Als Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck und WKO-Chef Karl Mahrer (beide ÖVP) die Plattform vorstellten, rechneten sie noch nicht mit dem Gegenwind...

Ja, wahrscheinlich – oder ziemlich sicher – sind wir diesmal nicht die ersten, welche mit einem lachenden und einem weinenden, aber definitiv zwei rollenden Augen auf das neueste PR-Fiasko der ÖVP-Führung namens „Kaufhaus Österreich“ draufhauen. Aber auch nach Tagen will uns nicht aus dem Kopf, mit welcher Konsequenz und welchem Dilettantismus unsere Steuergelder aus dem Fenster raus- und in den sprichwörtlichen türkisen Schredder reingeworfen werden.

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

627.000 Euro hat die Plattform „Kaufhaus Österreich“ also gekostet. Das ist eine Summe, für die ein durchschnittlicher österreichischer Arbeitnehmer – laut den jüngsten verfügbaren Zahlen der Statistik Austria aus dem Jahr 2018 verdient er etwa im Median 28.459 Euro brutto – über 20 Jahre arbeiten müsste. Möchte er damit dann aber den geschundenen, heimischen Handel unterstützen anstatt dem US-Riesen-Amazon neuerliche Rekordumsätze zu bescheren, steht er vor einer schier unlösbaren Aufgabe.

Völlig unbrauchbare Seite sorgt für Kopfschütteln

Denn die Qualität der Seite ist, gelinde gesagt, irgendwo zwischen grottenschlecht und unter jeder Sau. Ihr Aufbau erinnert an eine IT-Aufgabe, für die ein Gymnasiast gerade noch einen „Fleck“ vermieden hätte. Ihre Suchfunktion ist völlig unbrauchbar – denn, wer irgendwo in Unterkärnten beim Händler seines Vertrauens einkaufen will, der steht an. Ihm werden bevorzugt Wiener Firmen angezeigt – und umgekehrt.

Diese weit über Kinderkrankheiten hinausgehende Unzulänglichkeit hielt die „Krone“ – die vermeintlich unabhängige, mit Steuermillionen von der Regierung gefütterte und zu Teilen im Besitz eines Kurz-Intimus stehende Donau-Prawda – nicht davon ab, einen unkritischen Artikel zu lancieren. Schon tausend Unternehmen schlössen sich dem Ziel an, um „den Internet-Riesen zu trotzen“. Jo, eh.

Geplante Selbstbeweihräucherung ging in die Hosen

Die Lorbeeren abholen sollten das Wirtschaftsministerium und die Wirtschaftskammer. Diese beiden solide in ÖVP-Hand stehenden Institutionen stehen auch als Medieninhaber im Impressum. Man erhoffte sich also eine große PR-Aktion, mit der man sich wieder mal als Retter der heimischen Wirtschaft aufspielen konnte. Gerade, weil man doch auch die Digitalisierung im Ressort hat, glaubte man den Selbstfaller im Bereich des Unmöglichen.

Noch am Montag lancierte man also eine Präsentation, begleitete diese mit einer gar hoffnungsvollen Aussendung darüber, was das Portal nicht alles könne. Einzig: Das ganze ging ordentlich in die Hose, die Seite mutet an, als hätte irgendjemand beim letzten ÖVP-Bauernbund-Treffen angeboten, die Programmierung zu übernehmen. Und all das, was man ankündigte, dass die Seite kann – leistet sie nicht. Der einzige vermeintliche „Innovationsimpuls“ ist ein Schaulaufen, wie man es nicht macht.

Am Anfang stand das Wort…

Das Volk kann in diesem Fall mitunter gehässig über die patscherten Versuche ihrer gewählten Vertreter amüsieren. Denn wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht mehr zu sorgen. Und so lief, angefangen von den wenigen verbliebenen, kritischen Stimmen im Blätterwald abwärts, das Bestschießen gegen das PR-Desaster an. Ehe ich die Lehren aus dem Fiasko kommentiere, möchte ich Ihnen, werter Leser, eine kleine Sammlung der pointiertesten Wortmeldungen auf Twitter nicht vorenthalten.

Recht am Anfang stand Falter-Chefredakteur Florian Klenk mit der recht neutralen Feststellung, dass die Plattform einfach nicht funktioniere. Ob er sich bewusst war, was er damit erst lostreten würde?

Die Bürger lassen ihre Fantasie spielen

Weil die Vorstellungskraft des Bürgers schier grenzenlos ist, dauerte es nämlich gar nicht lange, bis erste humorvolle Vergleiche fielen.

Das ganze bekam dann Eigendynamik, manch einer sah darin spöttisch eine mögliche Initialzündung für die Preisgestaltung im Fachgewerbe.

Der Österreicher ist eben gerne nostalgisch

Und der Chefredakteur des „Attersee Reports“ brachte etwa das auf den Punkt, was sich so mancher kritische Bürger dachte. Es ist ein Bild des etwas rückständigen offiziellen Österreich, das trotzdem irgendwie einen Charme hat und halt so ist, wie es ist.

Bei manchen ging die Nostalgie sogar so weit, dass sie sich mancher Nutzer wohl gute, alte Zeiten mit einer soliden, echt heimischen Währung zurückwünschte – oder sich auch nur über jene lustig machten, die das gerne tun.

So mancher Kommentator weiß: Nicht nur Bares ist Wahres. Sondern auch gutes, altes Handwerk – und der persönliche Kontakt mit dem Kunden.

Ob das wohl gut für die Außenwirkung ist…?

Der Image-Schaden war trotzdem, wie ein Journalist des Pilz-Portals „Zackzack“ zeigte, längst geschehen. Praktisch, wenn die Regierung auch dagegen etwas im Ärmel hat.

Immerhin wusste Politikberater Robert Willacker zu beschwichtigen. Sein Resümee: Bei der jüngsten Bilanz der türkis-grünen Regierung müsse man sich eh vor gar nichts mehr fürchten. Diese ist nach weiteren Pannen nämlich offenbar mehr dilettantisch als gefährlich.

„Kaufhaus Österreich“ als vertane Chance

Woran es nun auch liegen mag: Die Sache stinkt nicht nur wegen ihrer Umsetzung zum Himmel. Denn seit sechs Monaten spricht das Wirtschaftsministerium von dieser Seite. Man hatte also die relativ freien Handelsmonate Zeit, etwas ordentliches auf die Beine zu stellen und wirklich den Online-Riesen zu trotzen. Aber wer schon wusste, wie wenig die Regierung sich auf eine „zweite Welle“ vorbereitete, vor der sie ständig warnte, hätte eigentlich eh vorgewarnt sein müssen…

Stattdessen machte man eine eigentlich gute Idee zum Gespött aller – während man den Handel just in der für ihn wichtigen Weihnachtszeit zusperrte. Viele Bürger bekommen das Fiasko mit und wenn sie schon einmal im Netz sind, dann führt ihr nächste Weg doch wieder zu Amazon. Das Unternehmen bietet seinen Mitarbeitern zwar seit Jahren billigste Löhne, verlagert seine Logistik in günstigere Länder, macht mit Steuervermeidung regelmäßige Schlagzeilen und beschäftigt mitunter Migranten als Scheinselbständige.

Angesichts des peinlichen Versuches, mit dem ausgereiften System zu konkurrieren, wird sich Amazon-Chef Jeff Bezos – ohnehin bereits reichster Mensch der Welt – aber ins Fäustchen lachen und kann ohne jeglichen Schweiß in jenen Dollarmilliarden, die ihm die Lockdowns in zahlreichen Ländern in seinen Geldspeicher spülen, ein Vollbad nehmen. Tragisch, eigentlich. Das Wort „Rücktritt“ kennt man bei den Türkisen leider trotzdem nur aus dem Lexikon.