Corona ist aktuell kein großes Thema mehr in Neu Delhi. Jetzt wollte man dennoch einen Lockdown machen. Den ersten Klima-Lockdown. In der 20-Millionen-Hauptstadt herrscht zur kühleren Jahreszeit eine erhöhte Smog-Belastung. Ausgehend vom Obersten Gericht Indiens versuchte man deswegen den Lockdown anzuordnen. Neu Delhi lehnte das jedoch erfolgreich ab. Solange nicht auch die umliegenden Staaten beim Kampf gegen die Luftverschmutzung mitmachten, hieß es, erachte man ein derartiges Vorgehen für sinnlos. Das Smog-Problem gibt es jedes Jahr im Winter. In Sozialen Medien kritisieren Inder, die Klima-Politik ziele in Wahrheit darauf ab, ihre Kultur zu zerstören.

Von Kornelia Kirchweger

  • Neu Delhi verweigert Smog-Lockdown
  • Indiens Höchstgericht forderte diese Maßnahme
  • Andere drastische Maßnahmen:
  • Schulen und Büros eine Woche zu
  • LKws dürften nicht in die Stadt
  • Heizkraftwerke liegen still
  • Parktickets dreimal so teuer
  • Diesel-Generatoren nur im Notfall
  • Smogtürme für saubere Luft in Planung
  • Smog-Problem jedes Jahr im Winter
  • Treiber sind Industrie, Verkehr und Baustellen
  • Umweltminister unter Druck
  • Aktionsplan seit 2016 – nicht effizient

Jedes Jahr Smog im Winter

Neu Delhi hält jedenfalls nichts vom gerichtlich verfügten Smog-Lockdown und lehnt ab. Angesichts der Größe der 20-Millionen-Hauptstadt wäre die Auswirkung auf die Luftqualität nur sehr begrenzt, ist man überzeugt. Das Luft-Problem gibt es zudem jedes Jahr im Winter und ist nichts Neues. Ursachen für die jährlichen Smog-Schwaden seien vor allem die Industrie, gefolgt vom Verkehr und Staub auf den Straßen und Baustellen, wird eingeräumt. Das Abbrennen der Felder seitens der Bauern, nach der Erntezeit, trage nur zu vier Prozent zur Feinstaub-Belastung bei, sagt Neu Delhi. Das Gericht behauptet, es seien 10 Prozent. Farmer der anliegenden Bundesstaaten Punjab und Haryana wurden nun aufgefordert, ihre Felder zwei Wochen lang nicht abzubrennen. 

Lockdown „Light“ und mehr 

Weil die Luftbelastung in der letzten Woche das 30-Fache des von der WHO verordneten Grenzwertes überstieg, ordnete die zuständige Kommission der Regionalregierung eine einwöchige Schließung aller Behörden, Schulen und Baustellen an, die je nach Luftqualität verlängert werden kann. Die Bürger wurden aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten. Zudem wurde ein Zufahr-Verbot für Lastwagen mit nicht notwendigen Gütern verhängt. Sechs der Heizkraftwerke im Umkreis von 300 Kilometern mussten ihren Betrieb vorläufig einstellen. Die Preise für Park-Tickets wurden um das Dreifache erhöht, um Leute von „unnötigen“ Stadtfahrten abzuhalten. Auch Diesel-Generatoren dürfen nur im Notfall eingesetzt werden.

Smogturm und Kehrmaschinen

Vor wenigen Wochen wurde mit großem Tam-Tam ein Smogturm in der Hauptstadt eingeweiht. Er zieht die schlechte Luft an, reinigt sie und gibt dann wieder frische Luft ab. Er läuft jetzt ununterbrochen. Ein Turm reicht natürlich nicht aus – sollte er nachweislich wirken, will man 236 Türme dieser Art bauen. Doch der Smogturm selbst braucht auch wieder viel Strom – und dieser kommt zum Großteil aus Kohlekraftwerken. Das Oberste Gericht von Indien drängt auf weitere drastische Maßnahmen, die „wissenschaftlich begründet möglich sind“. Ein Vorschlag ist der Ankauf von neuen Kehr-Maschinen, um den Staub von der Straße zu bringen. Das sei aber ein Budget-Problem, man könne oft nicht einmal die Gehälter der Straßenkehrer zahlen, heißt es.

Kulturfeindliche Klimapolitik? Lichterfest „Diwali“ unter Beschuss

Der zuständige Umweltminister, Gopal Rai, steht massiv unter Druck und sucht nach Ausreden für die Misere. So behauptete er, u.a., der Grund für den verstärkten Smog seien die vielen Feuerwerkskörper, die zum „Diwali“-Lichterfest am 4. November gezündet wurden, sagte er. Dies trotz eines Verbotes, das bis 1. Jänner 2022 gilt. Wie sensibel das Thema ist, zeigte der nachfolgende Shitstorm in den sozialen Medien: Wir lassen uns unser Diwali-Fest nicht nehmen, hieß es. Das Lichterfest ist das wichtigste Fest des Jahres für Hindus, Jains, Sikhs und Buddhisten. Sie befürchten fadenscheinige Klima-Repressalien, die ihre Kultur bedrohen könnte.

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