Die Corona-Krise ist auch an der stets aktiven Tierschutzstelle in Freistadt nicht spurlos vorüber gegangen. Gesundheitlich sind die Betreuer und ihre Vierbeiner zwar alle wohlauf, doch den Spendengeldern hat das Virus in den letzten Wochen des Kontaktverbots ziemlich zugesetzt.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

Emma ist in ihrem Leben schon ein bisschen herumgekommen. Sie diente in der Schweizer Armee, arbeitete danach für einen deutschen Sicherheitsmann und genießt heute ihre Pension im Mühlviertel. Doch im Ruhestand ist die umtriebige Dame noch lange nicht.

„Sie bewacht mir meinen Hof “, sagt Karin Binder (48) schmunzelnd über ihre elfjährige belgische Schäferhündin, die gerade einen kaputten Fußball in ihrem Maul
spazieren trägt und dabei aufgeregt um ihr Frauchen wedelt. Emma folgt ihr fast auf Schritt und Tritt, worüber sich Karin freut.

Liebevoll, aber dennoch mit gebotener Vorsicht, tätschelt sie den Kopf der Hündin. Denn auch, wenn ihre vierbeinige Freundin im Ausgedinge ruhiger wurde, dürfe man sich nicht täuschen: Sie sei zwar friedlich, aber nach wie vor eine Waffe! Mit den anderen acht Hunden im „Sonnhof“ versteht sich Emma gut, und auch mit den restlichen 300 Tieren dort gibt es keine Probleme.

Das große Gut in St. Peter ist das Domizil der Tierschutzstelle und der Tierrettung Freistadt, einer Art Arche Noah, die von Karin Binder und ihrer Familie schon seit 14 Jahren auch in stürmischen Zeiten mit fester und sicherer Hand auf Kurs gehalten wird.

Käufer bleiben aus

Leicht haben es die Tierliebhaber und -betreuer in St. Peter nämlich nicht, auch wenn man das bei oberflächlicher Betrachtung nicht sieht. Im Sonnhof ist das liebe Geld knapp geworden. Schuld daran ist der Shutdown. Seinetwegen sind dort in den letzten Wochen die Besucher ausgeblieben, von denen viele Unterstützer der Freistädter Tierschutzstelle sind, und auch die potentiellen Tierkäufer fehlten.

Dabei wimmelt es in Binders Tierparadies geradezu von Vierbeinern, die sich nach einem neuen Zuhause sehnen. Schützlinge sind nicht nur Katzen und Hunde, sondern auch Esel, Ziegen, Alpakas, Meerschweinchen, Marder, Eichhörnchen, Rehe, Füchse, Feldhasen, Schildkröten …

Hohe Kosten

Im Stall scharren zudem noch acht Araber-Pferde mit den Hufen und alle – vom kleinsten bis zum großen Tier – wollen betreut, gepflegt und gefüttert werden. „Bei den heutigen Heu-Preisen ist das schon eine Herausforderung“, sagt Karin und seufzt. Im selben Moment springt sie auf und wieselt über den Hof, um rasch etwas zu erledigen.

Dazwischen läutet ihr Handy und als sie ausgeredet hat, erklärt sie ihrem Besucher, dass sie auch ein neues Katzenhaus zu bauen beabsichtige. 80 Miezen brauchen eine zeitgemäße Unterkunft. An den Plänen wird gerade getüftelt. Auch das wird wieder ein bisserl was kosten.

Aber dies sind die ganz normalen Probleme im Leben einer Tierschützerin wie Karin, die eine gelernten Tierpflegerin ist und früher auch eine erfolgreiche Military-Wettbewerbsreiterin war. So eine Frau haut so leicht nichts um. Deshalb klagt sie auch nicht, zumal sie im schönsten Beruf arbeitet, den sie sich vorstellen kann und den sie sich auch selbst ausgesucht hat.

Ganze Familie hilft

Doch ohne die Mithilfe ihres Mannes Werner Binder (50), der hauptberuflich Bäcker ist, und ohne die Mithilfe ihrer beiden größeren Töchter Tamara (20) und Lisa (24) wäre die viele Arbeit im Sonnhof wohl nicht zu schaffen. Die jüngste, Anna-Lena (6), darf derweil noch mit den Tieren spielen. Für sie hat das Zupacken noch Zeit.

Für die anderen aber sind tierische Tag- und auch Nachteinsätze nichts Ungewöhnliches. Vorige Woche gab es für Karin sozusagen eine Alarmausrückung in Richtung Linz, wo ein verwahrloster und im Stich gelassener belgischer Schäferhund namens „Candy“ in Obhut genommen werden musste.

„Es wollte sich sonst keiner um ihn kümmern.“ Die Tierrettung Oberösterreich hatte nämlich just in diesen Tagen den Betrieb eingestellt und andere Organisationen fühlten sich für dieses Hundeproblem nicht zuständig. Per Facebook wurde Frau Binder von einer Bekannten schließlich über das Malheur informiert.

Licht und Schatten

Das Herrchen von „Candy“ liege im Spital, hieß es, und sein lädierter Hund sei in der Wohnung sich selbst überlassen. Im Sonnhof wird der leicht verwahrloste „Candy“, auf den auch noch eine Tumoroperation warten dürfte, jetzt versorgt. Dies sei ein echter Problemfall, sagt Karin. Aber es gibt auch Lichtblicke.

„Zu Beginn des Corona-Ausbruchs haben wir von einer Frau einen einjährigen Schäferhund namens Oka bekommen“, erzählt sie, „der jetzt – nach einer weiteren Ausbildung – zum Polizeihund wird.

Tierische Langzeitgäste

Darauf ist Karin ziemlich stolz: „Er ist mein Kämpferherz.“ Oka hat ihre Gastfreundschaft nicht lange beanspruchen müssen. Andere sind oft zwei, drei und noch mehr Jahre da. „Drei Langzeitgäste haben wir unlängst aber an neue Besitzer gebracht“, sagt Karin erleichtert.

Einer dieser drei Hunde ist sogar in die Obhut einer deutschen Familie aus Mönchen-Gladbach gekommen. Die hat den putzigen „American Akita“ (sieht etwa aus wie eine Kreuzung aus Husky und Spitz) im Internet gesehen und sich auf Anhieb in das Tier verliebt. Bei den neuen Besitzern dürfte er es gut haben.

Erfolgserlebnisse

Es gibt aber auch andere „Tierfreunde“. „Die kaufen sich am Freitag einen Rassehund oder eine Rassekatze und bringen die Tiere schon am Montag zu uns, weil diese nicht zum Sofa passen“, echauffiert sich Karin und schüttelt dazu verständnislos den Kopf.

Manchmal freilich gelingt es ihr, diese Menschen schon am Telefon durch Aufklärung von
ihrem Vorhaben abzubringen. Das sind dann ihre Erfolgserlebnisse, und Gott sei Dank gibt es davon auch nicht gerade wenige.