Hannover ist die Landeshauptstadt von Niedersachsen. Und jede Landeshauptstadt leistet sich ein mit öffentlichen Geldern finanziertes Theater oder sogar eine Oper. Das ist in Hannover nicht anders, hier ist es die „Staatsoper“. Und genau dort ist gerade die Ballettaufführung „Toda“ zu sehen. Aber man diskutiert in der Theaterszene und auch weit darüber hinaus nicht über das Stück selbst, sondern über Flechtfrisuren der Tänzerinnen. Denn die ursprünglich aus Afrika stammenden Frisuren werden in der Aufführung von Weißen getragen. Darf das sein oder ist das rassistisch?

  • Öffentlich finanzierte Theater und Opern vor neuen Rassismus-„Skandalen“
  • Hannover: Nach „Schwarzfahrer“-Diskussion nun Theater um afrikanische Flechtfrisuren
  • Reproduziert Darstellung der Frisuren wirklich Rassismus?
  • Wenn „kulturelle Aneignung“ Rassismus ist, was darf man dann künftig noch?

Von Achim Baumann

Was für ein Theater, mag man meinen: Nachdem die städtische Verwaltung von Hannover bereits für ihren Genderleitfaden erheblich der Kritik ausgesetzt war, sorgte die Verkündung der dortigen Verkehrsbetriebe, den Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr verwenden zu wollen, da dieser einen rassistischen Kontext aufweise, jüngst ebenfalls für Diskussionen – und natürlich ebenso für Hohn und Spott.

Aber nun entbrannte eine weitere Diskussion um tatsächlichen oder vermeintlichen Rassismus in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Diesmal an der Staatsoper. Gegenstand der Diskussion: Flechtfrisuren, wie sie ursprünglich aus Afrika stammen und dort noch weit verbreitet sind, werden auch im Stück verwendet – von weißen Darstellerinnen. So befand Nicolas Matthews, Mitglied des Spielensembles kritisch und empört: „Die Darstellung reproduziert Rassismus“! Und schon ging es um den offenbar überall lauernden Alltagsrassismus der einheimischen Bevölkerung.

Entbrannte Diskussion um „kulturelle Aneignung“

„Ein wahrhaft himmlisches Vergnügen“, heißt es anerkennend zum Stück „Toda“ in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). Aber ob das Stück wirklich gut ist oder nicht, scheint nicht mehr wirklich von Interesse zu sein. Ein neues Schlagwort indes macht die Runde, es geht um „kulturelle Aneignung“, eine Form des Rassismus. Per Definition ist „kulturelle Aneignung“ das Reproduzieren oder die Übernahme von Elementen einer anderen Kultur. Alles klar?

Gemeint ist die Adaptierung bestimmter kultureller Merkmale oder Eigenschaften. Kritisiert wird in der Regel, dass Weiße etwas adaptieren und angeblich ausschlachten, dem Merkmal einen neuen Sinn geben, es verändern, es eben auch nutzen. Man erinnere sich an die Kritik, das Darstellen von Indianern im Karneval sei ebenfalls rassistisch.

Staatsoper will nicht „rassistisch“ sein

Klar, die Staatsoper wollte nicht in ein ungünstiges Licht geraten und verwies nun etwas wolkig darauf, dass am Haus ja „Workshops und Schulungen zum Alltagsrassismus, Critical Whiteness und verwandte Themenfelder“ angeboten würden. Aber vielleicht sei man ja auch unsensibel und erklärte reumütig: „Wir sehen unsere Fehlbarkeit und wollen lernen“.

Christiane Hein, Sprecherin der Staatsoper führte wenig später deutlicher und natürlich vorauseilend aus: „Wir wollen Perspektiven und Visionen für ein Theater entwickeln, das der kulturellen Diversität der Stadtgesellschaft entspricht“. Man habe daher konsequenterweise die Stelle einer „Diversitätsagentin“ geschaffen – und natürlich würde über die Frisuren intern beraten.

Hannover ist überall

Werden solche Stellen künftig auch an anderen Theatern und Opern installiert? Das könnte wahrscheinlich sein, denn diese Diskussion kann man so oder ähnlich an jedem Theater oder Opernhaus führen. Dabei kennt man die Position eines „Aufpassers“ über politisch korrekte Inhalte bislang eher aus totalitären Systemen. Wie das bei den Steuerzahlern ankommt, ist indes nicht bekannt.

Immerhin ist das Staatstheater in Hannover von öffentlichen Geldern finanziert – also mit Geld des Steuerzahlers! Wie dem auch sei, die nächste Diskussion über „kulturelle Aneignung“ steht in den Startlöchern: In dem Stück „Toda“ treten Tänzer auch mit Körperbemalungen auf, die an Maori-Tätowierungen erinnern. Da wittern Interessierte ebenfalls Rassismus.

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