In der Süddeutschen Zeitung (SZ) erschien in diesen Tagen ein Kommentar von einem Autor, dessen Buchverfilmung „Sonnenallee“ weltbekannt wurde. Ausgerechnet Thomas Brussig, dessen Werke die DDR „aufarbeiten“ wollen, veröffentlichte den Text mit dem Titel „Mehr Diktatur wagen“ und zeigt damit wieder einmal, wie sehr er noch der Ostalgie verfallen ist. Dabei fällt ein weiteres Mal auf, dass Fantasien von ersichtlich Linken immer zum guten Ton zählten, wenn sie sich nach autoritären Systemen sehnen. Der angebliche Felix Baumgartner Sager von einer „gemäßigten Diktatur“ wurde hingegen weltweit zum Skandal hochgeschrieben.

Ein Kommentar von Alina Adair

Die Umkehrung von Willy Brandts berühmtem Zitat „Mehr Demokratie wagen“ passt zu Thomas Brussig, wie wohl zu keinem anderen Autoren. Brussig meint, dass Diktatur als Ausnahme genutzt werden sollte, um Demokratie zu stärken.

Seine Idee ist, dass wir in der Pandemie mehr Diktatur wagen sollten. Der DDR-affine Autor meint, sonst kriegen wir das nicht hin mit der Virusbekämpfung und das wäre das Schlechteste für die Demokratie überhaupt. Diktatur für Demokratie? Glaubt Brussig ernsthaft, dass eine Diktatur freiwillig einer Demokratie wieder weichen wird?

„Dass ausgerechnet die Corona-Leugner eine ‚Corona-Diktatur‘ heraufziehen sehen, sollte erst recht Grund sein, sie zu wollen. Die Leugner sind außerstande, die Gefahr durch das Virus einzuschätzen, aber sie ahnen, wie ihr beizukommen ist. Ist das Virus gebannt (wie schnell das gehen kann, machten Südkorea oder Singapur vor), kehren wir zurück zur geliebten Normalität. Dass uns die Pandemie in einen Ausnahmezustand versetzt, ist wörtlich zu nehmen. Der Regelzustand bleibt die Demokratie, mit ihren Freiheiten und Grundrechten.“

Über den Umweg Diktatur zur Demokratie?

Brussig sagt: „Einem Ausnahmezustand muss man mit Ausnahmeregeln beikommen.“

Er bezieht sich dabei auf die Querdenker, die zu einer Demokratie gehören sollten, da in einer Demokratie alle Meinungen als wichtig erachtet werden. Brussig jedoch sind die „Corona-Leugner“ offenbar ein Dorn im Auge, den man mit diktatorischen Mitteln beseitigen sollte. Der Autor, der selbst 1964 in Ost-Berlin geboren wurde und in der DDR aufgewachsen ist, beschreibt unsere Demokratie als ohnmächtig gegenüber „Corona-Leugnern“, mächtig hingegen wäre eine Diktatur.

„Die Corona-Krise ist auch bei sinkender Inzidenz eine Ohnmachtserfahrung geblieben. Trotz aller Beschränkungen des täglichen Lebens, trotz Impfbeginn ist ein Ende der Zumutungen nicht absehbar – obwohl es einige wenige Länder vermochten, das Virus auszuschalten. Die coronabedingte Ohnmachtserfahrung wurzelt darin, dass wir die Corona-Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen.

Dass ausgerechnet die Corona-Leugner eine ‚Corona-Diktatur‘ heraufziehen sehen, sollte erst recht Grund sein, sie zu wollen. Die Demokratie sollte ihre Rituale und Umständlichkeiten nicht so wichtig nehmen, ihrer Legitimität zuliebe.“

Der ein oder andere Leser mag sich vielleicht noch an den Film „Sonnenallee“ erinnern, der nach dem Roman von Thomas Brussig gedreht wurde. Im Mittelpunkt des Romans stehen ein paar Jugendliche, die in der Ost-Berliner Sonnenallee in den achtziger Jahren wohnen. Die Sonnenallee lag direkt an der Grenze zu West-Berlin, ein Teil der Straße befand sich im Westen, der kürzere Teil gehörte zu Ost-Berlin. Der Film strotzt vor Ostalgie, also liebevoller Verklärung der Zeit der DDR-Diktatur. Die Mangelwirtschaft wird eher beiläufig erwähnt, jedoch führt eine rote Linie durch die Geschichte des Romans und des Films – die Ablehnung alles Westlichen, insbesondere der Musik und des Lebensstils.

In einem Interview sagte Thomas Brussig über das Buch, das später unter dem Namen „Sonnenallee“ bekannt wurde, dass er die „Verklärung der DDR“ zeigen wollte, er hatte „den Vorsatz, mal ein richtig liebevolles, verklärendes Buch (über die DDR-Diktatur) zu schreiben.

Auf die Frage ob der Autor die DDR-Wirklichkeit nicht verharmlost, ob er nicht kritischer mit dem SED-Staat umspringen wollte oder konnte meinte Brussig schlichtweg, dass er das nicht für nötig hielt. Die reale DDR wollte er nicht darstellen, vielmehr seine schönen Erinnerungen an die Zeit aufleben lassen.

2008 ärgerte sich Brussig über die Schriftstellerin Christa Wolf, die in einem Interview sagte, ihr sei schon ’68 beim Einmarsch in die CSSR klar gewesen, dass die DDR keine Zukunft mehr hatte“.

Brussigs Antwort darauf war ein Romanheld, der eben an dem Punkt, an dem die Autorin Christa Wolf sagt, ab hier die DDR am Ende, geboren wird. Seine Beschreibungen der DDR träumen von einem Erfolgsmodell, obwohl es nachweislich scheiterte.

Schon mehrfach fiel der Autor Thomas Brussig auf, dass er ostalgische Töne anschlug, als wäre ihm die DDR lieber als die BRD gewesen.

Trotz des Mauerfalls lässt Thomas Brussig die DDR weiterleben, was sein Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ belegt, in dem er davon fantasiert: „Was wäre, wenn es die Mauer noch gäbe?“

In seiner fiktiven Autobiografie schwärmt der Autor gar in einer irrsinnigen Geschichte davon, dass die DDR wirtschaftlich dank einer „Elektrokratie“ überlebt. Er fühlte sich berufen, die „nicht stattgefundene Geschichte der DDR aufzuschreiben“. (AA)

 

Weitere Quellen:

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/interview-mit-thomas-brussig-in-der-ddr-hat-geld-keine-rolle-gespielt-1.2580427

https://www.tagesspiegel.de/kultur/thomas-brussigs-ddr-fantasie-die-breierne-zeit/11380976.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/neuer-roman-von-thomas-brussig-wenn-die-ddr-nie.950.de.html?dram:article_id=312034

https://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/autoren/552-brussig-thomas