„Die nächsten Wochen werden entscheidend sein.“ – Mit diesem Satz wird Rudolf Anschobers Amtszeit den Österreichern wohl in Erinnerung bleiben. Nach mehr als einem Jahr der entscheidenden Wochen gibt er nun auf. Der Druck aus der leidgeprüften Bevölkerung einerseits und das Aufflammen der ÖVP-Skandale andererseits dürfte dem Grünen zu viel geworden sein. Er sprach von Überarbeitung, die Kraft sei ihm ausgegangen. Droht jetzt der Regierungszerfall?

Von Bernadette Conrads

Die 15 Monate die Anschober hinter sich habe, hätten sich wie 15 Jahre angefühlt, erklärte er. So ging es auch vielen Österreichern. Rudolf Anschober war bestimmt nicht das beliebteste, aber mit Sicherheit das bekannteste grüne Gesicht der österreichischen Bundesregierung. Seine Lockdowns trieben unzählige Menschen in existenzielle Nöte. Über die mehr als 30.000 kritischen Stellungnahmen der Österreicher zu seiner Diktatur-Novelle, die unvorstellbare Einschränkungen und rigorose Strafen für die Bürger vorsieht, sah er einfach hinweg. Sein oberlehrerhafter Stil sorgte dabei für noch mehr Unmut. Seit November sei er aufgrund der Wut in der Bevölkerung unter Polizeischutz gestanden. Zu Ostern erntete Anschober noch einen heftigen Shitstorm für den Osterlockdown. Nutzer fragten ihn auf Facebook unter anderem: „Was tragen Sie eigentlich in der Brust, Herr Minister, ein Herz kann es wohl nicht sein?“

Will sich nicht kaputt machen

Anschober versprach für die Zukunft unter anderem einen Ausbau der psychosozialen Betreuung in Österreich. Er habe die größte Gesundheitskrise aller Zeiten steuern müssen und das sei eine „unvorstellbare Herausforderung“ gewesen. In Bezug auf „Kontrolle und Steuerung“ sprach der abtretende Gesundheitsminister auch von Verantwortung, Belastung und Überlastung. Kürzlich habe er dann festgestellt, dass viele Gesundheitsminister in der EU bereits aufgegeben hätten. So nehme in Tschechien bereits der vierte Gesundheitsminister „die Pandemie in Angriff“, rechtfertigte Anschober seinen Rücktritt. Steigende Blutdruckwerte, ein Kreislaufkollaps und ein Tinnitus und ein neuerlicher Kreislaufkollaps hätten ihm gezeigt, dass er überlastet sei. „Ich will mich nicht kaputt machen.“, erklärte der 60-Jährige.

Beidlgate-Ablenkung: Rücktritt kommt Türkisen gelegen

Es dürften auch die Friktionen mit einer ÖVP, die zunehmend in die Enge gerät, sein, die letztlich zu Anschobers Abtreten führten. Sie versucht derzeit unter anderem „Beidlgate“ und die Postenschacheraffäre rund um den Chef der ÖBAG auszusitzen. Der Rücktritt des grünen Gesundheitsministers kommt den Türkisen nun gelegen. Oft habe sich Anschober in der Regierung mit seinen Plänen allein gelassen gefühlt, er habe die geplanten Öffnungen der Gastgärten gestoppt und das sei sehr wichtig gewesen. Er vermisse die „unverfänglichen“ Gespräche in der Westbahn und den Wiener U-Bahnen und dankte der Cobra für den Personenschutz. Dennoch zeigte er sich stolz darüber, dass mittlerweile 300.000 Testungen pro Tag stattfinden und so viele der „impfbaren“ Österreicher bereits geimpft seien.

Shitstorm für Osterlockdown

Dass die Österreicher nicht einmal zu Ostern uneingeschränkt ihre Familien besuchen konnten, sorgte für viel Unmut in der Bevölkerung. Eine Nutzerin erklärte gegenüber Anschober: „Sie leben schon allein auf Ihrer eingebildeten Insel? Weit weg von der Realität. ‚Frohe Ostern‘ wünschen und uns bestrafen wenn wir unsere Liebsten treffen möchten um ‚Frohe Ostern‘ zu feiern. Schämen Sie sich für diese Doppelmoral!“ Die Frau ist dabei kein Einzelfall, es war ein regelrechter Shitstorm, der auf Anschobers Social-Media-Kanälen auf ihn niederging.

Zu Ostern war Anschober noch „voller Hoffnung“:

 

Folgt ÖVP-Enthüllung?

Österreich brauche einen Gesundheitsminister der fit ist und das sei Anschober nicht, gestand er nun am heutigen 13. April ein. Bis ein neuer Gesundheitsminister angelobt sei, werde der grüne Vizekanzler Werner Kogler seine Agenden übernehmen. Anschober kündigte an, sich nun um seine Gesundheit zu kümmern. Später wolle er einen politischen Roman schreiben und erklärte diffus: „Vielleicht gab es in den letzten Monaten den ein oder anderen Inspirationsquell“. 

Jetzt sind mehrere Nachfolger für den Gesundheitsminister im Gespräch. Medien nennen den Wiener Arzt Wolfgang Mückstein, die Salzburger Stadträtin Martina Berthold, die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz und den grünen Ex-Bundesgeschäftführer Stefan Wallner als derzeitige Nachfolge-Kandidaten.

Mehr zum Thema: