Es fällt dieser Tage schon ziemlich schwer, bei all den Hashtag-Empörungen wie #metoo oder #metwo oder #wirsindmehr in sozialen Netzwerken noch den Überblick zu behalten. Oft ist man erst nicht ganz sicher, ob die Betroffenen nun vielleicht im vollen Bus am Oberarm berührt, oder – fast noch schlimmer – von einem Fremden angelächelt wurden.

Ein Kommentar von Rene Rabeder

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Schweigen über Migranten-Opfer

Oder ob sie – mutmaßlich wegen ihrer ethnischen Herkunft – gar den Fahrausweis vorzeigen mussten. Sieht man sich diese „Gruppenumarmungen“ im Netz einmal an, kommt man rasch zu der deprimierenden Erkenntnis, dass wir heute in einer völligen Opfergesellschaft leben.

Es ist beinahe schon unangenehm, wenn man selbst keine herzzerreißende Geschichte über am eigenen Leib erlebte Alltagsdiskriminierung auf Lager hat, die man sich im virtuellen Sitzkreis von der Leber schreiben kann. Liest man sich all diese Geschichten durch, sucht man eine Gruppe jedoch vergebens. Nämlich all die Opfer, die keinen Hashtag mehr haben: Die Erstochenen. Die Erwürgten. Die mit Eisenstangen Erschlagenen. Die von Lieferwagen Überrollten. Die von Nagelbomben Zerfetzten. Die #wirsindnichtmehr

Instrumentalisierte Opfer

In einer Gesellschaft, in der gesunde und unversehrte Menschen in der Überzeugung leben, ihnen stünde Mitleid und Aufmerksamkeit zu, ist kein Platz für echte Opfer. Viel schlimmer noch: Wahre Opfer werden sofort marginalisiert und für den eigenen Opferkult instrumentalisiert. Getreu nach dem Motto „Du bist vielleicht tot, aber #wirsindmehr“.