Wenn sich das Bundesheer auf dem Wiener Heldenplatz mit seiner Leistungsschau geriert, dann weiß man auch im hintersten Winkel Österreichs: Es ist Nationalfeiertag! Das Militärspektakel gehört schon seit Jahren so fest zum 26. Oktober wie früher die obligatorisch gewesenen Fitnessmärsche. Nun befürchten unsere Landsleute, dass auch die Bundesheer-Show am Nationalfeiertag bald Geschichte sein könnte – auch ohne Corona!

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

„Heute feiern wir den Tag unserer Fahne“, sagte die Frau Lehrerin und blickte in mehr als dreißig erwartungsvoll dreinschauende Augenpaare von Buben der 1. Klasse in der Welser Volksschule an der Herrengasse. Denn am Ende des heutigen Tages, so dozierte die Pädagogin nicht ohne Freude, würden die Besatzungssoldaten unser Land verlassen haben.

„Welche Besatzungssoldaten meint sie?“, fragte ich mich, der einer von jenen dreißig ABC-Schützen war, die am 25. Oktober 1955 die Schulbank drückten und die noch nicht so recht wussten, was alles auf sie zukommen würde. Erst im September waren wir eingeschult worden, und nun schauten wir der Frau Lehrerin zu, wie sie eine rot-weiß-rote Fahne auf die Tafel malte.

Neuralitätsbekundung

Dabei wurde sie auch von ihrem Chef „beobachtet“, dem damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel (ÖVP), dessen fotografiertes Konterfei gerahmt auf einer Wand im Klassenzimmer hing. Neben Drimmel hing noch das Foto eines bärtigen Mannes, der unser Bundespräsident Theodor Körner sei, wie die Lehrerin erklärte.

Was sie nicht sagte, ich mir aber Jahre später erlesen würde, war die Tatsache, dass es eben jener Unterrichtsminister Drimmel war, der die Lehrerschaft kurz zuvor aufgefordert hatte, mit ihren Schülern den „Tag der Flagge“ zu feiern und ihnen auch die Bedeutung des Truppenabzugs der Besatzungsmächte klar zu machen.

Dieser Truppenabzug war die Folge des im Mai 1955 unterzeichneten Staatsvertrags, demzufolge alle Soldaten der Alliierten das Land binnen 90 Tagen zu verlassen hätten. Ins Land gekommen waren die fremden Heere von Amerikanern, Russen, Franzosen und Engländern mit Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945. Ab dem 26. Oktober 1955 war Österreich wieder ein tatsächlich freies Land und ein souveräner Staat.

Fitmärsche statt Inhalt

Aus diesem Grund beschloss der Ministerrat im September 1956 auch, dem Antrag Drimmels stattzugeben und den „Tag der österreichischen Fahne“ künftighin alljährlich am 26. Oktober zu begehen. Die Regierung wollte damit vor allem auf ihre Neutralitätserklärung verweisen und nicht auf den Abzug des letzten Besatzungssoldaten wie im Jahr zuvor.

Dabei hatten die Politiker die Neutralität ursprünglich gar nicht haben wollen, erläutert der Historiker Wolfgang Weber: Sie sei kein Wert gewesen, weder bei der Politik noch bei der Bevölkerung, vielmehr sei sie dem Land von den Besatzern oktroyiert worden.
Zehn Jahre später wurde der „Tag der Fahne“ für immer und ewig zum Nationalfeiertag erklärt, der ab 1967 auch noch schul- und arbeitsfrei war.

Allerdings schien danach niemand so recht zu wissen, wie man diesen Tag angemessen feiern sollte, erinnern sich viele Landsleute. Dabei hätte dieser 26. Oktober eigentlich der Anlass dafür sein können und müssen, darüber nachzudenken, was Österreich ist, warum es das Land gibt und wo es hingehen soll, jedenfalls nach Ansicht von Historikern. „Wirklich funktioniert hat das aber nicht“, sagt Weber. Vielmehr sei dieser Tag von der Politik kaum mit Inhalten gefüllt worden.

Damals war gerade eine Fitnesshysterie über Österreich hereingebrochen, vielleicht auch forciert durch die via ORF offerierten Radio-Fitnessübungen mit Ilse Buck, die als „Vorturnerin der Nation“ bezeichnet wurde. Daher sprangen die Regierenden auf diesen Trend auf.

„Fit mach mit“ war an den Nationalfeiertagen in aller Munde und Sportverbände allerorten organisierten freudig Fitnessmärsche mit Massenbeteiligungen.

Stolz durch Sporterfolg

Am Nationalfeiertag des Jahres 1969 verfiel auch ich als 20-Jähriger dieser Hysterie und beteiligte mich mit meinem Jugendfreund Axel Barthou an einem Fitness-Marsch in Pichl bei Wels. Axel war damals gerade auf dem Sprung in die Militärakademie und ich zum Jagdkommando, wo ich genau zwei Jahre später, am 26. Oktober 1971, in meinem Garnisonsort Hainburg mit meinen Ranger-Kameraden den von uns dort miterrichteten, neuen Fitnessparcours am Fuß des Braunsbergs eröffnete.

Man trimmte sich natürlich auch in dem kleinen Donauort am Staatsfeiertag. Vier Jahre später würden die Fitmärsche am Nationalfeiertag mit 450.000 Teilnehmern in ganz Österreich ihren Höhepunkt erreichen.

Zugpferd Militär

Der Sport der Österreicher, vor allem die Erfolge ihrer Spitzensportler, sollte unseren Landsleuten schließlich zu jenem Nationalstolz verhelfen, den man in den Tagen des Staatsvertrages noch vermisste. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung habe sich damals noch als deutsch empfunden, sagt der Historiker Weber, was sich ab den 1970er-Jahren änderte.

Nicht nur ich erinnere mich noch gut an die Bilder von der bejubelten Rückkehr des Skifahrers Karl Schranz, der 1972 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden war, oder an die Renn-Triumphe Niki Laudas, der bald nur noch „Niki Nationale“ hieß. Diese Sieges- und Jubel-Bilder haben sich nachhaltig ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und ihren Beitrag zur Bildung einer österreichischen Identität geleistet, konstatieren die Historiker.

Die Politik hätte dies jedenfalls nicht geschafft, trotz oder gerade wegen einiger dilettantischer Versuche. Dennoch, so heißt es, sei das Wissen über die Grundlage des 26. Oktobers in den letzten Jahren gestiegen. 84 Prozent der Österreicher, vor allem die Älteren, sollen einer Umfrage zufolge die Bedeutung dieses Datums heute kennen. Bei den Unter-30-Jährigen sei jedoch die Unkenntnis nach wie vor groß, auch wenn durch die Leistungsschauen des Bundesheeres in der Vergangenheit so manche Wissenslücke über die Entstehung des Nationalfeiertages geschlossen wurde.

Das Militär, das sich nun schon seit 1995 sehr spektakulär auf dem Wiener Heldenplatz präsentierte, konnte das Interesse am Nationalfeiertag wecken, ist der ehemalige Wiener Militärkommandant Karl Semlitsch überzeugt. Denn als die Fitmarschwelle Ende der 1990er-Jahre abgeebbt war, packte er die Gelegenheit beim Schopf und verhalft dem Bundesheer mit der Leistungsschau zu einer beeindruckenden Präsentationsplattform.

Diese erlangte von Jahr zu Jahr mehr Zuspruch und wurde bald genauso gestürmt wie davor Fitmarschstrecken und Fitnessparcours. Semlitsch hatte begriffen, dass man der Öffentlichkeit ein Spektakel bieten musste. Zehn Jahre lang war der Generalmajor der erfolgreiche „Intendant“ dieser Leistungsschau, die 2005 erstmals die Zuschauerzahl von einer Million Besuchern knackte.

Kaputtsparorgien diverser rot-schwarzer Verteidigungsminister sowie die Corona-Maßnahmen könnten jedoch auch diesem letzten „Nationalfeiertag-Symbol“ bald den Todesstoß versetzen.