Es war vorhersehbar, dass es in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft zu Konflikten und Auseinandersetzungen kommen wird. Besonders der Wissenschaftszweig der menschlichen Verhaltensforschung hat dies im Detail vorausgesagt. Doch leider blieben diese Prognosen unberücksichtigt.

Eine Analyse der Wochenblick-Redaktion

„Es ist doch durchaus gebräuchlich, dass Politiker sich zum Beispiel von Wirtschaftswissenschaftlern in wirtschaftlichen Fragen beraten lassen. Wir Biologen werden hingegen kaum gefragt. Biologisches Wissen auszuklammern, wäre angesichts der uns konfrontierenden ökologischen, demographischen und sozialen Probleme absurd.“

So soll sich der weltbekannte Verhaltensforscher Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt einmal darüber mokiert haben, dass die Erkenntnisse der Humanethologie in gesellschaftlichen Fragen von der Politik unberücksichtigt blieben.

Das Gegenteil war sogar der Fall: Anstatt die Welt anzuschauen, wie sie tatsächlich ist und wie sie funktioniert, waren Ideologen am Werk, die eine unwissenschaftliche Gleichmacherei betrieben. Dabei genügt es keineswegs, „gut“ sein zu wollen. Man muss sich überdies an der Wirklichkeit orientieren, um zu verstehen, was funktionieren wird und was nicht.

Zerwürfnisse vermeiden

Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt erarbeitete mit seinem Forscherstab unzählige wertvolle Erkenntnisse, die zur Vermeidung der immer größer werdenden gesellschaftlichen Zerwürfnisse beigetragen hätten, wären sie beherzigt worden.

Eibl-Eibesfeldt wurde für seine tierischen und menschlichen Forschungsergebnisse bis zu seinem Tode im Juni 2018 hoch geschätzt. Seine Arbeiten gemeinsam mit Nobelpreisträger Konrad Lorenz oder dem Meeresforscher und Zoologen Hans Hass sind auf der ganzen Welt angesehen.

Im Bezug auf eine multi-ethnische Gesellschaft konnte er drei Erkenntnisse nachweisen, die für die aktuelle Diskussion wissenswert sind. Erstens: Der Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt wies in umfangreichen Studien nach, dass auch der moderne Mensch ein Ergebnis seines „stammesgeschichtlichen Gewordenseins“ ist.

Zuerst kommt die Familie

Das bedeutet, dass der heutige Mensch zwar unzählige Möglichkeit mehr als noch vor fünftausend Jahren hat, seine Emotionen und Gefühle aber den seiner Urahnen gleich sind. Und diese archaische Seite müsse Berücksichtigung finden, wenn man gesellschaftliche Entwicklungen verstehen möchte.

„Es muss zur Kenntnis genommen werden, dass Loyalitäten zu Mitmenschen nach Nähe abgestuft sind. Zuerst kommt die eigene Familie, dann die Sippe und der Freundeskreis und so fort.“ Das Bedürfnis, Verwandte und Angehörige der eigenen Großgemeinschaft zu unterstützen, war in der Evolution durchaus erfolgreich.

Familie wird fortgesetzt

Eibl-Eibesfeldt: „Das familiale Wir-Gruppen-Gefühl wird dabei auf die größere Gemeinschaft übertragen. Man spricht von den anderen Angehörigen der Nation als seinen Brüdern und Schwestern und betont die Ähnlichkeit, die ja Ausdruck einer Verwandtschaft ist, in Kleidung, Brauchtum, Sprache und durch Berufung auf die gemeinsame Geschichte und Abstammung.“

In Begriffen wie „Vaterland“ oder „Muttersprache“ sieht man noch die familiären Bezüge der größeren Gemeinschaften. Der letzte Langzeit-Landeshauptmann von Oberösterreich, Dr. Josef Pühringer, wurde von seinen Landsleuten noch liebevoll „Landesvater“ genannt.

Die größere Gemeinschaft ist die konsequente Fortsetzung der Familie: „Zur Fähigkeit, sich zu behaupten, gehört beim Menschen auch die Fähigkeit, sich mit anderen in gegenseitiger Hilfeleistung zu verbünden.“

Nur so konnten immer größere Aufgaben miteinander bewältigt werden. Doch die Auswahl, mit wem man sich verbündet, hängt von Interessen und Ähnlichkeit ab. Wenn auf den ersten Blick unzureichend viele Ähnlichkeiten vorhanden sind, gehen wir auf Distanz und igeln uns ein.

Individualistische Ellbogengesellschaft

„Im Zusammenhang mit Menschen, die wir nicht kennen, neigen wir dazu, Eigeninteressen rücksichtsloser durchzusetzen und das gefährdet den Zusammenhalt der heutigen Großgesellschaften.“ Das Negativbeispiel sei die individualistische Ellbogengesellschaft.

Nachbarn und Konzernmitarbeiter kennen einander nicht mehr und haben mangels persönlicher Bekanntschaft keine Probleme damit, ihre eigenen Interessen rücksichtslos auf Kosten der anderen durchzusetzen. Das Positivbeispiel wäre eine gut vernetzte Solidargemeinschaft.

Jeder kennt es: Ein gemeinsames Ziel, aber auch ein gemeinsamer Feind, können verbinden und zu Höchstleistungen anspornen. Wobei der Mensch immer lieber in Freundschaft als in Feindschaft lebt, weshalb eine positive Bindung zu bevorzugen sei.

Um aber auf andere zugehen zu können, muss sich der Mensch sicher und geborgen fühlen: „Sicherheit ist eine wichtige Voraussetzung für den inneren und äußeren Frieden. Nur wer sich sicher fühlt, kann auch freundlich auftreten.

Wer Angst hat, zuckt leicht vor dem anderen zurück. Wichtig ist, dass man das Selbstgefühl abstützende Wir-Gefühl von der Basis her über Familie, Kleingruppe, Stamm und Nation wachsen lässt, denn es ist das familiäre Ethos, das uns emotionell bindet.“

Bräuche und Geborgenheit

Der Mensch sucht instinktiv nach Verlässlichkeit. Ist das Handeln seines Gegenüber voraussagbar, planbar – dann ist es sicher. Oder ist es für ihn nicht vorhersehbar, irrational, dann versetzt ihn das in emotionalen Stress, er bleibt in Bereitschaft, Abwehrhaltung.

In intakten Familien können die Menschen ganz sie selbst sein, müssen sich nicht verstellen und können frei sprechen. Die Gebräuche und Gewohnheiten sind sehr ähnlich und die Verhaltensweisen voraussehbar. Man kennt und versteht einander. Das schafft Geborgenheit und ermöglicht einen zwanglosen Umgang miteinander.

Auf die größere Gemeinschaft in einem Staat übertragen sagt ein schönes Sprichwort: „Heimat ist dort, wo ich mich nicht zu erklären brauche.“ In einer multikulturellen Großgemeinschaft, wo sich die Mitglieder nicht kennen und alleine schon durch die kulturelle und sprachliche Barriere nicht verstehen können, ist Vorhersehbarkeit schwer.

Wer sich bei jedem Satz erklären muss, gibt bald erschöpft auf. Eine Abgrenzung gegenüber jenen, die wir nur schwer oder gar nicht verstehen können, findet statt.
Eine normale Scheu vor Fremden und Unbekannten sei stammesgeschichtlich gewachsen und genetisch vorprogrammiert, so der Wissenschaftler Eibl-Eibesfeldt.

In der Evolution hatte diese Skepsis Fremden gegenüber durchaus einen überlebenswichtigen Sinn. Wer wusste in der wilden Urzeit schon, ob die zu Besuch kommenden Angehörigen des Nachbarstammes in friedlicher Absicht kamen oder einen Raub oder Angriff im Schilde führten.

Gesunde Skepsis ist wichtig

Aus der Scheu und gewahrten Distanz Fremden gegenüber ergab sich aber kein Hass auf Fremde, keine Feindschaft. Fremdenfeindlichkeit könne vermieden werden, wenn man berücksichtigen würde, wie sie entsteht. Abtrainieren könne man sie nicht, denn Fremdenfeindlichkeit sei eine normale, menschliche Abwehrreaktion, die auftrete, wenn sich Gruppen oder Individuen bedroht fühlen. Und der Verhaltensforscher warnt unmissverständlich: „Fremdenfeindlichkeit kann ferner durch territoriale Invasion aktiviert werden.“