Es sind doch nur Worte, oder?

Der Kampf um die Köpfe

Es sind doch nur Worte, oder?

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Inhalt

Im Anfang war das Wort… und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es Gott. Heute ist das Wort nur allzu menschlich. Es ist bei den Menschen angekommen und hat – so könnte man sagen – seine göttliche Reinheit und seine Unschuld schon lange verloren. Worte und Sprache sind zu Waffen geworden und bilden ein mächtiges Instrument der Herrschenden.

Von Matthias Hellner

Wer durch Worte – und auch Bilder – die Gedanken beherrscht, herrscht auch über die Köpfe. Denn viele Worte oder Dinge sind automatisch mit Assoziationen verbunden. Dabei werden schon unweigerlich und teilweise ohne, dass wir es wahrnehmen, positive oder negative Eigenschaften damit verknüpft oder eben eine bestimmte Erwartungshaltung geweckt. So müsste man nur jemanden als Parasit bezeichnen und sofort wäre er für die meisten Menschen, auch wenn sie ihn nicht kennen oder jemals von ihm gehört haben, abgestempelt und in einer bestimmten Schublade zugeordnet. Dass dies aber nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gruppen oder Klassen betreffen kann, zeigt sich etwa am Beispiel sowjetischer Propaganda. Parasit und Schmarotzer waren beliebte Schimpfwörter und Bezeichnungen für die Bourgeoisie, Kapitalisten und Ausbeuter. Ebenso auch ekelerregende Metaphern, so wenn Lenin etwa schrieb: „Zivilisation, Freiheit und Reichtum im Kapitalismus erinnern an einen voll gefressenen Reichen, der lebendig verfault und allem, was jung ist, nicht zu leben erlaubt.“ Ein altes, krankes, absterbendes und von Fäulnis betroffenes System, das dem Fortschritt des aufstrebenden Sowjet-Kommunismus im Wege stand und deshalb ausgemerzt und beseitigt werden musste.

“Wir” im Krieg gegen den Terror

Beispiele ließen sich noch viele weitere, auch aus anderen Diktaturen rund um den Globus finden. Aber wie effektiv derartige negative Konnotationen gegenüber einzelnen Gruppen sein können, zeigte auch der Kampf gegen die Kulaken (russ. Faust). Verstand man darunter ursprünglich zunächst wohlhabende Bauern, wurde der Begriff später auf alle selbstständigen Bauern ausgedehnt, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten. „Diese Blutegel saugten das Blut der Werktätigen und wurden umso reicher, je mehr der Arbeiter in den Städten und Fabriken hungerte. … Erbarmungsloser Krieg gegen diese Kulaken! Tod ihnen! Hass und Verachtung … Mit eiserner Faust müssen die Arbeiter die Aufstände der Kulaken niederschlagen, die mit fremdländischen Kapitalisten gegen die Werktätigen ihres Landes ein Bündnis schließen“, donnerte Lenin. Schließlich wurden sie erschossen, verhaftet, zusammengetrieben, nach Sibirien deportiert und verschwanden auf nimmer Wiedersehen im Gulag. Dass eine Hungersnot folgte, nun ja …
Gleichzeitig gilt es jedoch auch, die eigenen Anhänger zu sammeln und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu vermitteln und sie zugleich auf die „gemeinsamen“ Ziele einzuschwören. Diese sind immer klug, fortschrittlich usw., haben also ausschließlich positive Zuschreibungen. Dieses Sammeln der Amerikaner gelang etwa dem US-Präsidenten George W. Bush – um ein jüngeres Beispiel zu nehmen – nach den Anschlägen vom 11. September hervorragend. War zunächst von „Opfern“ der Anschläge die Rede, änderte sich die Kommunikation nach wenigen Stunden und es wurde von Regierungsseite von „Verlusten“ gesprochen, passend zum ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“, den fortan alle Amerikaner gemeinsam führen würden, sei es an der Front im Ausland oder auch daheim. Und in einem Krieg müssen alle Opfer bringen, weshalb die folgenden – für US-Verhältnisse fast einmaligen Einschränkungen und Überwachungsmechanismen akzeptiert wurden, um den gemeinsamen Feind zu bekämpfen und zu besiegen. Dies alles wurde im Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung weitgehend mitgetragen. Ebenso wie die Kriege im Irak, Afghanistan oder auch Libyen.

Kampfvokabular in der DDR

Ein Beispiel für besonderen Sprachgebrauch lieferte auch die DDR. Der 18-monatige Wehrdienst wurde zum Ehrendienst. Die Mauer, an der Tausende ihren Drang nach Freiheit mit dem Leben bezahlten, war der „antifaschistische Schutzwall“ – also auf den ersten Blick etwas Positives. Es wurden „Ernteschlachten“ geschlagen, um mit über 100-prozentiger Planerfüllung den Sozialismus voranzubringen. Besonders war auch das Vokabular des Ministeriums für Staatssicherheit, welches sogar über ein eigenes Wörterbuch verfügte. Der Politikwissenschafter Siegfried Suckut beschreibt dessen Inhalt wie folgt: „Das aus der kommunistischen Arbeiterbewegung tradierte ideologiegeprägte Kampfvokabular, die Intoleranz – von den Ideologen gern als ‚Parteilichkeit’ ins Positive gewendet –, die manichäische Weltsicht, die allein zwischen Freund und Feind unterscheidet, aber keine Zwischentöne kannte, die Vorliebe für militärische Ausdrücke und das aktivistische ‚Bewegungs’-Vokabular all das war zugleich typisch für die Sprache der SED […]“ So wurden etwa aus Spionen, Diversanten, Provokateure etc. wie sie die Gegenseite zuhauf hatte, „Kundschafter für den Frieden“, wenn sie der „richtigen“ Seite dienten.

Politische Korrektheit

Aber derartige positive oder euphemistische Bezeichnungen sind auch heute nicht fremd. So wenn man einen Schwangerschaftsabbruch bzw. eine Abtreibung als Schwangerschaftsunterbrechung bezeichnet, denn die „Unterbrechung“ ist sehr absolut. Ebenso seltsame Blüten trieb der Versuch, alles Religiöse aus dem Alltag des dem dialektischen Materialismus verpflichteten Staates zu verdrängen. Weihnachten wurde zur „Jahresendfeier“ – obwohl sich an diesen offiziellen Sprachgebrauch kaum jemand hielt. Und es gab auch „Jahresendflügelfiguren“ im Handel – gemeint waren Engel. Es erinnert dabei schon wieder an die EU, die erst kürzlich in einem internen Papier für Mitarbeiter erwog, Weihnachten und auch Maria und Josef aus dem offiziellen Gebrauch zu streichen, auch wenn die Gedanken dahinter anderen Ursprungs und sicherlich wieder auf einen Kniefall vor den immer mehr werdenden islamischen Zuwanderern zurückzuführen sind. Aber im Zuge der politischen Korrektheit wurden auch schon eine Vielzahl anderer Begriffe von der Liste des sag- und schreibbaren gestrichen.

Wintereinbrüche und Klima

Aber es lassen sich oft negative Dinge positiv umschreiben, um sie weniger hart wirken zu lassen oder eigene Versäumnisse zu bedecken. Statt Kriegsministerium heißt es Verteidigungsministerium, und das Recht zur Verteidigung hat schließlich jeder, auch wenn sie wie beim Kampf gegen den Terror recht präventiv geführt wird. Auch die jedes Jahr wiederkehrenden „plötzlichen, unerwarteten, überraschenden und heftigen Wintereinbrüche“ sind ein interessanter Aspekt. Denn wer mit dem Klima in hiesigen Breiten etwas vertraut ist, sollte im Dezember eher verwundert sein, wenn es nicht zu Schneefällen kommt, ungeachtet des vermeintlichen Klimawandels oder der Klimakatastrophe, Letzteres klingt auch gleich viel gefährlicher …

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