Der Hype um die Klimakrise lässt auch mich nicht kalt. Ich muss doch irgendwas beitragen können! Was liegt näher, als beim Speiseplan zu beginnen. Er sollte klimafreundlicher werden. Obst, Gemüse, Milchprodukte, etwas Käse und Wurst. Und morgen gibt es Kaiserschmarrn mit Kompott! Hurra! Mein Klimagewissen freut sich.

Ein Kommentar von Kornelia Kirchweger

Bevor ich losfahre, überlege ich kurz: Zu Fuß hin und zurück würde über 2 Stunden dauern. Das geht sich bis Mittag nicht mehr aus. Der Bus fährt auch erst gegen Mittag. Mit dem Rad…durch die Nebelschwaden? Na ja, ein bisserl CO2 darf‘s schon sein – dafür schau ich beim Einkaufen genau hin. Vom guten Vorsatz beflügelt, brause ich zum nächsten Supermarkt.

Vitamintabletten statt Südfrüchten

Die Vorzeichen stehen gut: Eier, Milch, Käse, Yoghurt – Bergbauern-Qualität! Sehr gut! Ab in die Obstabteilung. Auch dort: Äpfel und Birnen – aus Österreich! Mein Klima-Herz jubiliert. Bananen wären gut…aber oje, aus Ecuador! Dafür Fair Trade, na gut. Ich drücke ein Klima-Auge zu. Am Spickzettel groß markiert: die kleine Packung Heidel- und Himbeeren, die wir ins Bio-Yoghurt mischen. Pfah, Schock! die kommen aus Peru! Aus Kolumbien! Aus Zimbabwe! Aus der halben Welt! Die Klimastimme sagt: Nein! Also gut. Beim Blick auf die Kiwis schwant mit Übles: Vitamin C – schon, aber aus Neuseeland? Wie wär’s mit der Ananas… Costa Rica! Pfui, schreit das Klimagewissen. Beim Ingwer packt mich die Angst: China und Peru! Vielleicht doch besser Vitamintabletten kaufen?

Multi-Kulti-Nikolo-Sackerl

Wütend schaue ich auf die Feigen und Datteln, auf die Walnüsse und Erdnüsse. Wie einfach war es früher, das Nikolo-Sackerl für mein Patenkind zu füllen. Aber das wäre jetzt ein globales Durcheinander aus Tunesien, Algerien, Türkei, USA und Chile! Multi-Kulti ist aber eh angesagt, denke ich eine Sekunde lang. In diesem Fall gar nicht, mahnt die innere Klimastimme. Wie erkläre ich das nur meinem Patenkind, sinniere ich vor mich hin.

Der Bio-Sackerl-Schmäh

Bedrückt wende ich mich dem Gemüseregal zu. Beim Anblick der heimischen Erdäpfel und Zwiebel wird mir wieder warm ums Herz. Endlich! Auch die Süßkartoffel, Karotten, Radieschen, Cherry Tomaten, Mangold und Chicoree! Wunderbar! Dass der Vogerlsalat aus Italien kommt, ist mir neu. Auch der Kopfsalat, die Brokkoli und der Karfiol. Die bunten Paprika, die Melanzani, die Zitronen – aus Spanien! Der Knoblauch – echt jetzt ? Aus China! Und die Champignons ? Auf der Plastikschachtel steht: Ungarn! Bei den Trauben – Bella Italia, aber – die nehme ich jetzt, Klima hin oder her. Gleich daneben hängen die CO2-neutralen Bio-Plastiksackerl. So weich und glatt sind sie, man kann sie kaufen und wieder verwenden, wird auf einem Schild erklärt. Dankbar denke ich: das ist echt vernünftig und so umweltfreundlich!

Die Klima-Wut: Für wie blöd halten die uns eigentlich?

Ein letztes Mal schweift mein Blick wehmütig über das prachtvolle Obstregal und die magere Ausbeute im Wagerl. Auf dem Weg zur Kassa schießt es mir plötzlich durch den Kopf: zwei Regale, voller Obst und Gemüse, die mit einem Mega-CO2-Ausstoss um die ganze Welt transportiert werden – und wenn ich die jetzt in die aalglatten Bio-Plastiksackerl fülle – dann bin ich ein Klimaschützer?

Ich reiße den Einkaufswagen herum, stürme zurück, greife mir Ananas, Feigen und Datteln, die Heidel- und Himbeeren, und schimpfe laut vor mich hin: für wie blöd halten die uns eigentlich!