Es gibt keine seriösen Zahlen dazu, wie viele der „Corona-Toten“ vermeidbar wären. Politische Versäumnisse und Fehlentscheidungen gefährden inzwischen mehr Menschenleben als das Virus selbst. Hätte die Politik früher in dieser Krise ihre Hausaufgaben gemacht und sich einem intensiven Risikogruppenschutz gewidmet, statt flächendeckende und wirkungslose Lockdowns zu beschließen, könnten zahllose alte und vorerkrankte Patienten wohl noch leben.

Gerade weil die übergroße Mehrzahl der „an und mit“ Corona-Verstorbenen Heim- und Pflegebewohner sind, wirken sich fehlende Schutzkonzepte und Personalengpässe umso verheerender aus. Im hessischen Marburg sorgte gerade erst der öffentliche Hilfeschrei des Trägervereins des Seniorenheims „Haus Waldblick“ für Aufsehen: Weil 42 hochbetagte Heiminsassen Corona-positiv sind, wurde das gesamte Personal in Quarantäne geschickt – mit der Folge, dass die 42 Corona-infizierten, mitunter hochbetagten Bewohner auf sich alleine gestellt sind. Die Lokalpresse schreibt von „Bildern des Grauens, Szenen des Elends“, die man in der Dritten Welt, nicht aber in Mitteleuropa erwarten würde: Alte Menschen liegen alleingelassen und hilflos in ihren Betten – in ihren eigenen Fäkalien, oft stunden- und tagelang.

Quarantäne wichtiger als Behandlung todkranker Patienten

Dass die sture Befolgung der Quarantänebestimmungen wichtiger ist als die medizinische Versorgung jener, die schon an Corona erkrankt sind (oder aus anderen Gründen stationär behandelt werden), ist auch der eigentliche Hauptgrund für die Verknappung der intensivmedizinischen Kapazitäten: Auch in den Kliniken fehlt immer mehr Pflegepersonal durch hohe Kranken- und Quarantänestände – so dass in Deutschland weniger tatsächliche Intensivbetten belegt werden können, als eigentlich zur Verfügung stehen. Das Problem war bereits im Sommer wohlbekannt, doch nichts hat die Politik seitdem unternommen, um Abhilfe zu schaffen. Wenn es demnächst tatsächlich zu Triagen kommen sollte, dann sind nicht die (nach wie vor nur schwach steigenden) Covid-Patienten, sondern in erster Linie die erzwungenen Kapazitätsverringerungen Schuld.

Viele unnötige Tote durch zu frühe Beatmung

Zu diesen logistischen Fehlern im „Krisenmanagement“ der Politik kommt nun noch ein schwerwiegender medizinischer Vorwurf hinzu, den der renommierte Lungenarzt Professor Thomas Voshaar aus Moers erhebt, seines Zeichens Vorsitzender des Verbandes Pneumologischer Kliniken in Deutschland: Fast die Hälfte der Intensivpatienten werde viel zu früh intubiert und künstlich beatmet. Im Interview mit „Focus“ erklärt Voshaar: „Fakt ist, dass wir in Deutschland Covid-19-Patienten viel zu früh künstlich beatmen“. Die künstliche Beatmung sei zwar eine wichtige, lebensrettende Maßnahme für Schwerstkranke und Verletzte, die nicht mehr selbstständig atmen können. Bei etlichen Covid-19-Patienten bestünde aber überhaupt gar keine medizinische Indikation dafür. Die Folge sind zahlreiche vermeidbare Corona-Tote. (DM)