Vor mehr als zwei Jahren wurde Heinz-Christian Straches Welt durch das Ibiza-Video für alle Welt sichtbar erschüttert. Heute zieht Strache Resümee und spricht von der schmutzigen Welt der Politik. Neben Ex-ÖVP-Chef Mitterlehner und Ex-Kanzler Kern sieht sich Strache als prominentes Opfer von Sebastian Kurz’ durchtriebener Machtpolitik. Im exklusiven Gespräch mit dem Wochenblick schildert er seine Erfahrungen als Oppositionsführer und später als Vizekanzler mit den käuflichen Medien und Sebastian Kurz. Er glaubt, Kurz bekommt jetzt im Zuge seines Korruptionsskandals die Quittung für den Ibiza-Regierungsbruch präsentiert und verweist auf Karma.

Von Bernadette Conrads

  • Strache zeigt sich optimitisch, glaubt, es hätte schlimmer kommen können als Ibiza
  • Direktes Opfer der Umfragen-Manipulation durch System Kurz
  • „Nicht alle Medien sind so“
  • Lobt Wochenblick-Berichterstattung und Peter Pilz-Blog
  • Glaubt, dass Menschen von der Art, wie Politik gemacht wird, angewidert sind
  • Telefonierte mit Kurz nach Rücktritt
  • Strache glaubt an Karma
  • Das ganze Wochenblick-Video-Interview mit Heinz-Christian Strache

Es hätte schlimmer für Strache kommen können

Jahrzehnte war Heinz-Christian Strache aus Österreichs Spitzenpolitik nicht wegzudenken. Dann kam mit “Ibiza” der abrupte Absturz. Viel habe Strache in den zwei Jahren seither nachgedacht. Und ein Buch geschrieben, in dem er die dramatische Erfahrung verarbeitet. Demnächst erscheint dieses unter dem Titel “Das Ibiza Attentat”. Heute ist Strache bemüht um eine optimistische Sicht und meint, dass es auch schlimmer hätte kommen können. Zum Beispiel so wie bei Jörg Haider, wenn er sagt: „Ich bin froh, dass das so entschieden wurde, denn ich lebe.“

Strache zu Kurz: „Es gibt Karma“

Medien-Machenschaften: Sagte auf Ibiza, was Sache ist

Aus dem Ibiza-Untersuchungsausschuss wurde inzwischen ein ÖVP-Skandal. Ob der Ex-Vizekanzler mit dieser Wendung gerechnet hat? „Cap sagte unlängst in einer Diskussion, man müsste mir einen Orden überreichen, weil Ibiza der Anstoß war“, so Strache. Er erklärt: „Ich war in dem Video betrunken und peinlich, aber nicht korrupt.“ Jetzt zeige sich: „Andere haben offenbar nüchtern das getan, was ich nicht einmal betrunken gemacht habe“, zeigt sich Strache empört. Auf Ibiza sagte Strache – vermeintlich ganz privat: „Journalisten sind die größten Huren auf dem Planeten“. Zum Teil habe sich das nun auch für alle sichtbar bestätigt: „Da ist ein System sichtbar geworden, über das ich dort im Ibiza-Urlaub gesprochen habe. Wie die Medien gegen mich als damaligen Oppositionschef angeschrieben haben, dass es da keine Fairness gibt, dass sich mit Inseraten Unterstützung gekauft wurde.“

Ex-Vizekanzler lobt Berichterstattung des Wochenblick

Strache-Statement zu: „Journalisten sind die größten Huren auf diesem Planeten“

Heute ist Strache aber um eine differenziertere Sichtweise bemüht. Er entschuldigt sich einerseits „bei allen käuflichen Damen“ für den Vergleich, denn: „Bei ihnen weiß man, woran man ist, wofür man bezahlt hat.“ Und was die Medien angeht, meint Strache: „Es sind ja nicht alle so!“ Als positive Ausnahmen nennt der Ex-Vizekanzler den Online-Blog von Peter Pilz und den Wochenblick.

Wo war die Unschuldsvermutung bei Strache?

Strache fühlt sich von Kurz betrogen. Dieser habe ihm versprochen, dass die Regierung weiterbestehe, sofern er zurücktrete. Heute bereut Strache, ihm vertraut zu haben. Eigentlich „hätten die Alarmglocken schrillen müssen“, als Kurz die Passage mit dem Versprechen, Norbert Hofer würde ihm nachfolgen, aus Straches Erklärung im Sinne der Kurz’schen Message-Control streichen ließ. Kurz werde das schon selber erklären, habe dieser damals noch vorgegeben. Doch daraus wurde nichts: Stattdessen forderte er den Rücktritt von Innenminister Kickl und kündigte entgegen der Vereinbarung die Koalition auf und beförderte die FPÖ zwischenzeitlich ins Aus. Strache blieb „ohne Strukturen und ohne finanzielle Mittel“ zurück. Dass für Kurz nun die Unschuldsvermutung gelte, und diese bei Strache vor zwei Jahren kein Thema war, ärgert ihn. Auch seitens des Bundespräsidenten fühlt sich Strache nach zweierlei Maß behandelt. Kurz halte sich nicht an seine eigenen Forderungen von damals, als dieser gesagt habe: „Wenn gegen einen Vizekanzler oder Minister ermittelt wird, dann muss er zurücktreten.“ Strache: „Da hat er sich eine Messlatte gesetzt, an die er sich heute selber nicht hält.“ 

Strache war bei Nationalratswahl 2017 direkt betroffen von Umfragen-Manipulation

Die gefälschten Umfragen, durch die Kurz schnell zum Überflieger wurde, kamen Strache bereits 2017 „eigenartig“ vor: „Ich habe immer gesagt, ich traue keiner Umfrage. Die einzige Umfrage die evident ist, ist das Wahlergebnis.“

Heute weiß Strache, was damals wirklich geschah: Die zwischenzeitlich festgenommene Meinungsforscherin Sabine Beinschab sorgte dafür, dass etwa Strache nicht als Gewinner aus den Fernsehduellen mit Kurz hervorgehe. Doch das System Kurz bestehe fort: Während die Medien in Straches Fall wochenlang die „manipulativen Sequenzen“ des Ibiza-Videos spielten, werde der Kurz-Skandal heruntergespielt. Gefragt nach seiner Einschätzung, glaubt Strache trotzdem, dass sich das System Kurz nicht ewig fortsetzen werde. So zeichnet sich bereits die ÖVP-Parteikrise für alle sichtbar ab, etwa wenn sich ÖVP-Landespolitiker nun der Reihe nach von den „Türkisen“ distanzieren.

„Die Menschen sind angewidert von der Art, wie Politik gemacht wird“

Interessant ist auch Straches Analyse zu zu den Grünen: „Das eigene Hemd, der eigene Rock war ihnen näher.“ Mit Sauberkeit oder Anstand habe das nichts mehr zu tun, so Strache: „Ich glaube, dass die Menschen angewidert sind von der Art, wie Politik gemacht wird.“ Zunehmend wollten es die Bürger dem politischen Establishment nun auch zeigen. Gerade durch die sozialen Probleme in die die Corona-Politik führte, hätten immer mehr genug. Das zeige sich einerseits im Wahlerfolg der KPÖ in Graz, aber auch bei der MFG. Die Grünen müssten sich jedenfalls vor einer möglichen Konkurrenz durch Peter Pilz in Acht nehmen, meint Strache.

Strache zu Kurz nach Rücktritt: „Kinder sind der eigentliche Sinn des Lebens“

Nach Kurz‘ Rücktritt rief Heinz-Christian Strache ihn am selben Tag an, wie er im exklusiven Wochenblick-Gespräch verriet. Bewusst habe er nicht mit Häme agiert, sondern ihm geraten, er solle sich jetzt auf seine Freundin und das werdende Baby konzentrieren. Denn Kinder seien – so Strache – der eigentliche Sinn des Lebens und diesen könne einem auch „niemand mehr wegnehmen“. Strache glaubt an Karma. Schadenfreude verspüre er daher nicht, sehr wohl aber „bis zu einem gewissen Grad eine Genugtuung“.

Strache über Kurz: Das ganze Wochenblick-Interview

Mehr zum Thema: