Junge Menschen zieht es in die Städte, oft wegen besserer Jobmöglichkeiten. Dieser Trend führt zu steigenden Mieten und Grundstückspreisen in den Städten und zur Verödung ländlicher Gebiete. Mit Linz und Wels liegen zwei der zehn größten Städte Österreichs im ‚Hoamatland‘, womit die Landflucht auch dieses in vielen Regionen hart trifft.

Von Christoph Uhlmann

Seit 2008 wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 1950 lebten noch 70 % auf dem Land. Laut Prognose der UNO wird der Anteil der städtischen Bevölkerung bis 2050 auf 70 % weltweit anwachsen. Auch in Österreich und Deutschland zeigt sich der Trend zur Landflucht. In Deutschland liegt der Grad der Verstädterung sogar noch deutlich höher als im weltweiten Durchschnitt. 77,4 % der Deutschen sind laut „Statista“ Stadtbewohner. Österreich ist mit 58,8 % da noch vergleichsweise ländlich. Doch auch hierzulande geht der Trend in dieselbe Richtung, was viele ländliche Regionen vor große Herausforderungen stellt.

Ortskerne veröden

In den ländlichen Bezirken sind in den vergangenen Jahren viele Einrichtungen wie Schulen, Postämter, Polizeistationen, Bezirksgerichte, Kasernen und Behörden-Standorte wie auch Nebenbahnen aufgelassen worden. Die Nahversorgung wird immer dürftiger, weil die letzten Greißler zusperren. Auch die medizinische Versorgung gestaltet sich zusehends schwieriger, da kaum Ärzte zu finden sind, die sich in den „aussterbenden“ ländlichen Regionen niederlassen wollen. Kinderbetreuungseinrichtungen und Freizeitangebote sind Mangelware, was die Abwanderung nur noch weiter befeuert. Kurz: die gesamte Infrastruktur leidet und damit die Menschen. Da vorwiegend Junge abwandern, kommt es auch zu einer Überalterung und manchen Gemeinden steht gar ein „Aussterben“ bevor. So hat beispielsweise die Mühlviertler Gemeinde Schwarzenberg am Böhmerwald von 2003 bis 2018 über 19 % seiner Einwohner verloren, also beinahe ein Fünftel.
Doch auch die verstädterten Gebiete haben ihre Probleme. Die Ballungsräume platzen – allen voran Wien – aus allen Nähten. Rund zwei Drittel des jährlichen Einwohnerzuwachses gehen nach Wien, das restliche Drittel verteilt sich auf alle anderen Bundesländer. Der Bevölkerungszuwachs in den Städten bedeutet u. a., dass diese ihre Infrastruktur anpassen müssen. So soll etwa – nach Jahrzehnten an Gerede – in Linz bis 2027 das Projekt der zwei Linzer Stadtbahnen finalisiert werden, um das Verkehrsproblem in den Griff zu bekommen. Und erst kürzlich wurde die neue Eisenbahnbrücke eröffnet. Durch die erhöhte Wohnraum-Nachfrage steigen auch die Mieten und Immobilienpreise.

Überfüllte Ballungsräume

Insbesondere Frauen zwischen 20 und 29 Jahren lassen das Dorf hinter sich, um in eine Stadt zu ziehen, erklärt die emeritierte Professorin Dr. Gerlind Weber, die sich mit dem Phänomen Landflucht beschäftigt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Sehr viele der jungen Frauen würden ihrem Partner nachziehen oder sich in einer Stadt ausbilden lassen. Auch passendere Berufsmöglichkeiten seien ein Grund. Für manche sei die Motivation auch einfach das „Hotel Mama“ zu verlassen oder eine neue Sprache oder Kultur kennenzulernen. Wer einmal weggezogen ist, komme aber so schnell nicht wieder zurück, betont die Expertin. In Österreich zeige sich dies vor allem entlang des ehemaligen Eisernen Vorhanges. An den schrumpfenden Dörfern im nördlichen Teil des Wald- und Weinviertels und von Osttirol bis ins südliche Niederösterreich entlang des Alpenhauptkammes sei das gut zu erkennen. Für junge Frauen sei eines der Probleme, dass sie keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden. Auch altersentsprechende Begegnungsorte wie Cafés, Fitnessstudios und Discos würden am Land fehlen. Bei jungen Müttern komme noch das Angebot von Nachmittagsbetreuungs- und Spielplätzen hinzu. Manche würden aber auch die soziale Kontrolle im Dorf und eine mangelnde Aufgeschlossenheit gegenüber Zugezogenen als Ursache für den Umzug in die Stadt angeben, so Weber.

Fördergelder und Projekte

Für die Attraktivierung der ländlichen Regionen greift das Land Oberösterreich tief in die Tasche. So werden neben Landesausstellungen und Gartenschauen auch viele andere Projekte finanziert. Eines dieser Programme heißt ‚Leader‘ und wird hauptsächlich mit Geldern der EU verwirklicht. Bund und Länder schießen aber ebenfalls Mittel zu. Insgesamt 1.100 solcher Leader-Projekte wurden zwischen 2014 und 2020 in Oberösterreich – in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Kultur, Tourismus und Umweltschutz – realisiert. So wurde z.B. ein Bogensport-Zentrum in Ansfelden errichtet oder das Projekt Waldgeschichten verwirklicht, womit „ein Ort für Kinder inmitten des Waldes“ nahe Roßbach entstand. 46 Millionen an Fördergeldern seien geflossen und Investitionen mit einem Gesamtvolumen von 80 Millionen Euro seien durch diese Projekte ausgelöst worden, erklärte der zuständige Landesrat Max Hiegelsberger (ÖVP). In die für Oberösterreich so wichtige Landwirtschaft sind im selben Zeitraum 180 Mio. vom Land in heimische Betriebe investiert worden, wodurch insgesamt mehr als eine Milliarde an Gesamtinvestitionsvolumen ausgelöst wurde. 80 % dieses Geldes gehe an regionale Firmen.

Werbung für „Landleben“

Die Filmemacherin Teresa Distelberger bringt in ihrer unlängst erschienen Doku Beispiele, wie eine erneute Belebung funktionieren kann. Um die medizinische Versorgung zu erhalten, wird die Idee eines Ärztezentrums geboren. Das ehemalige Wirtshaus wird zum Co-Working-Space umfunktioniert und macht Firmenansiedlungen wieder möglich bzw. attraktiver. Landwirtschaftliche und Handwerks-Produkte werden online und aus dem Homeoffice vermarktet. Ein Weg, um auch für Jüngere das Landleben wieder erstrebenswerter zu machen – ganz abseits stressiger Städte.

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