Das Leben von Thomas Bernhard: Als verstoßenes Kind im Heim

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Die berührende Geschichte eines Schriftstellers

Das Leben von Thomas Bernhard: Als verstoßenes Kind im Heim

Buch
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Inhalt

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Der Schriftsteller Thomas Bernhard  reagierte mit höhnischer Wut auf die Demütigungen in seiner Kindheit und wurde damit zum Erfolgsautor. Sein Leben wurde mehrfach beschrieben, auch von ihm selbst. Dennoch gibt es eine kleine Unstimmigkeit über den Ort eines Erziehungsheims, das die Wende in seinem traurigen Leben brachte.

Ein Artikel von Renate Reuther.

Saalfeld, nicht Saalfelden

Um es gleich vorwegzunehmen: Es war nicht alles schlecht in Saalfeld/Thüringen, als Thomas Bernhard 1941 hier seinen unglücklichen Aufenthalt hatte. Noch vier Jahrzehnte später erinnerte er sich an zwei Dinge in Saalfeld, die ihn nachhaltig beeindruckten und beglückten: Die Mauxion-Automaten, bei denen man für 10 Pfennige eine Tafel Schokolade ziehen konnte und der Besuch in der Grotte. Er schwärmte:

„Die lang ersehnte Märchenwelt, da war sie.“

DDR-Kinderheim

Thomas Bernhard war ein von der Mutter ungeliebter, von der Schule überforderter, zutiefst gedemütigter Junge von zehn Jahren, als er nach Saalfeld ins Heim am Steiger kam. Das ursprüngliche Naturfreundehaus der Sozialdemokraten war von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und von der Stadt als Kinderheim übernommen worden. In der DDR wurde es unter dem neuen Namen „Adolf-Hennecke“ weitergeführt und wird noch heute als pädagogische Einrichtung genutzt.

Dort die gleiche Qual wie zuhause. Der schwer erziehbare Junge war zu allem anderen auch ein Bettnässer. Die Erziehungsmaßnahme seiner Mutter war grausam. Sie hängte jeden Morgen das große Leintuch mit dem gelben Fleck aus dem Fenster der Wohnung, so dass es jeder im Ort sehen konnte. Im Heim hielt man es ähnlich:

„Die Methode in Saalfeld war die: mein Leintuch mit dem großen gelben Fleck wurde im Frühstücksraum aufgespannt, und es wurde gesagt, dass das Leintuch von mir sei. Der Bettnässer wurde aber nicht nur auf diese Weise bestraft, er bekam auch keine sogenannte süße Suppe wie die andern, er bekam überhaupt kein Frühstück. Die süße Suppe liebte ich über alles, es war ein in Suppentellern ausgegebener Brei aus Milch, Mehl und Kakao“.

Die Ausgrenzung, die Demütigungen und der daraus folgende Selbsthass zerfraßen seine gequälte Kinderseele. So blieb ihm nur noch das Überlebenskonzept, die anderen zu verachten bei gleichzeitiger übersteigerter „Selbstbewunderung“. Daraus entstanden seine bestimmenden Charakterzüge, und in der Konsequenz auch die Eigenart seines schriftstellerischen Werkes. So bitter seine Kindheit war, war sie doch die Grundlage für seinen literarischen Erfolg. Sein Werk ist geprägt von höhnischer Wut, mit der er seine Demütigungen verarbeitete. Schon bald erhielt er namhafte Literaturpreise für sein Schaffen, darunter den Büchner-Preis, und galt als wichtigster Vertreter der deutsch-österreichischen Gegenwartsliteratur, weshalb sein Werk in viele Sprachen übersetzt wurde. Die Werkausgabe umfasst 22 Bände, ergänzt durch eine umfangreiche Sekundärliteratur.

Tod und Nachlass

Thomas Bernhard starb am 12. Februar 1989 in Gmunden in Oberösterreich. Durch seine polemischen Texte, seine galligen Monologe schreckte er ebenso viele ab, wie er Anhänger gewann. Er provozierte, gerade die selbstgerechte bürgerliche Gesellschaft, die sich für die bessere hielt.

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in den Niederlanden geboren, schon das ein Zeichen, dass er ein Ausgegrenzter war. Denn obwohl sich sein Leben hauptsächlich zwischen Wien und dem ländlichen Oberösterreich bewegte, wurde er fern der Heimat geboren. Seine ledige Mutter war der Schande entflohen, spielte sogar mit dem Gedanken, das Kind im Ausland zurück zu lassen und wagte es erst nach einem Jahr, ihren Eltern unter die Augen zu treten und ihren Fehltritt einzugestehen. Die elterliche Strenge scheint in diesem Fall nicht ganz nachvollziehbar, denn die Großeltern lebten seit Jahrzehnten in wilder Ehe und heirateten selbst erst 1939, als dem Großvater erste literarische Erfolge beschieden waren und sein gesellschaftlicher Status relevant wurde.

Das Kind Thomas musste es jedoch täglich büßen, dass er seine Mutter schon durch seine bloße Existenz ständig an ihren Fehler erinnerte. Bei jeder Gelegenheit wurde er mit dem Ochsenziemer geschlagen und überschüttet mit Beschimpfungen:

Du hast mir noch gefehlt! oder Du bist mein ganzes Unglück! Dich soll der Teufel holen! Du hast mein Leben zerstört! Du bist an allem schuld! Du bist mein Tod! Du bist ein Nichts, ich schäme mich Deiner! Du bist so ein Nichtsnutz wie Dein Vater! Du bist nichts wert! Du Unfriedensstifter! Du Lügner!

Selbst Jahrzehnte später quälten ihn diese Beschimpfungen noch: „Du hast mir noch gefehlt!” war der immer wiederkehrende Ruf meiner Mutter. Ich höre ihn auch heute noch deutlich.“

Selbsthass, schulschwänzen und schwarzfahren

Der Junge wurde durch diese Erziehung nicht liebenswürdiger oder gehorsamer. Er schwänzte die Schule oder fuhr schwarz mit der Eisenbahn durch die Gegend. Wie ein Getriebener entfloh er Schule und Elternhaus, dabei sich selbst verfluchend und hassend, die harten Worte seiner Mutter verinnerlichend. „Das Wort unverzeihlich markierte fortwährend meine Gedanken. Was nützte es, dass ich heulte und mich verfluchte? Ich liebte meine Mutter, aber ich war ihr kein lieber Sohn, … Ich war grausam, ich war niederträchtig, ich war hinterhältig“.

Das wenige Geld, das Herta Bernhard als Haushaltshilfe und seine Großmutter als Hebamme in Wien verdient hatten, reichte nicht mehr. So zog er mit den Großeltern 1935 zurück in die oberösterreichische Heimat des Großvaters Johannes Freumbichler (1881-1949), nach Seekirchen bei Salzburg; 1938 mit Mutter und Stiefvater dann in das wenige Kilometer entfernt gelegene Traunstein in Bayern. Das war die Umgebung, in der Thomas Bernhard aufwuchs, die ihn prägte, und in die er sich später zurückzog.

Stiefsohn

Thomas brachte ewigen Streit und Unfrieden in die Familie, ruinierte die mühsam aufgebaute Idylle und bedrohte womöglich die junge Ehe mit dem Stiefvater, der allein für den Unterhalt von fünf Leuten verantwortlich war. Die Familie war ja zusätzlich durch die beiden neuen Geschwister (April 1938 ein Bruder, Juni 1940 eine Schwester) weiter in die Armut abgesunken. Sicher hatte die Mutter unter diesen Umständen noch weniger Zeit und Geduld für den schwierigen Sohn.

Die Mutter war nervlich am Ende und nahm dankbar den Ratschlag der Fürsorgerin Frau Popp an, den Jungen ins Heim „in den Wald“ zu schicken.

„Aber die Doktor Popp fürchtete ich wie nichts, ich ahnte etwas, wenngleich ich unfähig war, herauszubekommen, was. Eines Tages erschien die Doktor Popp bei uns in der Schaumburgerstraße, Eingang Taubenmarkt, und sagte zu meiner Mutter, sie würde mich auf Erholung schicken. In ein Heim tief im Wald. Der Junge braucht eine andere Luft. Zu meiner größten Enttäuschung war meine Mutter von der Mitteilung der Doktor Popp begeistert.“

Der Junge ist wie vor den Kopf geschlagen, dass seine Mutter ihn so ohne weiteres aufgibt. Dennoch findet er viele entschuldigende Worte für sie:

„Sie selbst hatte nicht mehr die Kraft mit mir fertig zu werden. Ich war nicht mehr zu bändigen, es gab jeden Tag Streitereien, … Ich sah selbst ihre Verzweiflung und sie ist absolut frei von Schuld. Sie war meiner schon lange nicht Herr geworden. Sie war völlig erschöpft an dem Kind, das sie nicht mehr bändigen konnte.“

Diese Entlassung der Mutter aus aller Schuld ist eigentlich nicht recht in Einklang zu bringen mit einem einfachen Erholungsaufenthalt.

Der ungeliebte Enkel

Nicht nur die Mutter, sondern auch sein über alles geliebter Großvater stimmte dem Vorschlag der „Doktor Popp“ ohne Zögern zu. Eine weitere miederschmetternde Erfahrung für den kleinen Thomas.

„Noch größer war die Enttäuschung, dass mein Großvater gegen einen solchen Erholungsurlaub tief im Wald nichts einzuwenden hatte.“

Die ganze Familie wollte ihn loshaben, und das schmerzte den kleinen Thomas und auch den längst erwachsenen.

Dies betont der Autor, indem mit der wahrscheinlichen Chronologie spielend erklärt: „Als ich [von Saalfeld] nachhause kam, hatte ich einen Bruder, der von allen geliebt wurde. Zwei Jahre später eine Schwester, auch sie wurde von allen geliebt.“ Dies unausgesprochen zum verstoßenen Thomas, der augenscheinlich kein bisschen geliebt wurde. Denn während seines wochenlangen Aufenthalts erhielt er nur einige Postkarten von zuhause; der versprochene Besuch erfolgte nicht.

Erholungsaufenthalt oder doch Erziehungsheim

Im Buch „Ein Kind“ stellt es Thomas Bernhard so dar, als sei es immer nur um einen Erholungsaufenthalt gegangen, und erst Jahrzehnte später sei ihm bei einem Besuch in Saalfeld erklärt worden, das er in einem Erziehungsheim gewesen sei. Die grenzenlose Enttäuschung macht aber erst dann Sinn, wenn man weiß, dass es nicht um einen harmlosen Erholungsaufenthalt ging. Tatsächlich war dem kleinen Thomas durchaus konkret mit einer Einweisung ins Heim gedroht worden, worauf er im Juli 1941 einen Selbstmordversuch mit Tabletten unternahm, einen von drei in seiner Kindheit. Im Buch erwähnt er dies nicht, sondern stellt es so dar, als habe er mit dem Gedanken an Selbstmord nur gespielt, als er von dem angeblichen Erholungsurlaub erfuhr. Allerdings wäre ein Selbstmordversuch nur wegen eines Urlaubs wohl eine Überreaktion. Der kleine Thomas hatte eben doch etwas geahnt.

„Dass ich mich nicht aus dem Dachbodenfenster stürzte oder mich aufhängte oder mit den Schlafpulvern meiner Mutter vergiftete, lag nur daran, dass ich meinem Großvater den Schmerz, den Enkel auf fahrlässige Weise verloren zu haben, nicht antun wollte. Nur aus Liebe zu meinem Großvater habe ich mich in meiner Kindheit nicht umgebracht, es wäre mir sonst ein leichtes gewesen.“

Die Erwachsenen erzählten dem kleinen Thomas also, es gehe auf Erholung nach Saalfelden im Salzburger Hochgebirge, gar nicht weit weg. Als er allerdings am Bahnsteig ankam, der Schock: Der Zug mit dem Kindertransport fuhr nicht Richtung Salzburg, sondern über München, Bamberg, Lichtenfels nach Saalfeld in Thüringen. Der neuerliche, ausgeklügelte, gemeinschaftliche Verrat erschütterte den kleinen Jungen und führte zu einer weiteren Desillusionierung. Zwar hatte er die Erwachsenen ständig gequält, alle Regeln gebrochen, keine Autorität außer der des Großvaters anerkannt, aber er war doch von der unerschütterlichen Liebe der Familie für ihn ausgegangen. Nun musste er feststellen, dass er getäuscht worden war. Und falls doch nicht getäuscht, so war die Nachlässigkeit mit der man sich weiter keine Gedanken gemacht hatte, ob die Fahrt nach Saalfeld oder Saalfelden ging, ebenfalls ein Zeichen mangelnder Liebe, Ausdruck völliger Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des kleinen Thomas: “Thüringen, es war mir kein Begriff, dass es weit im Norden lag, wusste ich. Ich war ins Unglück gestürzt. Wussten sie, dass es sich um Saalfeld und nicht um Saalfelden handelte, so hatten sie mich hineingelegt und an mir ein Verbrechen begangen, wussten sie es nicht, so war es eine unverzeihliche Nachlässigkeit, der sie sich an mir schuldig gemacht hatten. Jetzt traute ich den Meinigen aufeinmal alles zu.“ Er verzieh den Erwachsenen diesen Verrat nie, wie er in einem seiner Stücke anmerkte:

„Im Thüringer Wald / haben sie mich drei Monate / allein gelassen / sich nicht um mich gekümmert / und ich war noch nicht elf Jahre alt. / Wir verzeihen ihnen nicht / dazu sind wir nicht befähigt /den Eltern ist nicht zu verzeihen“.

Oder in der Erzählung „Ein Kind:

“Sie hatten einen Fehler begangen, den ich ihnen lebenslänglich nicht vergessen habe.“

Zugleich wollte er aber die beschwichtigende Ausrede von der Nachlässigkeit, vom Irrtum glauben, um nicht die ganze Wucht des Verrats schultern zu müssen. Denn das Leben geht weiter, die Familie war bald wieder vereint, und so gewährte er sich und der Familie diesen entlastenden Zweifel, die Möglichkeit, aus einem Verrat ein harmloses Versehen zu machen, einen dummen Hörfehler nur.

Es gibt allerdings Hinweise, dass es nicht einfach um eine Verwechslung von Saalfeld und Saalfelden ging, wie in Anlehnung an Thomas Bernhards Darstellung verharmlosend in biographischen Abrissen zu lesen ist.

Und was war mit seinem Vater?

Die Familienkonstellation hatte sich durch Stiefvater und Geschwister zu seinen Ungunsten verändert. Seit dem März 1938 versuchten seine Mutter und sein Stiefvater nochmals den leiblichen Vater Alois Zuckerstätter zur Verantwortung zu ziehen und von ihm Alimente zu erhalten. Am 4. Juli 1939 wurde eine Klage in Berlin wg. Vaterschaftsfeststellung eingereicht. Die Vaterschaft konnte schließlich mit einem Bluttest nachgewiesen werden, aber Zuckerstätter ging so weit, seine Arbeitsstelle zu kündigen, um sich den finanziellen Verpflichtungen zu entziehen. Im November 1940 nahm er sich das Leben. Dieser Ausweg, den Jungen loszuwerden, oder wenigstens die Ausgaben für ihn erstattet zu bekommen, entfiel also.

Eben doch kein Versehen

Man kann gerne annehmen, dass eine Familie, die in Wien und in der bayerisch-österreichischen Grenzregion nahe Salzburg lebte, das nähere Saalfelden mit dem weit entfernten Saalfeld verwechselt. Dagegen steht in diesem Fall ein weiteres Indiz, dass die Verschickung des kleinen Thomas so weit weg nach Thüringen kein reines Versehen, und keineswegs einem Hörfehler geschuldet war. Dem über alles geliebten Großvater, der in der Familie die Entscheidungen traf, wird das ferne Saalfeld nicht gänzlich unbekannt gewesen sein. Der Großvater hatte nämlich in seinen unsteten Wanderjahren in Thüringen und dem Thüringer Wald gelebt, genauer in Altenburg und Ilmenau.

Zudem mag es bei der bereits vielfach erlebten Reiselust des kleinen Thomas und seiner unbekümmerten Benutzung der Eisenbahn angeraten erschienen sein, ihn möglichst weit weg zu schicken, und nicht nur in ein Heim in der näheren Umgebung. Der Sammeltransport nach Saalfeld schien daher in mancherlei Hinsicht eine günstige Gelegenheit.

Die Schilderung der Verschickung zur Erholung, die Verwechslung von Saalfelden und Saalfeld, ist also literarisch überarbeitet. So kann es nicht gewesen sein. Denn ihm war offensichtlich schon mehrfach mit dem Erziehungsheim gedroht worden. Die extreme Reaktion des Kindes, das sich mit Tabletten umzubringen versuchte, um diesem Schicksal zu entgehen, bei der gleichzeitigen Unfähigkeit, sich Regeln anzupassen, führte die Erwachsenen zu diesem Ränkespiel, zur Vertuschung.

Erst mit diesem Hintergrundwissen versteht man das Gefühl der bodenlosen Enttäuschung, das Thomas Bernhard überfiel, als er beim Besteigen des Zuges den Verrat bemerkte. Zugleich aber brauchte seine kleine Seele eine Strategie, damit umzugehen. So entstand die Geschichte des angeblichen Irrtums, der möglichen, gerade noch entschuldbaren Nachlässigkeit. Mit diesem Element des Zweifels trat er wieder einen Schritt zurück vorm Abgrund.

Nach seiner Rückkehr aus Saalfeld änderte sich sein Leben entscheidend. Er hatte sportliche Erfolge und überwand dadurch unversehens die Außenseiterrolle, das Bettnässen, und das Schulversagen. Vielleicht waren die täglichen Wanderungen im Thüringer Wald doch hilfreich gewesen.


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