Das Narrativ zur Impfung: Jeder will sie haben, aber nur ganz wenige können sie haben! Sie ist der Schlüssel zur Freiheit, holt sie Euch! Am besten krabbelt ihr danach wie wildgewordene Jungfern mit Torschlusspanik nach dem Brautstrauß. Fahrt die Ellbogen und Fäuste aus – aber ächtet die Vordrängler! Und wenn ihr nichts bekommt seid geduldig bis zur nächsten Charge! Hören sich solche Darstellungen bekannt an? Sie haben System und sind gewollt: Es handelt sich um einen der ältesten und billigsten Tricks aus der Marketing-Trickkiste – die künstliche Verknappung. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Manchmal kann ich nicht anders und bleibe beim TV-Zappen auf Teleshopping-Kanälen stehen. Ich frage mich dann häufig, wie blöd die Käufer der oftmals ebenso ramschigen wie nutzlosen Sachen sein müssen, um auf die Maschen bezahlter Drücker reinzufallen. Wer soll ernsthaft glauben, dass es das „tolle Angebot“ nur hier, jetzt und in den nächsten 30 Minuten gibt? Dann erinnere ich mich, wie geil wir als Kinder auf diesen einen Panini-Sticker eines völlig unbekannten Fußballspielers waren, von dem irgend so ein Vollpfosten im Hof behauptete, er wäre superselten. Der Schmäh geht mit jedem Produkt.

Marketing-Gang soll Menschen zur Konformität treiben

Der Mensch ist einerseits ein gemeinschaftsbildendes Wesen – und andererseits ziemlich oft ziemlich konsum- und statusgeil. Der aktuelle Zeitgeist, der auf Besitz und Konsum als oberstes Gut abstellt, verstärkt dies noch. Man vergleicht sich und sein Leben mit dem seiner Mitmenschen. Man kauft dicke Autos, die man nicht bezahlen kann vom Geld, das man nicht hat, um Leute zu beeindrucken, die man nicht mag. Und es herrscht Angst, dass man als Außenseiter dastehen könnte, wenn man etwas nicht hat.

Nur so ist es zu erklären, wie 300 Leute stundenlang vor einem Geschäft campieren, um am ersten Tag eines der ersten zwölf Exemplare einer neuen Konsole zu bekommen, die es ein paar Wochen später ohne Gedränge gibt. Oder wieso alle Kinder in der Klasse damals ein nerviges Tamagotchi großziehen wollten. Und findige Marketing-Leute setzen längst auf diesen Effekt, um ihr Produkt voranzutreiben. Es soll eine Neiddebatte entstehen – die besonders perfide ist, wenn sie unter dem Deckmantel der Solidarität geschieht.

Impf-„Knappheit“ als Doppelangriff auf Wahrnehmung

Ein solcher Fall ereignet sich gerade bei der Corona-Impfung. Indem suggeriert wird, es bräuchte jeder, kann man mit beachtlichen Neusprech-Formulierungen nach bester Orwell’scher Manier auf alle draufhauen, die aus der Reihe tanzen. Politiker, die bei einer riskanten und ungetesteten Impfung vorangehen, sind keine Vorbilder, sondern „Vordrängler“. Mittdreißiger in Mexiko, die sich mit grauer Haarfärbung eine Dosis sichern, obwohl sie „noch nicht dran“ wären, „erschlichen“ sich diese nach Deutung der Mainstream-Medien.

Aber, und das ist wichtig, es ist eben nur die Hälfte der Wahrheit: Denn auch, dass solche Provinzgeschichten überhaupt in allen Medien landen, hat System. Es gehört zur Natur der Sache, dass der Leser eine Mischung aus Verachtung und Mitgefühl haben soll. Denn was sollen solche Erzählungen vermitteln? Richtig: Dass wirklich jeder diese Impfung will und dass es tragischerweise halt noch nicht für alle genug gibt. Die Mischung aus Spannung, vermeintlicher Verknappung und Konformität soll die Leute zur Impfung treiben. Die Spritze als eine Art goldenes Ticket in die Schokoladenfabrik also…

Die erzeugte Sorge, etwas „ganz Tolles“ zu versäumen

Und es klappt bestens: Menschen erzählen ihren Mitmenschen, dass sie jetzt endlich geimpft wären. Diese springen dann zum Handy und ärgern sich in sozialen Medien darüber, wer nicht schon aller eine Impfung erhalten konnte, während die eigene Oma als Risikopatientin noch immer darauf warte. Die meisten Leute machen das instinktiv – aber gleichzeitig sind sie nützliche Idioten für die Verbreitung der umstrittenen Impfung. Denn es bleibt das Gesprächsthema Nr. 1 – und Dinge über die man spricht, will man ausprobieren.

Ob als „Gadget“ oder als „verbotene Frucht“: Fast keiner begann etwa als Jugendlicher mit dem Rauchen, weil er zufällig irgendwann Lust hatte, sein Taschengeld am Automaten aus dem Fenster zu werfen. Entweder hatte es die Mutter verboten – oder die Freunde taten es, oder man wollte einem Mädel imponieren, wie hart man doch sei. Jedenfalls hätte man sonst irgendetwas „versäumt“ und nahm dafür kopflos alle Folgen in Kauf.

Von „Impftouristen“ und „Impfverweigerern“

Kaum will dann jeder „mit dem Impfen anfangen“ kommt der nächste Teil der Rechnung. Die Leute schauen sich nach Orten und Ländern um, wo sie schon drankommen können. Sie werden zu „Impftouristen“, auch so eine skurrile Wort-Neuschöpfung. Und wieder soll dieselbe Mischung mitschwingen: Der Neid auf die Schönen und Reichen, die es sich leisten können – und die Verachtung für jene, die nicht „solidarisch“ mit dem Rest warten. Auch die Assoziation zu schimpflichen „Sextouristen“ ist kaum zufällig.

Bis dahin könnte man das Ganze vielleicht noch als sprachliches Spiel eifriger Journalisten abtun. Die Gefahr ist allerdings bereits um die Ecke. Denn während noch alle Politiker ständig das Mantra von der Freiwilligkeit predigen, kommt bereits das Framing auf, dass Leute, die sich nicht impfen wollen, angeblich „Impfverweigerer“ seien. Und dort sind wir bei der sprachlichen Enthemmung, unter einem Verweigerer verstehen Wörterbücher nämlich Leute, die sich „den Forderungen und Erwartungen der Gesellschaft verweigern“. In Spanien erfasst man diese übrigens in einem Register.

Betitelung als „Verweigerer“ soll Einwände abkanzeln

Dass Leute, die sich nicht impfen lassen wollen, dafür ganz gute Gründe haben könnten, wird somit vorab in Abrede gestellt. Und bis eine Gewissensentscheidung, die einmal als „Verweigerung“ betitelt wurde, wieder öffentlich als akzeptabel gilt, kann lange dauern. Bei Leuten, welche den Dienst an der Waffe ablehnten und sich als Zivildiener ebenso als nützlicher Teil der Gesellschaft erwiesen, dauerte diese Akzeptanz etwas bis weit in die 80er-Jahre. Erst heute gilt diese Entscheidung als völlig freiwillig. Bei der Impfung hat es diese Zeit nicht: Bis dahin sind Ungeimpfte mittels „grünem Pass“ längst dauerhaft entrechtet.

Dabei gibt es unterschiedliche triftige Gründe, die Impfung nicht zu wollen. Neben weltanschaulichen und religiösen sind es ganz konkrete in Verbindung mit den Corona-Vakzinen. Viele Leute haben Kopfweh wegen der zahlreichen Nebenwirkungen, wollen kein Risiko eingehen. Andere zweifeln, dass es jemals damit zur Herdenimmunität kommt. Wieder andere sehen die Entstehung impfresistenter „Fluchtmutanten“ sogar als Folge der Impf-Kampagne. Die Betitelung als „Verweigerer“ soll sie allesamt verächtlich machen, bevor sich jemand ihre Einwände anhören kann.