Nicht erst seit der Corona-Krise gibt es Impfgegner, in Wirklichkeit zweifeln Menschen an Impfungen, seit es sie gibt. Bis heute konnten viele nicht vom Sinn der Impfungen überzeugt werden. Derzeit stehen Impfungen und ihre Gegner allgemein wieder mehr im Fokus der Öffentlichkeit, und die Fronten sind mehr als verhärtet.

von Matthias Hellner

Beispiele machen wieder die Runde, wo es zu Nebenwirkungen und schweren Schäden durch Impfungen gekommen ist. Oder auch Fälle wie jener aus Kenia 2014: Bei einem Tetanus-Impfprogramm für Mädchen und Frauen zwischen 12 und 49 Jahren von WHO, UNICEF und privaten Sponsoren – unter anderem die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung – soll der Impfstoff auch das Hormon Beta-HCG enthalten haben.

Skandale oder „Fake-news“?

Beta-HCG ist ein Schwangerschafts­hormon, gegen das der Körper, wenn es mit einer Impfung verabreicht wird, Antikörper entwickelt, was zu zeitweiser Unfruchtbarkeit führt. Die katholische Kirche und die „Kenya Catholic Doctors Association“ haben damals Impfampullen in Laboren untersuchen lassen und die Verunreinigung des Tetanusimpfstoffes mit dem Hormon festgestellt.

Rund 20 katholische Bischöfe aus Kenia und der Apostolische Administrator als lokaler Vertreter des Papstes in Kenia veröffentlichten einen offenen Brief, in dem es heißt: „Wir sind überzeugt, dass es sich bei der Tetanus-Impfkampagne um ein verschleiertes Programm zur Geburtenkontrolle handelt.“

Die Impfaktion wurde schließlich abgebrochen, WHO und UNICEF dementierten die Vorwürfe und legten ihrerseits Gegengutachten vor. Der Fall wird mittlerweile als „Fake-News“ abgetan, der offene Brief und die Pressemeldungen der Bischöfe zu dem Fall befinden sich jedoch weiterhin auf der Internetseite der kenianischen katholischen Bischofskonferenz.

Kampf gegen Pockenepidemien

Die Diskussion über Impfungen, Impfzwang oder Impfverweigerung gibt es nicht erst seit Corona – sie ist fast so alt wie Impfungen selbst. Impfungen gab es in Europa bereits gegen die Pocken. Bei der Pockenepidemie im Jahr 1800 wurden in Österreich erstmals Massenimpfungen durchgeführt.

In Bayern wurde sogar 1807 eine Impfpflicht eingeführt, bei der bei Zuwiderhandlung hohe Geldstrafen drohten. Allerdings regte sich auch Widerstand. Die Gegner der ersten Impfphase gehörten vorwiegend der ländlichen Bevölkerung an, die die Impfung aus religiösen, moralischen und wirtschaftlichen Gründen ablehnte.

Als vordergründiges Motiv galt die Vorstellung, dass die Impfung ein Eingriff in die göttliche Vorsehung sei, denn Krankheit wurde als solche gewertet und müsse ertragen werden.

Die Impfung wurde in bäuerlichen Kreisen auch oft verweigert, weil diese eine finanzielle Mehrbelastung nicht auf sich nehmen konnten oder wollten, oder weil sie Berührungsangst gegenüber einem akademisch gebildeten Arzt hatten.

Allgemeines Misstrauen bezüglich neuer Behandlungsmethoden oder einfach nur eine gewisse Trägheit spielten ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Impfgegner, die sich ab etwa 1850 öffentlich zu Wort meldeten, traten mit konkreten, nachweisbaren Gründen auf.

Unregelmäßigkeiten im Impfverlauf, Impfnebenwirkungen oder die mögliche Überimpfung von Syphilis waren unbestrittene Tatsachen. Auch der nach einigen Jahren nachlassende Impfschutz war erwiesen. Die Ankündigung von Wiederimpfungen schürte geradezu die bestehenden Zweifel an der Wirksamkeit der Impfung und stellte deren Nutzen im Ganzen in Frage.

Je strikter sich staatliche Impfverpflichtungen gestalteten, umso kritischer und lauter artikulierten die Impfgegner ihre Einwände. Der erste und bekannteste unter ihnen war der Stuttgarter Arzt Carl Georg Gottlob Nittinger.

Ab 1848 setzte er sich mit der Pockenschutzimpfung auseinander. Seine Pockentheorie beruhte auf der Annahme, dass Pockenepidemien von klimatischen Verhältnissen abhängig seien und sich die Pocken eher in „Kältejahren“ ausbreiteten, in „Hitzejahren“ dagegen weniger häufig und heftig auftraten.

Mit insgesamt 20 impfgegnerischen Schriften und zahlreichen Vorträgen beeinflusste er besonders das Impfverhalten der Württemberger Bevölkerung.

Vereinigung der Impfgegner

Ab 1869 bildeten sich in Leipzig, Stuttgart und Freiburg erste Impfgegner-Organisationen und ab 1874, nach Impfgesetzerlass, bewirkte die Gründung des ersten Anti-Impfvereins in Hamburg eine zunehmende Verbreitung der Impfgegnerschaft in ganz Deutschland.

Besonders 1873 und 1874, im Vorfeld der Debatten um die reichseinheitliche Impfregelung, vermochte eine kleine Gruppe effizient agierender Impfgegner, die kontroverse Diskussion der gesetzlichen Impfpflicht auch in die Reichstagsverhandlungen hineinzutragen und die Abgeordneten in Befürworter und Gegner des Impfzwangs zu spalten.

Dennoch gelang nach heftigen Auseinandersetzungen am 16. März 1874 die Beschlussfassung für das Reichsimpfgesetz, das am 1. April 1875 in Kraft trat. Das Gesetz, das nicht nur die Impfung aller Kinder im Ablauf des auf ihr Geburtsjahr folgenden Kalenderjahres, sondern im Besonderen eine Wiederholungsimpfung im zwölften Lebensjahr festlegte, entfachte bei Impfgegnern zunächst das Höchstmaß des bis dahin geleisteten Widerstandes.

Nach 1875 wurde von Impfwidersachern, die sich in Impfgegnervereinen zusammenschlossen, wiederholt die Forderung nach der Aufhebung des Impfgesetzes gestellt. In der Weimarer Republik wurde die Impfpflicht aus dem Kaiserreich zwar beibehalten, aber etwas gelockert.

Trotzdem gründeten die Impfgegner sogar einen Reichsverband zur Bekämpfung der Impfpflicht mit 300.000 Mitgliedern. Im Nationalsozialismus folgten weitere Lockerungen, und während des Zweiten Weltkrieges wurde die Pflichtimpfung gegen Pocken sogar ausgesetzt.

Zwang oder Freiwilligkeit

Nach dem Ende des Krieges gingen BRD und DDR getrennte Wege. Während östlich der Mauer systematisch geimpft wurde, um eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen, wurde in der Bundesrepublik auf eine staatliche Impfquote weitestgehend verzichtet und auf Freiwilligkeit gesetzt.

Bis zum Mauerfall waren in der DDR rund 20 verschiedene Schutzimpfungen bei Kindern vorgesehen, bei Impfverweigerung drohten Ordnungsstrafen.

Mit der Wiedervereinigung endete auch die staatliche Impfpflicht. Erst im März 2020 traten wieder Bestimmungen für eine Pflichtimpfung gegen Masern in Kraft.