Nach dem Diplomarbeits-Skandal von Ex-Arbeitsministerin Christine Aschbacher kündigte „Plagiatsjäger“ Stefan Weber weitere Untersuchungen der Abschluss-Arbeiten unserer werten Regierungsmitglieder an. Der Wochenblick nahm nach mehreren Hinweisen nun die Diplomarbeit von Finanzminister Blümel unter die Lupe und staunte nicht schlecht ob der antidemokratischen Sichtweisen, die darin zum Vorschein treten. Kurz: Mit Wissenschaftlichkeit hat Blümels Diplomarbeit unserer Ansicht nach nichts zu tun. 

Seit Aschbachers Plagiatsskandal kontaktierte eine Vielzahl an aufmerksamen Lesern den Wochenblick. Sie vermuten, dass auch Finanzminister Gernot Blümel bei seiner Diplomarbeit gepfuscht haben könnte. Seit er als Finanzminister das Budget 2020 mit 102.000 Euro anstatt der korrekten Summe von 102 Milliarden Euro bezifferte, zweifeln viele an seiner Kompetenz.

Nutzer diskutieren seit langem über Blümel-Arbeit

Bereits vor einiger Zeit schilderte ein Nutzer auf Reddit nach Durchsicht von Blümels Abschlussarbeit: „Ich bin jedenfalls erstaunt, dass man für sowas akademische Abschlüsse kriegen kann.“ Seiner Ansicht nach sei die Arbeit „höchstens auf dem Level einer Bachelorarbeit (reine Literaturarbeit, null eigene Forschung)“.

Bereits vor einem Jahr wies auch ORF-Anchor Armin Wolf auf Blümels Diplomarbeiten – er schrieb auch eine MBA-Arbeit an der Wirtschaftsuniversität – hin.

Auch Armin Wolf interessierte sich für die Diplomarbeit Blümels:

Wollte nur den Titel (und ein bisschen ÖVP-Ideologie)

Im Schlusswort schreibt Blümel, dass es ihm vor allem um den Titel geht, wie Twitter-Nutzer Alex K. aufzeigt:

Darüber hinaus sei Blümel in seiner Diplomarbeit seinem Interesse an der „ideologischen Grundlage eines Teils der österreichischen Parteienlandschaft“ nachgegangen. Die Arbeit sollte sich eigentlich mit dem Personenbegriff in der christlichen Soziallehre beschäftigen.

Gleich mehrere Nutzer merkten an, dass in Blümels Arbeit keine Eigenleistung erkennbar sei. Sophie V. meint, dass eine solche Arbeit bei ihrem Betreuer nicht durchgegangen wäre:

ÖVP-Ideologie mit Dollfuß-Sympathie: Blümel soll in seiner Arbeit positiv über einen Weggefährten des austrofaschistischen Führers Engelbert Dollfuß geschrieben haben. 1933 schaltete Dollfuß das österreichische Parlament aus. Mit den berühmten Worten „Es gibt keine Staatskrise!“ wandte er sich daraufhin an das österreichische Volk. Fortan sollten die Österreicher aber unter der autoritären Herrschaft der ÖVP-Vorgänger leiden. Im Zuge von Aufständen ließ Dollfuß letztlich sogar auf das Volk schießen!

In seiner Arbeit zeigt der Finanzminister unter anderem seine Verehrung für Dollfuß-Weggefährten Johannes Messner:

Wochenblick-Analyse: So unwissenschaftlich ist Gernot Blümels Diplomarbeit

Wir haben Gernot Blümels Diplomarbeit die er unter dem Titel „Der Personenbegriff in der Christlichen Soziallehre und -philosophie unter der besonderen Berücksichtigung von Vogelsang, Lugmayer und Messner“ 2009 an der Wiener Hauptuniversität im Studienfach Philosophie einreichte, untersucht und die Arbeit nach bestehenden Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens bewertet.

Keine wissenschaftlichen Quellen, kein kritisches Hinterfragen

Anders als bei Ministerin Aschbacher ergab unser durchgeführter Plagiats-Check mit der Turnitin-Software (dieses Programm wird auch von Österreichs Unis verwendet) von Scribbr, vorerst keine schweren Zitier-Fehler (Plagiate). Doch betrachtet man die von Blümel verwendeten Quellen, stellt man schnell fest, dass es sich um keine wissenschaftlichen Quellen handelt.

Über 20% der Quellen aus dem Literaturverzeichnis sind Lexika und Lehrbücher. Lexika und Lehrbücher gelten nicht als wissenschaftliche Quellen. Blümel wählte für seine Arbeit vornehmlich katholische bzw. christlich-soziale Tendenzliteratur, die keinen wissenschaftlichen Kriterien entspricht. Die Literatur wird nicht reflektiert, hinterfragt oder in einen kritischen Kontext gesetzt – dabei ist genau das eine wichtige Anforderung beim wissenschaftlichen Arbeiten, wie Studenten wissen!

Darüber hinaus zitiert Blümel aus Lehrbüchern, unter anderem aus Einführungsbüchern für Studienbeginner – ein absolutes „No-Go“ beim wissenschaftlichen Arbeiten!

Keine Forschungsfrage

Österreichs Studenten wissen: Eine fundierte Forschungsfrage und Hypothesen sind das A und O einer wissenschaftlichen Arbeit. Doch an Gernot Blümel scheint dieses Wissen vorbeigegangen zu sein: Seine Diplomarbeit enthält keine Forschungsfrage.

Blümel gibt lediglich Literatur wieder. Diese wird jedoch nicht systematisch aufgearbeitet, sondern ungeordnet und unreflektiert zitiert. Darüber hinaus erklärt Blümel nicht, warum die von ihm gewählten Autoren, für sein Thema relevant sind.

Auch Twitter-Nutzer Peter B. wundert sich über Arbeitsweise Blümels:

Diplomarbeit zeigt Blümel als gottesfürchtigen Totalitaristen

Blümel stellt sich in seiner Diplomarbeit selbst als gottesfürchtigen Anhänger totalitärer, christlich-sozialer Ideologie dar. Das zeigen auch folgende Zitate:

„Die Christliche Sozialphilosophie und Soziallehre kombiniert also allgemein einsehbare Erkenntnisse mit aus übernatürlicher Erkenntnis gewonnenen Grundhaltungen.“ (Blümel 2009, 18)

  • Blümel argumentiert mit „übernatürlichen“ und „allgemein einsehbaren Erkenntnissen“. Für Blümel scheinen übernatürliche Erkenntnisse selbstverständlich, vielleicht erschien auch ihm bereits irgendein Heiliger oder gar Gott. In einer wissenschaftlichen Arbeit haben sie jedoch nichts verloren, denn sie stellen keine wissenschaftliche Begründung dar.

„Die zuvor erwähnte Trennung von Kapital und Arbeit, verbunden mit der Ignoranz, welche der Liberalismus dem Wesen des Menschen entgegen bringt“ (Blümel 2009, 13)

  • Diese Aussage ist unangemessen, wertend und unkritisch. Gefühlsäußerungen sind in Diplomarbeiten nicht vorgesehen, doch Blümel lässt seinem Hass auf den Liberalismus freien Lauf.

Die Entchristlichung führte so auf direktem Wege zu einer Entmenschlichung.“ (Blümel 2009, 57)

  • Diese Aussage ist wertend, unwissenschaftlich und wird als eigene Position wiedergegeben. Sollte sich der Autor diese Aussage – wie aus der Arbeit hervorgeht – zu eigen machen, würde dies auf eine problematische Ablehnung des säkulären Staates beim Autor hindeuten.

Lob für den Ständestaat:

„Spätestens seit den 30er Jahren hat der Begriff „Stände“ bei uns eine negativ behaftete Bedeutung. Betrachtet man allerdings den Wortursprung, oder die Anwendung des Wortes in leicht abgewandelter Form, kommt man schnell zu einem, auch heute noch als positiv verstandenen Kern.“ (Blümel 2009, 61)

„Durch die Publikation eines Buches über den von den Nazis ermordeten Engelbert Dollfuß handelte sich Messner die Feindschaft des herannahenden Regimes ein.“ (Blümel 2009, 85)

  • Keinerlei kritische Bezugnahme auf Dollfuß‘ Austrofaschismus, keinerlei Aufarbeitung der Rolle Vogelsangs für die Ideologie des Austrofaschismus!
  • Es findet keinerlei kritische Aufarbeitung der antidemokratischen Thesen der untersuchten Autoren statt!

Im letzten Satz der Diplomarbeit bekennt sich Gernot Blümel zu den Thesen der von ihm dargestellten Autoren:

„Besonders beeindruckend, im Laufe des Verfassens dieser Arbeit, war immer wieder die Erkenntnis, dass meine persönliche intuitive Einstellung zum Verhältnis Mensch – Gesellschaft sich weitestgehend mit der Ausformulierung der Grundprinzipien der Christlichen Soziallehre und –philosophie deckt. Ich habe meine Ansichten zum Großteil darin wieder gefunden.“ (Blümel 2009, 108)

  • Im Verlauf der Arbeit werden immer wieder antidemokratische und illiberale Äußerungen der der erläuterten Autoren zitiert. Diese werden jedoch nicht kritisch eingeordnet sondern unwidersprochen oder in affirmativer Weise wiedergegeben.

Wochenblick-Empfehlung zur Überprüfung durch Experten

Der Wochenblick empfiehlt dringend, Gernot Blümels Diplomarbeit „Der Personenbegriff in der Christlichen Soziallehre und -philosophie unter der besonderen Berücksichtigung von Vogelsang, Lugmayer und Messner“ der Universität Wien zur erneuten Prüfung vorzulegen. Aus unserer Sicht liegen darin schwere Mängel vor, die einer positiven Bewertung der Diplomarbeit entschieden widersprechen.

Der Wochenblick hat deswegen ein umfangreiches Dossier unserer Recherche zu Blümels Diplomarbeit an Plagiatsjäger Dr. Stefan Weber zur Unterstützung der weiteren Überprüfungen übermittelt.