In den USA macht die Manie, Gegenwart und Vergangenheit von allen kolonialistischen und unterdrückenden Einflüssen zu befreien, auch vor den Schulen nicht halt: Jetzt geht es sogar Unterrichtsfächern an den Kragen, bei denen man die angebliche Diskriminierung zuerst erfinden muss, ehe man sie bekämpft.

Ein Kommentar von Daniel Matissek

Ein totalitärer Kulturmarxismus und wissenschaftlicher Relativismus sind an allen Fronten auf dem Vormarsch, seit der „woke“ Zeitgeist mit „Black Lives Matter“ im vergangenen Sommer einen Boost erhalten hat, der ihn vor keinerlei Tabus und Grenzen mehr haltmachen lässt. Während sich Political Correctness und Gendermainstreaming zuvor noch in der geistigen und sprachlichen Sphäre ausgetobt hatten, verlagerte sich der Kampf zunehmend auf die Ebene physischer Gewalt. Den brennenden Autos, geplünderten Geschäften und von Antifa-Schergen totgeprügelten Opfern des Lynchmobs nach den George-Floyd-Protesten folgte die „Cancel-Culture“, die einen neuen Bildersturm hervorbrachte: Seitdem stehen Denkmäler, Straßenschilder, aber auch Bücher, Filme und Kunstwerke auf der Abschussliste, die irgendwie mit „kulturunsensiblen Inhalten“, „kolonialistischen“ und / oder natürlich „rassistischen“ Inhalten. Selbst globale Medienkonzerne – wie Disney mit seiner „Stories Matter Initiative“ – gehen präventiv in Sack und Asche und praktizieren vorauseilende Selbstzensur, indem sie sich für angeblich rassistische Darstellungen ihrer Klassiker von einst in Einblendern entschuldigen – vom „Dschungelbuch“ bis zur „Muppet Show“.

Schon längst hat sich der wahnhafte Furor der neuen Roten Garden auch gegen die „reaktionären“ Lehrpläne der Universitäten und Schulen gerichtet und nimmt alles überkritisch ins Visier, was irgendwie ins paranoiden Feindbild der White Supremacy, des Eurozentrismus oder des westlichen Kulturimperialismus passt. Dass die „antirassistischen“ Revisoren natürlich als erstes auf die geisteswissenschaftlichen Disziplinen zielen – Geschichte, Literatur, aber auch Musik, deren Lehrkanon in perfider Herabwürdigung der angeblich gleichrangigen, aber unterdrückten kulturellen Errungenschaften anderer Ethnien immer nur die westlich-europäischen und „weißen“ Schöpfungen und Erkenntnisse anerkennen würden, ist wenig überraschend. Das schwarz-weiße Farbraster verrät bereits, wer mit diesen anderen Ethnien gemeint ist: Fast immer afrikanische Völker, zum Teil vielleicht noch die nordamerikanischen indigenen. Für den verengten BLM-Antifa-Tunnelblick reicht dies völlig aus.

Kulturrelativistischer Irrsinn

Bislang schienen die naturwissenschaftlichen Fächer schon deshalb gegen das Säurebad der linksradikalen Kulturrevoluzzer gefeit, weil sie objektive, für alle Menschen herkunftsunabhängig gleichermaßen nachprüfbare Naturphänomene behandeln. Vor allem Mathematik, das Fach der Abstraktion und Logikreduktion schlechthin, könnte unpolitischer und damit „diskriminierungsfreier“ nicht sein. So dachte man zumindest.

Doch jetzt macht der Antirassismus-Wahn, der kulturrelativistische Irrsinn auch vor dieser Königsdisziplin des Geistes nicht mehr hat. Weil auch die Definition von Richtig und Falsch, die Aufzeigung von Denkmustern und Lösungsschritten und die Aufstellung etwa einer Lösungsmatrix schon auf eine bestimmte kulturell geprägte, natürlich „weiße“ Dominanz zurückgingen, wurde im US-Bundesstaat Oregon vor kurzem nun eine „Handreichung für Mathematiklehrer“ empfohlen, der zufolge künftig „mehrere Antworten auf eine mathematische Frage als richtig anzuerkennen als nur eine einzige“. Nicht nur „konservative“ (heute gleichbedeutend mit: noch halbwegs normaldenkende) Mathematiker und sonstige Wissenschaftler in den USA konnten hierüber nur den Kopf schütteln, und fühlten sich ungut an George Orwells Dystopie „1984“ erinnert, wo die Devise gilt: Sagt die Partei, 2 plus 2 ergibt 5, dann ist dies zwingend richtig.

In dem empfohlenen Unterrichts-Sheet aus Oregon ist davon zwar nicht die Rede, sondern – so umschreibt es die „Welt“ – vielmehr davon, wie man „verschiedene Schüler mit unterschiedlichen Ausgangspunkten zum mathematischen Denken motivieren“ und „unterschiedliche Zugänge zu mathematischen Problemen nutzen und fördern“ könne. Hintergrund dieser ideologischen Indoktrinierung ist die vergleichsweise junge Disziplin der sogenannten Ethnomathematik. Sie hat den Anspruch, „mathematische Gebiete, Methoden und Verfahren verschiedener Kulturkreise“ zu untersuchen und propagiert, es gäbe in jeder Kultur Mathematik, sofern darunter die Untersuchung rein formaler Strukturen verstanden werde: „aber jede Kultur hat eine andere Mathematik, jede Kultur betrachtet andere Fragen“.

„Ausgrenzende“ Zählmethoden

So soll es dann zum Beispiel ratsam sein, unterschiedliche Rechenverfahren zuzulassen; etwa bei den Beispielen, mit denen ein Kind Zahlen lernt, indem es seine eigenen Familienmitglieder zählt, die alle zu Besuch kommen. Weil diese als Angehörige „zuvor von allen anderen Menschen abgegrenzt und als dazugehörig gekennzeichnet wurden“, würde man dem Kind quasi einimpfen, dass „der Hund und die Katze und der Nachbar, der in der Nähe steht, nicht dazugehören“. Mit diesem „ausgrenzenden“ Denken würden Strukturen für „eine bestimmte Mathematik“ geschaffen.

Auf diesem haarsträubenden, absurden Niveau geht es weiter – immer getrieben von dem krampf- und krankhaften Versuch, irgendwie „rassistische“ oder „diskriminierende“ Muster zu detektieren. Die „westliche“ Mathematik sei dabei nur eine von vielen Ansätzen, denn, so lässt die „Welt“ wissen, „in einer Kultur wird vor allem gezählt und gerechnet, in einer anderen werden geometrische Muster kombiniert und zu großen Kunstwerken verflochten, in der nächsten werden vor allem Abstufungen und Größen verglichen.“ Dass die westliche Mathematik auf arabische und indische Einflüsse zurückgeht und somit dem geforderten „interkulturellen Anspruch“ bereits aufgrund ihrer Geschichte genügt, passt den antirassistisch-woken Taliban 2.0 natürlich nicht ins Bild.