Als einsame Schützen gegen die Überzahl des nahenden Gegners

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Furioses Feuergefecht an vorderster Front fordert uns:

Als einsame Schützen gegen die Überzahl des nahenden Gegners

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Nach unzähligen, mehr oder weniger ereignislosen Stunden in den Gefechtsstellungen musste ich mich diesmal an vorderster Front, weit weg vom halbwegs sicheren Zugsgefechtstand in das simulierte Stahlgewitter begeben. Als letzter Teil meines  Erlebnisberichts, im Anschluss an die Ausgaben 46/19 und 47/19, kommt es zu einem hektischen Gefecht gegen eine Übermacht aus dem Unterholz brechender Feinde.

3. Teil des Erlebnisberichts von Hartwig Eder

Feinde bekämpfen, Feuer frei

Vom Zugskommando kam nur eine Kenntnisnahme dieser Information und sonst Stille… Mit dem Sturmgewehr im Anschlag und leicht geduckter Haltung bewegten sich die Gegner auf uns zu. Wohlwissen, dass es nur eine Übung mit Platzpatronen ist, nahm die Anspannung merklich zu. Eine innere Unruhe machte sich breit und meine Fäuste schlossen sich fester um die Griffe meines Sturmgewehrs. So leise und vorsichtig wie nur möglich drückte ich den kleinen Sicherungsschieber am Griffstück meines Steyr AUGs durch.

Meine Waffe war nun entsichert, einen der beiden Nahsicherer, der sich nur noch weniger als 50 Meter von unserer Position befinden konnte, hatte ich schon im Visier. Jedes Gefühl von Müdigkeit war verschwunden, das Dauerfrösteln in meinen Zehen und Fingern war vollständig verschwunden. Reines Adrenalin durchströmte mich. Ich wollte jetzt wissen, was zu tun ist… Wieder gab mein Kamerad, der Wachtmeister einen, diesmal bedeutend leiseren aber bedeutend energischeren Funkspruch ab. „Wikinger 31, Feinde in Gruppenstärke. Sollen wir sie bekämpfen oder nicht?“ Auch ihm, diesem Mitte 40er, der schon die x-te Milizübung hinter sich hatte, war die Anspannung anzumerken. Jetzt war ein Befehl dringend nötig. Es war reines Glück, dass unsere Feinde uns bisher nicht bemerkt hatten. Kämen sie nicht zwei Schritte näher und würden sie das Feuer eröffnen, wäre unser Gefecht zu Ende, bevor wir irgend welche Wirkung erzielen konnten. Dann der Funkspruch vom Zugskommandanten „Feinde bekämpfen und zum Zugsgefechtstand absetzen. Feuer frei“. Ich blickte meinem Kameraden in die Augen: „Auf drei. Eins, zwei drei!“

Schüsse aus unseren beiden Sturmgewehren peitschten durch das kleine Wäldchen. Zuerst blickten unsere Gegner verdutzt umher, bevor sie sich in die Deckung fallen ließen: Wir hatten sie mit dem Überraschungsmoment erwischt. Auch die Nachhut unserer Feinde bezog nun eine Deckung und begann ebenfalls zu feuern. Immer mehr feindliche Soldaten quollen aus dem kleinen Wald auf der gegenüberliegenden Seite des von uns überwachten Weges. Mit Gruppenstärke hatten wir uns herzlich vertan… mindestens ein kompletter Zug brach hervor und feuerte auf uns. In einer Zangenbewegung versuchten unsere Feinde, uns zu umfassen – nun wurde uns klar, dass zumindest zwei Züge uns einzukesseln versuchten. Einer dieser Zangenarme scheiterte jedoch, als er im Sumpf stecken blieb und Kanonenfutter für unsere MG-Stellungen weiter oben wurde.

Viele Ausfälle

Alarmiert über die Einkesselungsversuche, den Befehl noch im Kopf, versuchte ich Stellung weiter hinten in Richtung Sicherheit zu beziehen und rannte los. „Zack, Zack, Zack, Zack, Zack“, die Schüsse hörten nicht mehr auf und sogleich deutete mir einer der Schiedsrichter für dieses Gefecht an, dass ich ausgefallen sei. Mein Kamerad kämpfte nun noch  ums simulierte Überleben – sowohl ihm als auch mir war jedoch klar, dass gegen diese Übermacht kein Sieg zu erringen war… eine kurze Zeit später deutete auch ihm ein Schiedsrichter sein Ende an. Immerhin konnten wie zu zweit eineinhalb Gruppen des Feindes, etwa ein Dutzend Soldaten, ausschalten. Das Gefecht wogte noch kurze Zeit hin und her bis eine Steilfeueranforderung unserer Kameraden einem weiteren Zug unserer Feinde den Garaus machte.

Ein Hauch von Rambo

Die Reste der versprengten feindlichen Gruppen zogen rasch nach Osten ab, weit weg aus dem Feuerbereich unserer Maschinengewehre. Nun hieß es wieder warten, wir waren ja offiziell nicht mehr unter den Lebenden. Auf Funksprüche aus dem Zugskommando durften wir nicht reagieren, so blieben wir sitzen und nutzten die Zeit noch für einen Plausch mit einem ebenfalls ausgefallenen Soldaten unserer Feinde vom Jägerbataillon 17 aus der Steiermark. Wir tauschten uns, obgleich wir uns zehn Minuten zuvor noch beschossen hatten, freundschaftlich über die Erfahrungen der letzten Woche, Ausrüstung und Lageinformationen aus. So erfuhren wir auch, dass unser B-Posten-Angriff eine reine Kamikaze-Aktion war, da uns zuvor nicht ein Zug sondern eine ganze verstärkte Kompanie im Gefecht gegenüber stand. Ein Umstand, über den wir mit einem Hauch von Rambo-Charme schmunzeln mussten – wiewohl mir dennoch durch den Kopf geisterte, dass in einem echten Gefecht jetzt vorgeschriebene Abschiedsbriefe auf dem Weg zu unseren Liebsten wären. Ein bitterer Beigeschmack, der einen Demut vor der Geschichte lehrt und Respekt vor alljenen, die ihr Leben aufs Spiel setzen um andere zu schützen.

Lagerfeuerromantik

Nach weiteren Stunden des Wartens, ob vielleicht noch ein erneuter Angriff des Feindes anstehen könnte, hieß es dann schlussendlich „Übungsende für Teile Miliz“. Nun war es überstanden. Endloses Warten in Kälte und Nebel hatte endlich ein Ende gefunden. Der Rest des Tages besteht aus Zeltabbau, Hülsensammeln, Rückverlegung, Reinigung von Waffen und Gerät und spätabends, nach der finalen Nachbesprechung, die Erfüllung eines alten Milizklischees: Kaltes Bier. Ein Ritual, das ähnlich wie zusammen stundenlang im Matsch liegen und dieselben Strapazen erdulden, eine innige Kameradschaft stärkt. Revue passieren lassen der Übung, Austausch über Arbeit und Privatleben und endlich abschalten… Trotz Neonleuchtröhren und Kantinenmobiliar kam irgendwie eine Lagerfeuerromantik auf und bis spät in die Nacht blieb ich noch mit den hartgesottensten Hopfenverehrern sitzen. Mittwochs war dann endgültig Schluss… Medaillen und Beförderungen, persönliche Abschiedsworte vom Bataillonskommandanten und die Rückverlegung nach Amstetten nahmen noch den ganzen Tag in Anspruch. Als sich unsere Milizkompanie am Ende des Tages wieder zerstreute, verabschiedete man sich einander freudig mit einem „Bis in drei Jahre dann“ – wohlwissend, dass selbst nach so langer Zeit der Spaß und die Kameradschaft wieder dieselben sein werden, als ob man gerade aus dem Grundwehrdienst kommt oder schon jahrelang gemeinsam gedient hätte…

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