Lilly schwänzt täglich eine Stunde die Schule. In dieser Zeit fährt sie auf einem Paddleboard durch schmutzige Bangkok-Kanäle und fischt Müll heraus. „Ich bin ein Kind im Krieg“, erklärt die quirlige 12-jährige. Sie will Thailand „aufräumen“. Das Land liegt weltweit an sechster Stelle unter den Hauptverschmutzern der Meere mit Plastik. 

Ein Beitrag von Kornelia Kirchweger

Auf ihrer Tour durch die verdreckten Kanäle sammelt sie Dosen, Plastiktüten und Flaschen ein. Sie beteiligt sich auch an Aufräumaktionen einer lokalen Umweltschutzorganisation. Oft schwanke sie zwischen Zuversicht und Zorn – denn „unsere Welt geht langsam unter“, ist sie überzeugt. Plastik ist in Thailand ein Riesenproblem. Ob zum Einpacken von Fast-Food, beim Einkauf von Lebensmitteln – die Thailänder verwenden 3.000 Einwegbeutel pro Jahr – zwölfmal mehr als die Europäer.

Erster Müllschock als Kind am Strand

Lilly erlebte ihren ersten Müllschock im Alter von acht Jahren bei einem Badeurlaub in Südthailand. Der Strand war mit Müll verdreckt. „Wir haben mit meinen Eltern aufgeräumt, aber das war umsonst, weil das Meer am nächsten Tag wieder Abfälle an den Strand spülte“, erinnert sie sich.

Als die 16-jährige Klima-Aktivistin, Greta Thunberg, mit ihren Schulstreiks begann, setzte sich auch Lilly vor das Gebäude der thailändischen Regierung. „Greta hat mir Selbstvertrauen gegeben. Wenn Erwachsene nichts tun, liegt es an uns Kindern, zu handeln“, sagt sie.

Die regionale Abfall-UNO-Koordinatorin Kakuko Nagatani-Yoshida ist überzeugt: Man könne viele Probleme vom Tisch wischen, aber nicht ein Kind ignorieren, das fragt, warum man die Erde verschmutze, auf der es weiterhin leben muss.

Ohne Greta: Lilly macht ihr eigenes Ding

Obwohl sie oft wegen ihrer Müllräumung auf den Kanälen die Schule schwänzt, will sie nicht neben Greta bei der UNO-Klimakonferenz in New York sein, um dort zu protestieren. „Mein Platz ist hier, der Kampf ist auch in Südostasien“, sagt sie.

Die US-thailändische Jugendliche, die eigentlich „Ralyn Satidtanasarn“ heißt, wird intensiv von ihren Eltern beim Verfassen von Reden an zuständige UNO-Vertreter und Regierungsbeamte unterstützt. Ihre Mutter Sasie, früher selbst Umweltaktivistin, hielt Lilly’s Plastik-Initiative anfangs nur für eine “Modeerscheinung“. „Aber sie blieb dabei, deshalb unterstütze ich sie“.

Erster Sieg: Supermarkt reduziert Plastiksackerl

Im Juni war Lilly erstmals siegreich: Sie konnte den großen Supermark „Central“ in Bangkok dazu bringen, einmal pro Woche keine Plastiksackerl auszugeben. Selbstsicher meint sie: „Ich sagte mir, wenn die Regierung nicht auf mich hört, muss man direkt mit denen sprechen, die Plastiktüten verteilen und sie davon überzeugen, aufzuhören“.

Was Lilly zusätzlich half, waren erschreckende Medienberichte und Bilder von toten Meeressäugern, deren Mägen voller Plastik waren. Das Fass zum Überlaufen brachte der ebenfalls durch Plastik verursachte Tod eines kleinen Dugong (Seeschwein) – in den sozialen Medien gingen deshalb die Wogen hoch. Auch als Folge davon haben sich im September einige große Lebensmittelhändler dazu verpflichtet, die Ausgabe von Einweg-Plastiktüten bis Jänner 2022 einzustellen.

Petrochemische Industrie ist nicht erfreut

Die Regierung diskutiert nun, die meisten Einweg-Kunststoffe bis 2022 zu verbieten. Kritiker meinen, das sei zu wenig. Um das auch durchzusetzen, müsse man zusätzlich Geldstrafen verhängen. Wenig erfreut über diese Entwicklung ist die petrochemische Industrie im Land. Einer ihrer Hauptmärkte ist Plastik und macht 5% der gesamten Wirtschaftsleistung Thailands aus. Zudem stellt die Industrie zehntausende Arbeitsplätze bereit.

„Lilly ist eine sehr gute Stimme für die Jugend dieses Landes – aber die Lobbies sind sehr mächtig – und das macht Veränderungen schwierig“, sagt Nattapong Nithiuthai, Inhaber einer Recycling-Firma zur Wiederverwertung alter Flip-Flop-Sandalen. Mit ihrer Initiative habe Lilly aber mindestens eine Diskussion über das allgegenwärtige Plastikproblem in Thailand erzwungen.