Angriff auf Nord Stream: Wer hat Europas Erdgasversorgung gesprengt?

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Angriff auf Nord Stream: Wer hat Europas Erdgasversorgung gesprengt?

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Inhalt

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Im Jahr 2019 betrug laut einem Informationsblatt des europäischen Parlaments der Anteil russischen Erdgases an der europäischen Gasversorgung 47 Prozent. 16 Prozent des Gases wurde durch die Nord Stream 1 geleitet, Nord Stream 2 hätte diese Kapazität verdoppelt. Am 7. Februar 2022 erklärte US-Präsident Joe Biden auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus „We will bring an end to it (NordStream2). We will be able to do it.“ Wir werden Nord Stream 2 ein Ende bereiten. Wir haben die Mittel, es zu tun. Am Montag, dem 26. September 2022, registrierten laut dem schwedischen Sender SVT über 30 seismische Messstationen in Dänemark und Schweden schwere Explosionen um 02:03 und 19:04 nahe der Insel Bornholm.

Ein Gastkommentar von Chris Veber

Laut Björn Lund, dem außerordentlichen Professor für Seismologie und Direktor des Schwedischen Nationalen Seismischen Netzwerks, entsprach die Sprengkraft der Explosionen mindestens 100KG TNT, wahrscheinlich mehr. „Man kann deutlich sehen, wie die Wellen vom Grund an die Oberfläche springen. Es war zweifellos eine Explosion.“ sagte Lund dem Sender SVT. Infolge dieser Explosionen kam es zu einer Zerstörung beider Nord Stream Pipelines. Laut einer Aussendung der Nord Stream AG vom 27. September ist nicht abzusehen, wie lange eine Wiederinstandsetzung der Pipelines dauert. „Currently, it is not possible to estimate a timeframe for restoring the gas transport infrastructure.“ (Derzeit ist es nicht möglich, einen Zeitrahmen für die Wiederherstellung der Gastransportinfrastruktur abzuschätzen.)

Ein Zufall ist unwahrscheinlich

Morten Kaus, der Pressechef des Dänischen Verteidigungsministeriums schreibt am 27. September auf meine Anfrage, dass drei Schäden an den Pipelines gefunden wurden, zwei Schäden an Nord Stream 1 und ein Schaden an Nord Stream 2. Die Schäden liegen nordöstlich bzw. südöstlich der Insel Bornholm. (Dort ist das Wasser laut dem Verteidigungsanalysten H. Sutton 70m tief, was Taucheinsätze möglich machen würde). Der Pressechef des Dänischen Verteidigungsministeriums schreibt weiter, es sei schwer vorstellbar, dass diese Vorfälle Zufall seien. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es Vorsatz war. „It is too early to make any conclusions on the causes of the incidents. But at the same time it is hard to imagine this to be pure coincidence. At this point we can’t rule out that this is a deliberate action.” (Es ist noch zu früh, um Schlussfolgerungen über die Ursachen der Vorfälle zu ziehen. Gleichzeitig ist es aber schwer vorstellbar, dass es sich um einen reinen Zufall handelt. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht ausschließen, dass es sich um eine absichtliche Aktion handelt.)

Mainstream verbreitet Russland-Theorie

In der diplomatischen Sprache des Ministerium heißt dass, die es ist anzunehmen, dass die Leitungen absichtlich gesprengt wurden. Wir können es also als gesichert betrachten, dass die Nord Stream Pipelines mit Vorsatz durch massivste Explosionen zerstört wurden, infolge derer sich an der Meeresoberfläche ein Gasaustrittskreis von mehr als einem Kilometer Durchmesser gebildet hat. Durch die nötige Sprengkraft und die Lage in 70m Tiefe kann ausgeschlossen werden, dass es “private” Terroristen waren, seien es Islamisten oder Fridays for Future Aktivisten. Nur Staaten haben die Mittel, einen solchen Anschlag durch zu führen. In den unseren Regierung nahestehenden Medien wird davon ausgegangen, dass Russland die eigenen Leitungen (Gasprom ist Anteilseigner der Nord Stream) gesprengt hat. Eine Theorie lautet, es wollte damit beweisen, dass es jederzeit kritische Infrastruktur treffen könne. Dann stellt sich aber die Frage, warum steht Russland nicht zum Angriff, wenn es seine Fähigkeiten demonstrieren wollte? Und warum hat es stattdessen nicht die brandneue Baltische Pipeline zwischen Norwegen und Polen zerstört, statt seiner eigenen Leitungen? Damit wäre den russischen Interessen wesentlich besser gedient gewesen. Eine andere Erklärung in den ÖRR ist, Russland wollte Europa durch den Gasentzug schaden. Das hätten die Russen auch billiger haben können und einfach den Gasfluss abgedreht.

Putin ist nicht dumm

Damit hätte sich Russland auch die Option offengelassen, im Zuge der sich verschärfenden europäischen Energiekrise den Gashahn als Belohnung für Wohlverhalten wieder aufzudrehen. “Olaf, hier Wladimir. Ich sehe, Deine Bevölkerung steht vor Deinem Kanzleramt. Beende die Sanktionen, stoppe die Waffenlieferungen und Du hast wieder Strom und Wärme.” Wenn Russland Nord Stream gesprengt hat, hätte es seine eigenen Optionen eingeschränkt. Putin mag vieles sein, aber er ist nicht dumm. Und Russland hat Europa bis zur Verhängung der Wirtschaftssanktionen jahrzehntelang verlässlich mit Gas versorgt. Kalter Krieg, Ungarn Aufstand, Zerfall der UDSSR, das Gas floss. Gegen die Russland Theorie spricht auch, dass die Baltische See großteils sehr gut überwachtes NATO Territorium ist, gerade ging ein großes gemeinsames Flottenmanöver unter US Beteiligung zu Ende. Bornholm liegt zwischen den NATO Mitgliedern Polen und Dänemark. Ich gehe davon aus, dass jede russische Bewegung in Kaliningrad von Polen mit Argusaugen beobachtet wird. Jede andere russische Einheit hätte den weiten Weg vom Ende des finnischen Meerbusens antreten müssen. Möglich, aber riskant.

Größter Nutznießer sind USA

Wer hingegen Mittel und Motiv hat, sind die USA und die NATO unter ihrer Leitmacht USA. Lassen wir beiseite, dass Biden explizit das Ende von Nord Stream angekündigt hat. Es liegt im Interesse der USA, Europa mehr teures Flüssiggas zu verkaufen, wie auch die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice in einem N24-Interview 2015 gesagt hat. Europa solle sich mehr auf die “enormen Öl und Gasvorkommen in Nordamerika” stützen. Unter normalen Umständen wäre amerikanisches Flüssiggas nicht wettbewerbsfähig gegenüber billigem russischen Erdgas. Weiters gewinnt die amerikanische Industrie an Wettbewerbsfähigkeit, wenn der Zugang der europäischen, besonders der deutschen Konkurrenz zu billigem Erdgas und damit billiger Energie abgeschnitten wird. Und es wird für Unternehmen attraktiver, sich in den USA anzusiedeln. Das schafft und sichert amerikanische Arbeitsplätze, Gewinne und Steuern.

NATO-Angriff auf verbündete Staaten?

Es wäre für die USA oder andere NATO-Streitkräfte auch kein Problem, einen Angriff auf Nord Stream in ihren eigenen Gewässern durchzuführen, oder ukrainischen Kräften freie Passage zur Durchführung zu gewähren. Aber ich weiß nicht, ob andere NATO-Partner, wie zum Beispiel Polen, zu einem direkten Angriff auf Europas, vor allem Deutschlands, Energieinfrastruktur bereit wären. Oder ob die ukrainischen Streitkräfte dazu in der Lage wären. Auffällig ist auch, dass der Anschlag nicht in russischen Territorialgewässern durchgeführt wurde. Wahrscheinlich hatte der Täter Angst, mit einem Angriff auf russisches Eigentum auf russischem Boden eine rote Linie zu überschreiten. Jedenfalls bleiben Russland jetzt nur noch Pipelines nach Europa, die durch Polen (Jamal) oder die Ukraine führen, womit Russlands mögliche Gaslieferungen nach Europa unter Kontrolle der NATO bzw. der Ukraine stehen. Aus diesen Gründen habe ich den Sprechern von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, US-Präsident Joe Biden und der US-Marine die Frage gestellt, ob sie die Involvierung von NATO-Streitkräften oder von der NATO unterstützten Streitkräften in die Zerstörung der Nord Stream Pipelines ausschließen können. Bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten. Wobei, auch Schweigen ist eine Antwort.

Ockhams Rasiermesser

Es gibt in der Wissenschaftstheorie und Philosophie ein einfaches Prinzip, das auf Wilhelm von Ockham zurückgeführt wird. Von mehreren möglichen Erklärungen ist die einfachste und logischste Lösung allen anderen vorzuziehen. Wir können also sehr gewundene Erklärungen dafür finden, warum Russland seine eigenen Leitungen und seine Handlungsoptionen gesprengt haben sollte. Oder wir sehen einer unangenehmen Wahrheit ins Auge. “Staaten haben keine Freunde, nur Interessen” (Charles de Gaulle). Folgen wir Ockham, ist mit größter Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass unsere transatlantischen Freunde unsere Energieversorgung sabotiert haben.

Selbstschutz und Unabhängigkeit

Wir sollten daraus zwei Schlüsse ziehen. Europa muss alleine verteidigungsfähig werden. Ohne uns immer auf die USA zu verlassen. Wir müssen uns und unsere lebenswichtige Infrastruktur alleine verteidigen und jeden Aggressor abschrecken können. Und wir müssen die Versorgung Europas mit Energie und Rohstoffen absichern. Das erfordert eine Diversifizierung der Energieversorgung unter Berücksichtigung moderner Atomkraftwerke auf Flüssigsalzbasis sowie eine Absicherung der Transportrouten von Energie und Rohstoffen gegen Anschläge. Auch sollten wir es den Chinesen gleich tun und die Rohstoffversorgung langfristig absichern. Solange Joe Biden nicht im Fernsehen bestätigt, die USA haben den Angriff auf Nord Stream durchgeführt, wird wahrscheinlich nie geklärt werden, wer die Pipelines zerstört hat. Aber wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass in einer Welt, in der de facto das Recht des Stärkeren gilt, Schwäche keine gute Option ist.

Chris Veber ist Ex-Philosoph, Ex-Grüner, Unternehmer und freier Journalist. Er bloggt auf chrisveber.blogspot.com.

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