Wie geht es der Gesellschaft mit den aktuellen Maßnahmen? Lassen sich schon „Langzeitschäden“ ablesen? Wie sehr sind wir psychisch schon alle in der „Krise“ angekommen? Der bekannte Psychiater Raphael M. Bonelli vom RPP-Institut zieht mit uns eine Zwischenbilanz.

Ein Interview geführt durch Jasmin Aigner

Hat sich die Arbeit in Ihrer Praxis seit Corona verändert?
Ich sehe, dass die Menschen schrecklich unter den Maßnahmen leiden, quer durch alle Altersstufen und durch alle Lager. Im ersten Lockdown wurden diese noch relativ gut angenommen. Kurz vor dem zweiten Lockdown hat es sich jedoch schon abgezeichnet, als die ersten Patienten anfingen, darüber zu sprechen. Seither ist der Leidensdruck enorm. Etliche haben das Gefühl, dass die Masken nicht sinnvoll sind. Irritierenderweise kommt hinzu, dass von führenden Experten verkündet wurde, dass Masken etwa im Freien nicht hilfreich sind. So kommt vielen die Maske vor wie ein sogenannter „Gesslerscher Hut“. Hinzu kommt, dass behinderten oder eingeschränkten Personen, die von der Maske befreit sind, häufig mit Aggressionen begegnet wird, was in einigen Fällen sogar zu Handgreiflichkeiten geführt hat.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass die Medien nicht mehr objektiv berichten. Fast die Hälfte der Bundesstaaten in den USA haben die Maßnahmen bereits vollkommen aufgehoben – das wird in den hiesigen Medien so gut wie gar nicht erwähnt. Die Nebenwirkungen der Impfung werden heruntergespielt, die Coronazahlen werden jedoch hinaufgespielt – das alles hat zu einem massiven Vertrauensverlust in die klassischen Massenmedien geführt.

Kann man schon erkennen, welche Langzeitfolgen etwa durch die Maskenpflicht entstehen?
Aus virologischer Sicht mag die Maske Sinn machen. Aus psychiatrischer Sicht ist die Maske eine schwere Last, die die Menschen tragen. Gestik und Mimik gehören zu den zentralen Kommunikationsmitteln. Wenn jemand etwas sagt, ist es für mich ganz wichtig, den Mund zu sehen. Emotionen kann ich bis zu einem gewissen Grad auch an den Augen ablesen, aber der Mund ist ein zentrales Element. Ich persönlich tue mir z.B. sehr schwer, einen Menschen mit Maske zu verstehen und muss dann oft mehrmals nachfragen. Viele Patienten fühlen sich besser, wenn sie mein Gesicht sehen können und auch sie ihr Gesicht zeigen können, sonst fühlen sie sich irgendwie komisch. Einige Patienten haben sogar berichtet, sie fühlen sich hinter der Maske gedemütigt. Es ist ein Gefühl der Anonymität – das merkt aktuell jeder, wenn er durch den Supermarkt geht. Ich habe als Psychiater immer für eine möglichst kurze sowie regional beschränkte Maskenpflicht plädiert, weil die Nebenwirkungen einfach zu massiv sind. Das wird in der Form öffentlich leider kaum bis gar nicht kommuniziert. Dass der Großteil der Bevölkerung den größten Teil des Tages Maske trägt, ist ein Riesenproblem – für die Menschen, für die Kommunikationspsychologie und für das Leben miteinander. Ärzte, die sich gegen eine Maskenpflicht aussprechen, müssen um ihre Zulassung bangen, als wäre es ein Kapitalverbrechen. Die Angst ist allgegenwärtig: davor, keine Maske zu tragen, sich nicht impfen zu lassen und vor möglichen beruflichen Konsequenzen.

Wie sehen Sie die verpflichtenden Massentests in Schulen und generell die Maskenpflicht bei den jüngsten unserer Gesellschaft?
Was psychodynamisch jetzt geschürt wird, ist dieses ständige Thema der Angst. Kinder sind vom Infektionsgeschehen vergleichsweise wenig betroffen, deshalb ist dieser Impetus, der da herrscht, nicht ganz verständlich. Dieses „sicher ist sicher“ ist allgegenwärtig und mit möglichst großer Kontrolle will man das Virus eindämmen. Dieses Verhalten ist uns Psychiatern als Zwangsneurose bekannt: Je mehr man überprüft, umso sicherer ist man, aber der Zwangsneurotiker überprüft halt 20 Mal, ob die Tür geschlossen ist. Gesamtgesellschaftlich ist diese Dynamik neu und die Politiker haben den Mechanismus noch nicht verstanden. Viele Kinderpsychiater haben bereits Alarm geschlagen und ganz klar aufgezeigt, dass es den Kindern nicht gut damit geht.

Können Sie abschätzen, welcher Schaden bisher in der Bevölkerung entstanden ist?
Viele fühlen sich durch den Zwang gedemütigt oder vergewaltigt. Zudem nehme ich als Psychiater wahr, dass auf beiden Seiten des Meinungsspektrums Aggressionen deutlich steigen. Ich versuche in der Mitte zu stehen und für beide Seiten offenzubleiben, aber das wird zunehmend schwieriger.

Wie geben Sie Ihren Patienten wieder Hoffnung, wenn diese am Verzweifeln sind?
Ich versuche sie da abzuholen, wo sie gerade sind. Wenn sie Angst vor der Impfung haben, sage ich ihnen, das Beste ist erst mal abzuwarten. Das Zweite wäre zu sagen, warten Sie ab, ob Sie überhaupt gekündigt werden, im Moment schaut es ja nicht danach aus.

Aus psychotherapeutischen Gründen wäre ich für mehr Offenheit im öffentlichen Leben wieder mehr zuzulassen und nicht alles restriktiv zu betrachten. Es ist aus virologischer Sicht natürlich das Sicherste, wenn jeder Abstand hält und keinen mehr trifft. Aber wir haben auch ein Menschenleben und deswegen kann man das nicht einfach so durchziehen wie in totalitären Staaten und da bin ich recht froh darüber, dass das so ist.

Können Sie uns noch einen positiven Ausblick mit auf den Weg geben?
Ich bin grundsätzlich ein Optimist und glaube, dass das Leben sich immer seinen Weg bahnen wird. Ich glaube, wir Menschen haben schon viele Krisen gemeistert, und Angst ist nie ein guter Ratgeber.

Ich sehe auch viele sehr gelassene Menschen, die auch fähig sind, andere Entscheidungen zu treffen und die Leute zu besänftigen. Ich habe große Hoffnung, dass wir aus der Krise wieder herauskommen. Auch finanziell werden wir schon irgendwie die Kurve kratzen, da bin ich sehr zuversichtlich.

Raphael M. Bonelli ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie Facharzt für Neurologie. Schon zu Beginn der Corona-Krise fiel er in den sozialen Netzwerken mit seinen kritischen Äußerungen zu den Corona-Maßnahmen auf. Vor allem den Mund-Nasen-Schutz betrachtet der Fachmann als sehr bedenklich für unsere Psyche.

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