklich die Fakten durchgeht, stimmt das nicht. Ich muss vielleicht zur Verteidigung sagen, dass ARD Panorama einen guten Bericht über die Scharfschützen gemacht hat. Sie haben sowohl Polizisten als auch Demonstranten am Maidan erschossen. Das ist eine bekannte Technik, um Chaos zu erzeugen, weil jede Seite glaubt, die andere Seite hat jemanden von ihr erschossen. Sie denken, es sind nur zwei Parteien, aber das ist, als würde bei einem Fußballspiel plötzlich eine dritte Partei reinkommen, das erwartet man nicht. Es war den Akteuren vor Ort nicht klar, dass sie in der verdeckten Kriegsführung Opfer einer teuflischen, aber recht klugen Strategie, wenn man wirklich Chaos erzeugen will, geworden sind.

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