Konzerte für schwere Jungs: Diese Musikerin singt für verurteilte Verbrecher

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Exklusiv-Interview mit Knastsängerin: Mit Musik einen Beitrag zur Resozialisierung leisten

Konzerte für schwere Jungs: Diese Musikerin singt für verurteilte Verbrecher

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In Österreichs Gefängnissen sitzen mitunter auch richtig schwere „Jungs“ ihre Strafen ab. Von Kleinkriminellen bis hin zu Mördern und auch geistig abnormen Rechtsbrecher sind in heimischen Anstalten untergebracht. Wie eine junge Musikerin auf die Idee kommt, vor verurteilten Verbrechern Musik zu machen, ist sicher für viele interessant. Wochenblick fragte nach und hat anlässlich ihres Konzerts in der Haftanstalt Asten in Oberösterreich mit Diana Ezerex über ihr ungewöhnliches Engagement gesprochen.

Anfang April finden in drei österreichischen Gefängnissen Konzerte statt, eines davon im oberösterreichischen Asten. Wenn man ehrlich ist, ist es ein sehr außergewöhnliches Unterfangen, mitunter Schwerverbrecher durch ein Konzert zu unterhalten. Die Sängerin Diana Ezerex hat sich dieser Aufgabe ehrenamtlich verschrieben. Neben ihrer zweiten Solo-Akustiktour durch Deutschland richtete sie 2017 das erste Knastkonzert aus. Für die in Deutschland geborene Musikerin sind die Knastkonzerte eine Herzensangelegenheit, wie die Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter im Interview erzählt: „Ich beschäftige mich schon lange damit, wie es sein kann, dass Menschen an den Rand der Gesellschaft kommen. Ich finde es furchtbar, dass manche keinen anderen Weg finden, als Gewalt anzuwenden. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, nachhaltig etwas Positives im Knastalltag zurückzulassen.“

Unentgeltliche Auftritte

Spannend ist vor allem die Frage, wie sich die Knastkonzerte finanzieren. Für Österreich gibt es eine einfache Regelung, weiß Diana Ezerex: „In Österreich sind Haftanstalten verpflichtet, etwa alle vier Monate ein kulturelles Angebot für die Häftlinge auszurichten. Ich mache das unentgeltlich. Ich bekomme lediglich einen kleinen Beitrag, um meine Unkosten wie die Anfahrtskosten decken zu können. In Deutschland ist das wieder anders. Da gibt es diese Regelung nicht. Deshalb schaue ich, dass ich Termine zusammenlegen kann, um Kosten zu sparen.“ Und so tourt die 27-Jährige durch Deutschland und Österreich. Dort singt sie in Speisesälen, Aufenthaltsräumen oder Mehrzwecksälen von Haftanstalten. Sie hat bisher bereits 26 Knastkonzerte in allen Arten von Gefängnissen abgehalten. Von Jugendanstalten zu sozialtherapeutischen Einrichtungen über Frauen- und Männeranstalten bis hin zu Hochsicherheitsgefängnissen hat sie dabei keine Art von Einrichtung ausgelassen.

Freie Musik für gefangene Seelen

Es ist nicht ihre erste Knast-Tour durch Österreich. Bereits im September 2021 sang sie ihre Lieder in vier verschiedenen Haftanstalten. Darunter auch die Justizvollzugsanstalt Stein. Das ist die zweitgrößte Justizvollzugsanstalt in Österreich, in der auch lebenslange Haftstrafen abgesessen werden. Ihre kommenden drei Konzerte führen sie unter anderem nach Oberösterreich. In Asten werden es am 6. April psychisch kranke Rechtsbrecher sein, für die die Deutsche Musik macht. Der Großteil der Astner Häftlinge sind Männer, ein paar Frauen befinden sich ebenfalls in diesem Maßnahmenvollzug. Es können aber nicht einfach alle Häftlinge einer Anstalt an den Knastkonzerten teilnehmen, erklärt die Deutsche: „Es dürfen all jene teilnehmen, die von der Anstaltsleitung genehmigt werden. Sie müssen sich vorher anmelden und darum ansuchen.“ Ihre Musik bewegt sich zwischen (Urban) Pop, Hip-Hop/Trap & Soul. In ihren Liedern greift die Sängerin strukturelle Probleme und soziale Ungerechtigkeiten auf. Ihr Debütalbum „My Past’s Gravity“ hat sie über Themen, die im Zusammenhang mit dem Gefängnis stehen, geschrieben. Vor allem durch die Auseinandersetzung mit der Umgebung „Knast“ seien Lieder mit gesellschaftlicher Relevanz entstanden, ist sich die Musikerin sicher. Ein solches Akustikkonzert hinter Gittern dauert gut eine Stunde.

Positive Rückmeldungen

Normalerweise tourt sie mit Begleitung durchs Land. In Gefängnissen spielt sie alleine. Angst hat sie keine, wie die 27-Jährige klarstellt. Ihre Erfahrungen im Knast seien bisher durchwegs positiv gewesen: „Ich habe von den Inhaftierten bisher eigentlich nur positive Rückmeldungen bekommen.“ Ob sie auch die Möglichkeit für Gespräche mit den Inhaftierten habe? Das hänge von der jeweiligen Haftanstalt ab. Manchmal sei es so, dass die Insassen unmittelbar nach dem Konzert durch die Beamten in die Zellen gebracht werden. Manchmal aber ergebe sich die Möglichkeit zu Gesprächen, erzählt die Deutsche: „Da ergeben sich wirklich gute Gespräche. Die inspirieren mich wieder zu neuen Texten. Ich will die Straftaten, die die Häftlinge begangen haben, überhaupt nicht beschönigen oder kleinreden. Sie sitzen ihre Strafe ab. Ich habe einfach die Hoffnung, mit meiner Musik einen guten Beitrag für die Zeit nach der Entlassung leisten zu können. Denn irgendwann sollen sie sich ja wieder im Leben zurechtfinden und ohne Gewalt auskommen!“ Es ist doch eine sehr ungewöhnliche Idee, in Gefängnissen aufzutreten. Noch dazu ehrenamtlich.

“Häfnmusik” als Berufung

Wie sie dazu kam, beschreibt Diana Ezerex so: „Ich habe als 17-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem offenen Jugendklub Magdeburg gemacht. Da hatte ich auch mit Jugendlichen zu tun, die bereits straffällig geworden sind und Erfahrungen mit Gefängnissen machten. Das waren meine ersten Berührungspunkte. Außerdem habe ich eine Bekannte, die Theateraufführungen in Gefängnissen veranstaltete. So kam ich auf die Idee, man könnte doch auch Konzerte spielen.“ Musik macht die Deutsche seit ihrer Kindheit. Ihr erstes Konzert hinter Gittern hatte sie in einer Jugendanstalt in Mecklenburg-Vorpommern. Seitdem sind fast fünf Jahre vergangen und der Knast lässt sie nicht mehr los.

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