Sind die Blutspender wichtiger als “Leben retten”?

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Zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit

Sind die Blutspender wichtiger als “Leben retten”?

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Nach langem Gezeter einigte sich Türkis-Grün nun auf einen Kompromiss: Wer drei Mal in drei Monaten den Sexualpartner wechselte, soll drei Monate von der Blutspende ausgeschlossen sein. Eine Regelung, die wenig Sinn ergibt. Denn das diagnostische Fenster zwischen der Infektion mit HIV und der Nachweisbarkeit im Blut beträgt neun Tage. Da hätte man sich lieber auf diesen Zeitraum konzentriert, wie Infektionsfälle aus der Vergangenheit zeigen. Zumindest, wenn es um das oft bediente “Blut spenden rettet Leben” ginge. Doch wie die Debatte darum zeigt, ist der Fokus darauf längst in den Hintergrund gerückt. Viel mehr geht es mittlerweile um die Gefühle der Spender. Und das kann fatale Folgen haben.

Unsere Gesellschaft, in der sich immer mehr um die Diskriminierung von irgendwem durch irgendwas dreht, vergessen wir zunehmend lang überlegte, erprobte Konzepte. Der Sinn weicht zunehmend dem Unsinn, die Selbstbesessenheit dem Gemeinwohl. Galt es früher noch, Blut zu spenden, um Leben zu retten, steht heute der Spender im Vordergrund. Das zeigt die Debatte rund um die Blutspende für Homosexuelle.

“Lebensretter” mit Selbstauszeichnung in den Sozialen Medien

Es ist kein Geheimnis, dass viele nicht rein aus dem guten Willen andere Leben zu retten, Blut spenden. Der Befund, den man bei der Blutspende erhält, verrät vieles über den eigenen Gesundheitszustand. Angefangen von der Blutgruppe bis hin zum Status von HIV, Hepatitis A, B, C oder etwa Syphilis. Überweisungen und Testkosten fallen einfach weg. Und vor allem jede mögliche Scham: Anstatt sich möglicherweise als unangenehm empfundenen Arztgesprächen auszusetzen, kann sich der Blutspender als “Lebensretter” rühmen.  Es gibt sogar Abzeichen für Profilbilder in Sozialen Medien dafür. 

Gratis-Gesundheitsstatus statt 80 Euro alleine für HIV-Test

Lange war diese Verdrehung vom eigenen Nutzen hin zur Rettung eines unbekannten anderen – die natürlich nicht auf alle Blutspender zutrifft – ein Phänomen, das keiner näher betrachtete. Denn der Kompromiss stellt doch tatsächlich eine Win-Win-Situation für Spender und Spendenempfänger dar. Doch die Vorzüge für den Spender traten gesellschaftlich offensichtlich dermaßen in den Vordergrund, dass der Empfänger heute nur noch eine Nebenrolle spielt. Nur so konnte es so weit kommen, dass sich Menschen durch den Ausschluss von der Blutspende derart benachteiligt fühlten, dass von einer Diskriminierung die Rede war.

Denn dass Schwule und Bisexuelle bisher vom Blutspenden ausgeschlossen waren, störte viele von ihnen aus diesen verständlichen Gründen. Der Gratis-Gesundheitsstatus fiel für sie flach. HIV-PCR-Tests kosten immerhin bis zu 80 Euro. 

Paradigmen-Wechsel: LGBTIQ-Sprecher verkehrte Risikoüberlegungen zu “Diskriminierung”

2020 brach Yannick Shetty, der “LGBTIQ-Sprecher” der Neos, eine politische Debatte vom Zaun. Es sei “höchst diskriminierend”, wenn Männer, die mit Männern schlafen, keine Blutspende leisten dürften. Damit verklärte Shetty, obwohl er es besser wissen müsste, dass es stets rational-medizinische Gründe und keine politisch-weltanschaulichen waren, die Schwule von der Blutspende ausschlossen. Man stellte eben den Spendenempfänger in den Vordergrund und suchte Wege, das Risiko einer fatalen Infektion für jene Menschen, deren Leben oftmals von der Blutspende abhängt, möglichst gering zu halten. Also für jene, für die sich Blutspender angeblich die hübschen Abzeichen in ihr Profilbild hängen. 

Homosexuelle: Häufiger HIV-Positiv

Doch das Risiko einer HIV-Infektion ist bei Männern mit Homosexualverhalten statistisch betrachtet – neben Drogenkonsumenten und Prostituierten, die ebenso vom Spenden ausgeschlossen sind – ungleich höher als in jeder anderen Bevölkerungsgruppe. Das ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass das HIV-Übertragungsrisiko bei Analsex wesentlich höher liegt, als bei anderen Sexualpraktiken. Andererseits wechseln homosexuelle Männer durchschnittlich häufiger den Sexualpartner als Heterosexuelle. Selbst, wenn Sie einen monogam-lebenden, schwulen Mann nach dem Sexualverhalten in seinem schwulen Freundeskreis fragen, wird er Ihnen wohl schildern, dass er eher eine Ausnahme darstellt. 

Gruppensex-Orgien und gezielte HIV-Infektionen

Gruppensexorgien, bei denen Designerdrogen konsumiert werden, lassen Hemmungen fallen und sind ein wesentlicher Teil der Community.

So schilderte mitunter Christoph Eisenschink vor zwei Jahren im “GQ-Magazin“:

Überhaupt müssen wir uns in der schwulen Community über Chemsex, wie Sex auf Drogen in der Szene genannt wird, unterhalten. Das Phänomen gibt es auch bei Heterosexuellen, aber es ist nicht zu leugnen, dass Gruppensex-Partys, bei denen Betäubungsmittel konsumiert werden, eine Erscheinung sind, die vor allem bei homosexuellen Männern verbreitet ist.

In den letzten Jahren machten Schlagzeilen von einem Sexparty-Trend, bei dem sich schwule Männer absichtlich mit HIV infizieren, unter dem Schlagwort “Pozzing” die Runde. Manchen gebe das einen “sexuellen Kick”, andere würden sich infizieren, um es hinter sich zu bringen und weil sie den Moment für die Infektion selbst wählen wollten. Oder weil der Partner HIV-Positiv ist und weil es irgendwann sowieso so weit sein würde, wie eine Reportage in “Welt” nachzeichnet. Darin wird ein “Pozzer”, der andere auf Wunsch gezielt mit HIV infiziert, beschrieben.

Als es das erste Mal passiert, sucht Peter* sein bestes Hemd raus. Er wäscht und parfümiert sich, rasiert seinen Körper. Er legt das “Spielzeug” zurecht: Masken, Fesseln. Er packt alles in eine Tasche. Bevor er das Zimmer verlässt, zögert er kurz, atmet noch einmal ein, noch einmal aus. Dann geht er. Drei Stunden später hat Peter einen Menschen mit HIV infiziert. An diesem Abend wird er sich “wie Gott” fühlen und mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Im Internet hat Peter eine Anzeige geschaltet: “Hengst mit hoher VL pozzt dich.”

Infektionen durch kontaminierte Blutspenden auch heute noch in Österreich

“Aber das Blut wird doch eh untersucht!”, heißt es oft, wenn man die Liberalisierung der Blutspende für alle kritisiert. Nur ist das eben nicht so einfach. Denn auch die umfangreichen Testverfahren scheitern oftmals an falschen Angaben und am “diagnostischen Fenster”.

2019, Kärnten: Malaria. Eine 59-Jährige reiste 2019 nach Uganda, um dort drei Wochen bei einem Hilfsprojekt Gutes zu tun. Kurz nach ihrer Rückkehr in Kärnten ging die Frau guten Glaubens zur Blutspende. Im Unwissen darüber, dass sie sich dort mit Malaria infiziert hatte, wie sie später im Gerichtsprozess beteuern sollte. Die Symptome traten erst später ein und brachten sie selbst ins Krankenhaus. Zwischenzeitlich wurde die verseuchte Blutkonserve bereits einer 84-Jährigen Frau im Zuge einer Hüft-Operation verabreicht.

Diese konnte sich ihrer neuen Hüfte nicht mehr erfreuen, denn sie erkrankte schwer an Malaria und verstarb wenig später an der Krankheit. Weil die Kärntnerin wahrheitswidrige Angaben beim Blutspende-Fragebogen gemacht hatte, wurde ihr Blut nicht auf die exotische Krankheit untersucht und die 59-Jährige zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Richter erklärte hierzu: “Die Fragebögen liegen nicht zum Spaß auf, sondern damit potenziell Erkrankte ausgeschlossen werden können.”

HIV: Diagnostisches Fenster von neun Tagen

2013, Wien: HIV. Ein Mann infizierte sich wohl zu Neujahr mit HIV. Er wusste offenbar noch nichts von seiner Erkrankung und ging am 10. Jänner zur Blutspende. Wenige Tage später durfte er sich über seinen Befund mit negativem HIV-Ergebnis freuen. Doch die Freude dürfte ihm später wohl ähnlich vergangen sein, wie der Empfängerin der damit verunreinigten Blutkonserve. Ende Jänner wurde die Wienerin im Hitzinger Spital wegen einer Magenblutung operiert. Bei der Operation erhielt sie mit dem Spenderblut auch HIV.

In der Nachverfolgung stellte sich heraus, dass auch der Spender nun positiv war. Doch wie kam es zum negativen PCR-Test auf HIV der auch bei der kontaminierten Blutspende durchgeführt wurde? Es liege ein “diagnostisches Fenster” zwischen Ansteckung und Nachweisbarkeit bei der HIV-Infektion vor. Dieses betrage etwa neun Tage. 

Nur verantwortungsbewusstes Spenden rettet Leben

Das Blutspendezentrum konnte die Erkrankung also gar nicht ermitteln. Zur Sicherheit der Spendenempfänger und um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten, wird beim Blutspenden auf Ausschlussgründe aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten gesetzt. Und nicht aus Gründen der Diskriminierung. Deswegen ist es auch wichtig, beim Blutspenden ehrlich zu sein und richtige Angaben zu machen, um das Restrisiko so klein wie möglich zu halten. Es ist nicht wichtig, ob man die Absicht hat, das Leben eines anderen zu retten. Doch zumindest sollte man nicht billigend in Kauf nehmen, ein anderes aus Egoismus oder Verantwortungslosigkeit zu zerstören.

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